Schulleiters Tagebuch

Tag 531 der Baustelle

Bei aller Hektik, bei allem Zusätzlichen, trotz der Zeiten, wie sie sind, darf eine liebgewonnene Gewohnheit nicht ausbleiben: mein jährlicher Weihnachtsbrief ans Kollegium, ganz in der Form: „old-school“, wie eine Kollegin anmerkte, also per guter alter Briefpost nach Hause.

Tag 528 der Baustelle

So, auch diese „neue Zeit“, dieser bisher unbekannte Zustand ist geschafft. Heute beginnen offiziell die Weihnachtsferien, Schulen wurden nicht früher geschlossen, wem immer das auch genutzt hat. Jetzt ist erstmal Zeit zum Durchschnaufen in der Hoffnung, dass ein neues Jahr 2021 für die Schule mehr Ruhe bringt als das zu Ende gehende, in welchem wir quasi die Schule gleich zweimal „neu erfinden“ mussten.

Draußen auf der Baustelle ist offensichtlich auch das Ziel erreicht, den Rohbau bis Weihnachten fertigzustellen. Jedenfalls wird das Gerüst abgebaut. Wie ich hörte, nur für das Wochenende, denn am Montag soll der Bau erneut eingerüstet werden. Offensichtlich fand sich eine Firma, die das etwas breitere Gerüst für den weiteren Bauablauf preisgünstiger stellt als die Rohbaufirma.

Tag 526 der Baustelle

So, die Zeit einer neuen Erfahrung ist angebrochen: Es besteht für drei Tage keine Präsenzpflicht für Schülerinnen und Schüler, um die steigenden Infektionszahlen möglichst einzudämmen, ohne die Schulen zu schließen. Ich benötigte einige Zeit, um diese Regelung zu verstehen, denn worin besteht der Unterschied zwischen einer Schulschließung mit der Möglichkeit der Notbetreuung für Kinder, die zu Hause nicht betreut werden können und der Aufhebung der Präsenzpflicht? In beiden Fällen sind die Schulen nahezu leer. Der juristische Feinsinn feiert hier fröhlichen Urstand: zwei anscheinend bedeutende Fakten markieren den Unterschied. Im Falle der Schulschließung zeichnet das Land dafür verantwortlich, wenn das Grundrecht auf Bildung außer Kraft gesetzt wird und die Bildungsziele der jungen Generation an drei Tagen nicht erreicht werden. Wenn Eltern ihre Kinder bei fehlender Präsenzpflicht zu Hause lassen, tragen sie die Verantwortung. Im Falle der Schulschließung muss zweitens so etwas wie Fernunterricht oder andere pädagogische Angebote gemacht werden, im Falle der aufgehobenen Präsenzpflicht findet Unterricht ja statt, an dem man teilnehmen könnte. Von unseren 850 Schülerinnen und Schülern nahmen 848 die Aufhebung der Präsenzpflicht wahr. Für zwei Kinder den Stundenplan aufrecht erhalten? Das will natürlich in keiner Richtung einen Sinn ergeben. Was ist dann aber mit der Dienstpflicht der Lehrkräfte? Verordnete Anwesenheit in einer leeren Schule nach Stundenplan? Die Nachrichten und Regelungen überschnitten sich per Mail. Das Ministerium schrieb, die Schulaufsicht präzisierte, der Hauptpersonalrat antwortete auf eine Nachfrage und die Direktorenvereinigung fragte nach. Letztendlich mussten Schulleiter und ihre weiblichen Kolleginnen eine Entscheidung vor Ort treffen. Sie nehmen den Raum dazwischen ein, auf der einen Seite der Schulaufsicht verpflichtet, auf der anderen Seite gilt es eine nachvollziehbare Entscheidung zu treffen, die auch in ein motiviertes Kollegium hineinstrahlt. Ich versuchte mich nahe an einer salomonischen Formulierung, hob die Präsenzpflicht an der Schule auf, setzte aber Dienst im Rahmen des Stundendeputats an, was durchaus dem Rahmen der ministeriellen Anordnungen nahekommt. Letztendlich stellte sich diese Regelung auch als eigentlich gewollt heraus, sie ging nur in einer etwas verzwickten Kommunikation unter. Lehrkräfte haben also nicht drei Tage länger Ferien, diesen einen Eindruck wollte man partout vermeiden.

