Schulleiters Tagebuch

Freitag, 19. März 2021


Tag 619 der Baustelle

Nochmal zwei Musikstunden, die aber ruhiger verliefen als gestern. Die Arbeiter machten sich eine Etage tiefer und zwei Klassenräume weiter weg ans Werk. Das störte durch stärker gedämpften Lärm wesentlich weniger. Beim Blick durchs Fenster sah eine mittelprächtige Bescherung. Der weiße Hubsteiger hatte sich gestern, so wurde mir berichtet, in der aufgeweichten Wiese festgefahren. Durch das mehrmalige Hin- und Herfahren beim Versuch, festen Boden unter die Füße zu bekommen, fräste er tiefe Spuren in den Boden und schaffte es doch nicht. Ein zweiter LKW mit Seilwinde wurde daraufhin angefordert, welcher ihn dann herauszog, ebenfalls tiefe Spuren hinterlassend. Die ehemalige Wiese gleicht jetzt eher einem Kartoffelacker oder einem Gelände, welche Wildschweine auf der Suche nach Trüffeln hinterlassen haben. Durch die A- und B-Gruppen und die freien Tage beim mündlichen Abitur habe ich noch immer nicht alle Schülerinnen und Schüler im Präsenzunterricht gesehen.

Um Zehn Uhr traf dann die Delegation der Kreisverwaltung ein. Im Rahmen des Digitalpaktes ist im laufenden Haushalt eine sechsstellige Summe eingeplant, mit welcher die kreisweit gleichen digitalen Klassenzimmer eingerichtet werden sollen. Das bedeutet, dass in jedem Raum ein großes Panel, einem überdimensionierten Bildschirm nicht unähnlich, angebracht wird. Hinzu kommt dann noch ein Lehrertisch mit eigenem Computer, mit welchem dieser große Touch-Screen bedient werden kann. Am Standort Wachenheim, wo kein Abriss des Gebäudes stattfinden wird, haben wir bereits über einige Jahre immer mal wieder interaktive Tafeln angeschafft, die auch noch funktionieren. Selbstredend sollen diese jetzt nicht rausgerissen werden, aber sie werden nicht mehr ersetzt, so dass die neuen Touch-Panels nach und nach eingebaut werden. Über 400.000 Euro waren dazu durch das von der IGS erstellte Medienkonzept zusammengekommen. Davon sollen im Haushaltsansatz dieses Jahres 310.000 Euro bereitgestellt werden. Kreisweit übersteigen die Kosten der einzelnen Medienkonzepte die Zuwendungen aus dem Digitalpakt, so dass hier und dort zwar nicht gekürzt, aber getreckt werden muss. Unsere funktionierenden interaktiven Tafeln mit den anfälligen Beamern, die nicht direkt ersetzt werden müssen, kamen diesem Gedanken recht nahe. Also gingen wir Raum um Raum durch und legten fest, wo eine alte Tafel rausgenommen und bereits das digitale Klassenzimmer eingerichtet werden soll. So kommen der Computerraum und der Nawi-Saal endlich zu der modernen Ausstattung.

Und dann trafen langsam die schön gekleideten Abiturientinnen und Abiturienten ein in ihren langen Ballkleidern, besonderen Anzügen oder Jacketts. Eine lange unsichere und dann doch bis ins Kleinste coronagemäß geplante Zeugnisausgabe kündigte sich an. Eine Abiturfeier im eigentlichen Sinn durfte nicht stattfinden. Die Reifezeugnisse mit der Post versenden wie im vergangenen Jahr, wollten wir angesichts der letztjährigen enttäuschten Rückmeldungen auch nicht. „Wir haben ja viel dazu gelernt“, heißt es immer in den Medien. Wir als Schule auch und sind schon so etwas wie kleine Experten für den Coronavirus. Also hatten wir beschlossen, eine etwas erweiterte Zeugnisausgabe durchzuführen. Anwesend waren nur die Abiturientinnen und Abiturienten, die Eltern hätten die Zahl der nach dem Hygieneplan erlaubten Anwesenden gesprengt. Wir stellten die genaue Anzahl von Stühlen in der Turnhalle mit Abstand von zwei Metern auf, es herrschte Maskenpflicht, die Fenster standen offen, schließlich hatten dort auch vor kurzem die schriftlichen Prüfungen stattfinden dürfen. Kleinere Schülergruppen hatten in selbst gedrehten Videofilmen all das zusammengetragen, was eine Abiturfeier ausmacht: Erinnerungen an die Zeit der Oberstufe, Lehrer-Sketche, nachgestellte lustige Unterrichtsszenen, witzige Lehrerinterviews usw. Diese Sequenzen wurden zu einem Film zusammengeschnitten, den wir uns alle sehr zum Vergnügen auf der eigens organisierten größeren Leinwand anschauen konnten. Ansonsten waren nur zwei Live-Reden erwünscht, die der Oberstufensprecher und die des Schulleiters. Dann folgte die Zeugnisausgabe kursweise und mit Abstand, ebenso die Verleihung der verschiedenen Preise für besondere Leistungen.

