Schulleiters Tagebuch

Tag 637 der Baustelle

Die Ferien über behielt ich die eingehenden E-Mails im Auge, denn die Selbststests sollten direkt an die Schulen geliefert werden. Nun ist das bei uns ja so eine Sache mit den zwei Baustellen. Da unterstützen sich die Hausmeister gegenseitig. Nicht immer ist dadurch die Schule an beiden Standorten besetzt. Und mit der Post „auf die Baustelle“ ist es in Deidesheim eh so eine unsichere Sache. Also: Augen auf, nicht, dass die Tests bei uns nicht ankommen. Ja, nach den Osterferien sollen alle Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben, sich selbst zu testen, natürlich freiwillig.

Tag 632 der Baustelle

Bereits seit letzten Herbst wusste ich, dass Andreas Maiers achter Band in seinem Romanzyklus Ortsumgehung im März dieses Jahres erscheinen würde. Kein Wunder also, dass das Buch auf meiner Wunschliste zum Geburtstag stand Und tatsächlich: Heute morgen lag es auf dem Frühstücktisch, liebevoll eingepackt und neben dem selbstgebastelten Ordner meines Sohnes. „Wenn du…“ ist sein Titel und beinhaltet zum Beispiel einen Zettel mit der Aufschrift „Zerknüll mich“ und steht auf der Seite: „Wenn du einmal wütend bist“. Doch zurück zu Maier. In dem Band Die Städte geht es um die Urlaubsreisen, die Maier als Kind und Jugendlicher unternehmen „musste“. Freilich erwarte ich keine idyllischen Reiseschilderungen, vielmehr, so las ich es bereits in Rezensionen, geht es um die Reise zu sich selbst – handelt doch die gesamte Ortsumgehung in verschiedenen Stationen von der autofiktional geschilderten (Selbst-) Werdung zum Schriftsteller. Tatsächlich steht in der Danksagung am Ende des Buches auch der Dank an die Stadt Deidesheim. Denn er ist ja immer noch „unser“ Turmschreiber. So harre ich denn gespannt darauf, das Buch zu lesen, handelt es doch um Reisen zu verschiedenen Städten und Ländern, ausgerechnet in dieser coronageprägten „Zu-Hause-bleiben-Zeit“. Noch habe ich aber zunächst anderes (fertig) zu lesen.

Tag 625 der Baustelle

Schnell noch ein paar wesentliche Punkte vor den Osterferien. Zum einen tagte gestern eine Gruppe von Lehrkräften, um den Bereich der Informatik künftig auf mehrere Schultern verteilen zu können. Zum einen betrifft das den ganzen Bereich des Stunden- und Vertretungsplans, zum anderen das Verwaltungsprogramm und die Statistik. Ein ganz schöner Brocken, dessen Arbeitsintensität sich durch neue Verfahren und Programme ein gutes Stück erhöht hat. Eine endgültige Regelung ist noch nicht gefunden, aber immerhin konnten wir Bereiche und Personen enger abstecken. Da wird noch das eine oder andere Treffen notwendig sein.

Tag 622 der Baustelle

Wie jetzt? Was macht denn der tonnenschwere Autokran mit seinen sechs Achsen und stabilen Auslegern auf dem Schulhof? Da ist doch nichts Schweres zu heben? Ich staunte nicht schlecht, als ich später sah, dass er die Bitumenrollen und Packen aus Styropor zur Abdichtung aufs Dach hievte. Aber dazu bräuchte man doch keinen derart lastentauglichen Autokran, der gut und gerne mehrere Tonnen heben könnte. Naja, irgendwer wird sich hoffentlich etwas dabei gedacht haben. Billig war dieser Einsatz sicher nicht.