Tag 524 der Baustelle

Ja, wie ist das denn möglich: Da gewinnt eine Schülerin unserer Schule einen Bundespreis im Europawettbewerb und ich erfahre erst im Nachhinein, dass sie sogar nach Berlin fuhr und dort im Paul-Löbe-Haus bei der Ausstellungseröffnung mit der Vizepräsidentin des Bundestages, Claudia Roth, eine Rede hielt. Das ist doch ein Ereignis erster Güte. Das muss doch bekannt werden. Also informierte ich die Tageszeitung, die bisher auch nicht darüber berichtete. Heute nun fand das Pressegespräch in meinem Büro statt. Lebendig erzählte die Schülerin von den Eindrücken in Berlin, fügte hier noch ein Detail ein und dort ein Erlebnis, das Siegerbild lag ausgedruckt vor uns auf dem Tisch…da bin ich mal auf den Artikel gespannt.

Tag 520 der Baustelle

Da es draußen auf dem neuen Pumptrack neben der Schule in Wachenheim einen Vorfall vor dem Unterricht gab, wollte ich mir heute von dieser neuen Attraktion einen frühmorgendlichen Live-Eindruck abholen. Hui, da war um viertel vor acht Uhr ganz schön was los. Da sausen die kleinen Roller für mich zu schnell über die hügelige Bahn, Jungs rufen lautstark: „Aus dem Weg!“, zu Fuß laufende Jungs springen zur Seite – mir stockte fast der Atem. Dass es hier auch schon mal emotional „eng“ werden kann, konnte ich mir gut vorstellen. Dennoch: Ein blaues Auge wegen eines heftigen Schlages kann hier dennoch niemand dulden!

Tag 519 der Baustelle

Da hören wir – in einem Fall – über Jahre nichts voneinander, im anderen Fall auch schon Monate nicht mehr, und dann erhalte ich von zwei Kolleginnen aus der Zeit in meiner ehemaligen Schule am gleichen Tag eine Nachricht. Beide waren in einem Jahrgangsteam, für welches ich als Stufenleiter verantwortlich war. Jaja, die alten Zeiten stecken uns Dreien noch immer im Geäst oder im Gedächtnis. Eine schöne Zeit, die ich trotz aller Erlebnisse als Schulleiter nicht missen möchte, oder vielleicht auch: Eine Zeit, die mir für eben diese Aufgabe die Grundlage schuf, von der ich bis heute noch zehre.

Tag 518 der Baustelle

Die Corona-Lage verschärft sich zunehmend, allerdings nicht bei uns in der Schule. Täglich muss ich dort in dem neu eingerichteten Portal die Zahlen der Schule eingeben und zwar nach Verdacht oder nach Bestätigung bei Lehrkräften und Schülerinnen und Schüler. Heute steht in allen vier Feldern seit Tagen wieder einmal eine Null.

Tag 514 der Baustelle

Ein richtiges Heimspiel, würde es im Fußball heißen: ein Unterrichtsbesuch in Deutsch zum Thema Kurzgeschichte. Da kenne ich mich aus, damit habe ich selbst lange gearbeitet und diese Gattung der Literatur empfand ich immer wieder als vom Feinsten. Ähnlich der Lyrik muss Sprache Wort für Wort kunstvoll gesetzt werden und hier wie dort geht es darum mit Sprache den Inhalt zu befördern. Mit den ersten Worten sind die Leser bereits mittendrin, ohne viel Worte der Einleitung fallen sie direkt in die Handlung, die einen kleinen aber aussagestarken Ausschnitt des Lebens beschreibt, verdichtet und oft schon im Titel andeutet. Heute ging es um eine Kurzgeschichte von Kurt Marti, die ich bisher gar nicht kannte. Eine schöne Stunde mit eifrigen Schülerinnen und Schülern. Da pulsierte die Schule, da war Atmosphäre drin, da hat ganz Vieles gestimmt. Was wohl die aus dem Studienseminar dazu gesagt hätten? Ich jedenfalls war rundum zufrieden.