Wie in allen meinen Abiturreden wollte ich dem Jahrgang Gedanken von dieser Feier und damit von ihrer Schulzeit für das Leben mitgeben. In diesem Jahr wählte ich „Das Finden der eigenen Mitte“ aus. Dazu zeigte ich zunächst ein Foto einer unserer Mohnblumen aus dem Garten. Die grellroten und gelbgefleckten Blütenblätter dienen lediglich als Lockmittel für die Insekten. Das Eigentliche, um das es geht, findet sich in der Mitte: Der Stempel mit dem Blütenstaub und der Kapsel, aus denen sich einmal die Samen herausbilden. Ich denke, dass das Leben wie in diesem Bild stattfindet. Nicht die grellen Lockmittel, denen wir so gerne nachhängen und erliegen, sind entscheidend. Nur auf die eigene Mitte kommt es an. Dort ist so viel an Kraftzentrum vorhanden, dass sogar eine Krise wie die Corona-Pandemie gut zu überstehen ist. Unsere Lebensaufgabe besteht also darin, sich auf die Suche nach der eigenen Mitte zu machen. Gemessen an diesem Weg ist alles andere zweitrangig. Auch ein weiteres Foto von „unserem“ Labyrinth in Deidesheim gab keine Antwort. Aber es stellte die Frage: Gehst du weiter, machst du den nächsten Schritt zur Mitte hin oder bleibst du stehen und verharrst auf dem Weg?  Zwei Gegenbeispiele entnahm ich den mündlichen Prüfungen, denen ich vorsaß. Franz Kafka kann als Beispiel eines Menschen dienen, der nie seine Mitte gefunden hat. Er hat sie zeitlebens gesucht und niemand hat diesen (für ihn aussichtslosen) Weg in dieser dichten Art und Weise literarisch ausgedrückt. Eine weitere Figur stellt der Woyzeck dar, getrieben von seiner Außenwelt wird er durch Enttäuschungen sogar zum Mörder. Abschließend wünschte ich dem Jahrgang mit einem Foto der gotischen Rosette aus Notre Dames in Paris, dass sich ihr Leben in der Art dieses Kunstwerks gestalten möge, vielfarbig, ausgewogen strukturiert und konzentriert auf eine Mitte hin.

Es war dies insgesamt eine würdige Feier, wenn sie auch bei weitem nicht an die mir bekannten Abiturfeiern in der Stadthalle herankam. Es fehlte der unmittelbare Kontakt, das Händeschütteln, das Umarmen, das gefühlvoll Menschliche eben. Aber es war ein Abschluss, eine besonders begangene Stunde zur Feier des Abiturs. Ganz herrlich auch die bemalte Leinwand, die ich abschließend für „unseren Walk of Fame“ im Flur geschenkt bekam. Sie zeigt den Baby-Yoda, wohl eine Figur aus Starwars – Krieg der Sterne auf blauem Grund mit den Unterschriften aller Abiturienten. Ich deute das Bild so: Wir haben noch nicht die Weisheit des alten Yoda, sind noch „klein“, aber wir haben mit dem Abitur einen Anfang gemacht und sind auf dem Weg, um noch klüger zu werden. Ein sympathischer Gedanke, zurückhaltend und doch selbstbewusst.

    


Die bisher erschienen Bücher sind erhältlich im: www.littera-verlag.de/Bücher
(Das Autorenhonorar kommt dem Förderverein der IGS zu Gute.)

Letztens 2 Soeben erschienen:
„Letztens 2 - ,
Erlebtes rund um die Schule“
2020

Tagebuch 5
„Schulleiters Tagebuch 5,
Warten auf den Bau“
2017 – 2019

Letztens 1 „Letztens –
Schulleiters Tagebuch ergänzende Kolumnen“

tagebuch_4_ "Schulleiters Tagebuch 4,
Der Weg zum Abitur
2014 - 2017"

Tagebuch 1-3"Deshalb IGS -
Positionen und Hintergründe zur Integrierten Gesamtschule mit Beiträgen aus Schulleiters Tagebuch 1 bis 3"

Tagebuch 3 "Schulleiters Tagebuch 3,
Die ersten Abschlüsse,
2012 - 2014"

Tagebuch 2 "Schulleiters Tagebuch 2,
Der Start in Deidesheim,
2010 - 2012"

Tagebuch 1 "Schulleiters Tagebuch,
Der Start in Wachenheim,
2010 - 2012"