Tag 619 der Baustelle

Nochmal zwei Musikstunden, die aber ruhiger verliefen als gestern. Die Arbeiter machten sich eine Etage tiefer und zwei Klassenräume weiter weg ans Werk. Das störte durch stärker gedämpften Lärm wesentlich weniger. Beim Blick durchs Fenster sah eine mittelprächtige Bescherung. Der weiße Hubsteiger hatte sich gestern, so wurde mir berichtet, in der aufgeweichten Wiese festgefahren. Durch das mehrmalige Hin- und Herfahren beim Versuch, festen Boden unter die Füße zu bekommen, fräste er tiefe Spuren in den Boden und schaffte es doch nicht. Ein zweiter LKW mit Seilwinde wurde daraufhin angefordert, welcher ihn dann herauszog, ebenfalls tiefe Spuren hinterlassend. Die ehemalige Wiese gleicht jetzt eher einem Kartoffelacker oder einem Gelände, welche Wildschweine auf der Suche nach Trüffeln hinterlassen haben. Durch die A- und B-Gruppen und die freien Tage beim mündlichen Abitur habe ich noch immer nicht alle Schülerinnen und Schüler im Präsenzunterricht gesehen.

Tag 618 der Baustelle

Jahrgang 5, zwei Musikstunden in Wachenheim konnten nicht wie geplant stattfinden. Im Rahmen des Austauschs der Fenster mussten die alten, feststehenden Sonnenschutz-Lamellen aus Aluminium über den Fenstern auf der Südseite „zurückgebaut“, das heißt abgerissen werden. Erneut in einer „Operation am offenen Herzen“, denn wenn zwei Arbeiter genau vor dem Fenster des Klassenzimmers im Korb des Hubsteigers arbeiten, ist an Unterricht nur bedingt zu denken. Einen Meter unterhalb des Fensters wurden die Schraubenköpfe funkensprühend „weggeflext“. Anschließend die Lamellen und deren Befestigung mit einem Brecheisen rausgerissen. So laut konnte ich die Musik gar nicht aufdrehen, als dass sie störungsfrei zu hören gewesen wäre. Also standen wir dichtgedrängt und mit Masken an den Fenstern (Lüften mussten wir ja auch noch) und die Kids johlten oder applaudierten immer dann, wenn eine weitere Lamelle krachend zu Boden fiel. Bin gespannt, wie die neuen Fensterelemente, die zum Teil bereits nach den Osterferien eingebaut sein sollen, das Gebäude verändern.

Tag 615 der Baustelle

An den letzten Eintrag anknüpfend, habe ich auch erfreut die Abiturergebnisse zur Kenntnis genommen. Mit einem Gesamtschnitt von 2,6 und Abschlüssen, die mit Durchschnittsnoten von 1,4 bis 3,6 reichen, ein völlig normales Abitur, auf welches auch die Schule zufrieden blicken kann. So bestätigte es mir auch die Schulaufsicht und gratulierte auch dem Kollegium zu diesem Ergebnis.

Seit gestern ist das Schulleitungsteam wieder komplett. Die Stelle der Stufenleitung 7/8 war ja seit den Sommerferien nicht besetzt. Gestern trat ein der erfolgreiche Bewerber einen Dienst bei uns an. Er kommt von einer anderen IGS und wird uns sicher guttun mit seinen bisherigen Erfahrungen, die er jetzt bei uns einbringen kann. Sei herzlich willkommen bei uns, mein Lieber!

Tag 611 der Baustelle

Das war also das Abitur 2021 unter Coronabedingungen. Es verlief abgesehen davon aber in geregelten Bahnen, brachte hier Erfolge, dort nicht die nötige Punktzahl, hier Tränen der Anspannung und Enttäuschung, dort welche der Freude. So gesehen also völlig normale Prüfungen, wie ich sie seit Jahren, Moment mal, seit Jahrzehnten, kenne. Wenn da diese unsägliche Pandemie sich nicht auch hier hineinschleichen würde. Aber das habe ich ja bereits ausreichend geschildert. Lieber zu den reichhaltigen Inhalten, die ich in der Rolle des Prüfungsvorsitzenden heuer erleben durfte. Die Rolle des Fachprüfers konnte ich ja nirgends übernehmen, weil ich nicht im Unterricht der Oberstufe eingesetzt bin.