Tag 513 der Baustelle

Ist wohl schon einige Jahre her, dass wir eine Wechselprüfung vom Lehramt für Grund- und Hauptschule zum Lehramt an Realschulen plus im Hause hatten. Heute war es soweit, die vermutlich letzte dieser Art, verzögert durch die Geburt eines Kindes und der sich anschließenden Elternzeit. Wir starteten in einer sechsten Klasse in Wachenheim. Wieder einmal fuhr der dazugehörige Fachleiter zunächst nach Deidesheim, jaja, der Doppelstandort…Nach der Stunde hieß es dann auf nach Deidesheim, für uns irgendwie Alltag, zumindest für einen Teil der Lehrkräfte, eine Besonderheit für die Prüferinnen. Eine davon erkannte ich aufgrund der Liste der Prüferinnen gar nicht am Namen, obwohl sie mir aus früheren Jahren bekannt war. Sie hatte einfach geheiratet und war „mir dann irgendwie durchgerutscht“. Der Kontakt war aber trotz Maske schnell wiederhergestellt.

Tag 511 der Baustelle

Seit Monaten (oder etwa seit über einem Jahr?) lag die Baustelle nicht so still da wie heute. Der Grund: erstmals in diesem Winter herrschte Frost. Da ist dann kein Beton zu verfüllen und die Bewehrungseisen sind am Boden gefroren. Die oberste Decke ist zur Hälfte geliefert, noch liegen einige der vorgegossenen Platten auf dem Boden. Gestern schienen drei, vier Platten falsch gegossen worden zu sein, denn mittels einer laut kreischenden Trennscheibe wurden sie halbiert. So viel daneben gegossen? Schließlich hörte ich, ob es stimmt, vermag ich nicht zu sagen, dass durch die Hebelwirkung der Kran die großen Deckenplatten nicht bis hinten an die Südseite heben konnte. Jedenfalls zog eine nicht zu verachtende Betonstaubwolke über den Schulhof und in Zeiten der intensiven Lüftung und der offenen Nottüren zog der Staub wie Nebel in die Flure. Hmm, Gesundheitsgefährdung durch Betonstaub oder durch Coronainfektion? Es handelte sich aber um wenige Platten, so dass der Staub sich gelegt hatte, bevor wir reagieren konnten. Jetzt haben die Reinigungskräfte die zusätzliche Arbeit.

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Die bisher erschienen Bücher sind erhältlich im: www.littera-verlag.de/Bücher
(Das Autorenhonorar kommt dem Förderverein der IGS zu Gute.)

Letztens 2 Soeben erschienen:
„Letztens 2 - ,
Erlebtes rund um die Schule“
2020

Tagebuch 5
„Schulleiters Tagebuch 5,
Warten auf den Bau“
2017 – 2019

Letztens 1 „Letztens –
Schulleiters Tagebuch ergänzende Kolumnen“

tagebuch_4_ "Schulleiters Tagebuch 4,
Der Weg zum Abitur
2014 - 2017"

Tagebuch 1-3"Deshalb IGS -
Positionen und Hintergründe zur Integrierten Gesamtschule mit Beiträgen aus Schulleiters Tagebuch 1 bis 3"

Tagebuch 3 "Schulleiters Tagebuch 3,
Die ersten Abschlüsse,
2012 - 2014"

Tagebuch 2 "Schulleiters Tagebuch 2,
Der Start in Deidesheim,
2010 - 2012"

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Der Start in Wachenheim,
2010 - 2012"