Tag 609 der Baustelle

Welch ein unangenehmes Geräusch es ist, wenn in Beton gebohrt oder geflext wird, musste ich heute wieder in Wachenheim erleben. Dort ist begonnen worden, die Glas-Beton-Steine rauszureißen. Der gesamte Bau scheint dabei zu vibrieren. Doch die Musikstunde verlief ähnlich der von gestern sehr schön. Alle haben nach ihrer Einschätzung den Fernunterricht im Grunde gut hinter sich gebracht. Hier waren es mal zu viele Videokonferenzen, dort mal zu viele Aufgaben im Wochenplan, und wieder bei einem anderen war die Technik an manchen Tagen fehlerhaft. Aber insgesamt kam diese halbe Klasse recht entspannt aus den Häusern zurück in die Schule. Auch den geteilten Pausenhof, die Desinfektions- und Maskenregeln scheinen keinem wirklich ein Problem zu bereiten. Schön. Allerdings drängten sich auf Nachfragen dann doch negative Äußerungen nach vorne: Sportverein dicht, kein Schwimmbad und vor allem keine Freunde treffen. Im Grunde steht ja das ganze Leben dieser Kinder auf nur einem Bein, und das steht zu Hause mit Fernunterricht. Ich vermag es nicht einzuschätzen, was der Virus in dieser Generation als Langzeitfolgen hinterlässt…

Tag 608 der Baustelle

Vom Beginn des Wechselunterrichts gestern habe ich gar nichts mitbekommen. Dadurch, dass wir die Projektstunden und den Klassenrat auf Montag erste und zweite Stunde gelegt haben, damit die Kinder angemessen in Empfang genommen werden können, sind meine Musikstunden auf Dienstag verlegt. Dann also heute: Ein Wiedersehen der besonderen Art. Bereits auf dem Schulhof sind einige Schülerinnen und Schüler auf mich zugelaufen und begrüßten mich, fast möchte ich sagen stürmisch. Wie es halt so unter Masken geht. Ich fragte sie gleich nach dem Kran, der da in den Himmel ragte und doch erst in zwei Wochen kommen sollte. „Wir kriegen neue Fenster! Wissen Sie das nicht? Sie sind doch Schulleiter! Schauen Sie mal das Treppenhaus, das ist schon abgehängt!“ Tatsächlich, vor dem Gerüst der letzten Woche ist ein Rahmen aus Dachlatten gezimmert und die Zwischenräume mit Folie verhängt und verklebt worden. Eine provisorische Tür führt direkt an die Glasbausteine, die jetzt alle rauskommen.

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Die bisher erschienen Bücher sind erhältlich im: www.littera-verlag.de/Bücher
(Das Autorenhonorar kommt dem Förderverein der IGS zu Gute.)

Letztens 2 Soeben erschienen:
„Letztens 2 - ,
Erlebtes rund um die Schule“
2020

Tagebuch 5
„Schulleiters Tagebuch 5,
Warten auf den Bau“
2017 – 2019

Letztens 1 „Letztens –
Schulleiters Tagebuch ergänzende Kolumnen“

tagebuch_4_ "Schulleiters Tagebuch 4,
Der Weg zum Abitur
2014 - 2017"

Tagebuch 1-3"Deshalb IGS -
Positionen und Hintergründe zur Integrierten Gesamtschule mit Beiträgen aus Schulleiters Tagebuch 1 bis 3"

Tagebuch 3 "Schulleiters Tagebuch 3,
Die ersten Abschlüsse,
2012 - 2014"

Tagebuch 2 "Schulleiters Tagebuch 2,
Der Start in Deidesheim,
2010 - 2012"

Tagebuch 1 "Schulleiters Tagebuch,
Der Start in Wachenheim,
2010 - 2012"