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Okt. 2018

 

Dienstag, 30. Oktober 2018:

„Herr Dumont, schauen Sie mal!“, kam eine Schülerin auf mich zu und zeigte mir ihre Hand. Sie war blutüberströmt, ein tiefer Schnitt klaffte auf dem Handrücken, fast könnte man meinen, dass ein Stück Knochen zu sehen war. Ein Schreck fuhr mir in die Glieder. Erst beim zweiten Blick bemerkte ich, dass diese täuschend echt aussehende Wunde künstlich aufgetragen war und dass die roten „Rinnsale“ so etwas wie Film-Blut waren – kunstvoll gestaltet von einer Krankenschwester, die im Zuge der Berufsmesse bei uns weilte. Knapp 30 Ausbildungsbetriebe und Hochschulen waren der Einladung gefolgt und stellten den Jahrgängen acht bis zwölf eine breite Palette von Wegen vor, die sich nach den verschiedenen Schulabschlüssen, die man an der IGS erreichen kann, möglich sind. Zwei riesige Traktoren standen auf dem Hof, mit Rädern, so groß wie ich (Ausbildung zum Landmaschinenmechaniker), da wurde eine pneumatische Steuerung eines Anlagenbauers gezeigt, beim Maurer konnte man Armierungseisen mit Draht verknüpfen, bei der Apothekerin konnten Kräuter mit Mörsern verkleinert werden, die Technische Hochschule Kaiserslautern stellte sich ebenso vor wie die Berufsbildende Schule mit ihren mannigfaltigen Zügen, auch das Bundeskriminalamt war zugegen, die Agentur für Arbeit bot zusätzliche Beratung an, die Handwerkskammer und die Landwirtschaftskammer hatten ihre Stände aufgebaut, eine Krankernversicherung ermunterte zur Ausbildung zum Versicherungskaufmann, und ein Vollsortimenter warb mit dem Einzelhandelskaufmann/-frau und dergleichen mehr. Die Schüler/-innen bekamen drei Berufe zugeteilt, die sie anhand eines Fragebogens (Tätigkeit, Voraussetzungen, Ausbildung) erkunden sollten. Und natürlich sollten sie sich über weitere Berufe ihres Interesses informieren – kurz: ein Gewusel, ein Treiben, viele fremde Menschen und noch mehr Eindrücke belebten das Schulgebäude. Viele Schüler/-innen sah ich, die mit ganz anderem Effet im Haus unterwegs waren. Wunderbare Rückmeldungen erhielten wir auch von den „Ausstellern“: „Ich war mit dem Stand schon an vielen Schulen. Oft sind sie in einem Foyer oder einer Halle aufgebaut. So, wie Sie das organisiert haben, in den verschiedenen Klassenzimmern, das ist schon einmalig. Auch die Betreuung und die Atmosphäre ist eine besondere, so habe ich noch nicht erlebt.“ Ach ja, die Hand: Frisch aus dem Erste-Hilfe-Kurs gekommen, wollte ich die Sekretärin an der „Kunst-Wunde“ teilhaben lassen. Zwar ist heute nicht der erste April, aber solch einen Scherz konnte ich mir nicht verkneifen. Die Schülerin traute sich zunächst nicht, aber mit meinem „Beistand“ ließ sie sich auf den Spaß ein. Wir betraten, gespielt aufgeregt, das Sekretariat. „Wir brauchen dringend Hilfe!“, sagte ich, während die Schülerin ihre Hand zeigte. Der Schrecken fuhr der Sekretärin spürbar in die Glieder und, blass werdend, entfuhren ihr die Worte: „Ach, du lieber Gott! Wie sieht das denn aus, was hast du denn gemacht!“. Erst nach einigen verzögernden Augenblicken durch mich, was ich gesagt habe, weiß ich gar nicht mehr, lösten wir den Scherz auf, aber nur langsam senkte sich der Puls der Sekretärin auf Normalmaß. Dieser Schreck-Gag war gelungen! Die tiefe Wunde sah ja auch täuschend echt aus!

 

Donnerstag, 24. Oktober 2018:

Im Bett ahnte ich es am Dienstag schon, dass sich der Abend am Morgen danach rächen würde. War die Uhr eh schon „über meine Zeit“ hinaus geschritten, wollte das Einschlafen nicht recht gelingen, zu Vieles spazierte noch in meinen Gedanken hin und her. Dabei musste ich die letzten beiden Tage gar nicht in die Schule, sondern ins Pädagogische Landesinstitut nach Speyer zur so genannten Basisschulung für das neue Schulverwaltungsprogramm „Edoo.sys“. Landesweit soll es eingeführt werden und von der Adressenverwaltung über den Gliederungsplan und die Statistik bis zum Zeugnisdruck alles und in allen Schulen und Schularten bewältigen können. Dieses Mammut von Programm musste erst einmal kennen gelernt werden. Heute waren die Gesamtschulen im dafür geschaffenen „Cluster 14“ an der Reihe. Jeweils zwei Sekretärinnen, der Organisationsleiter und der Schulleiter sollten an der zweitägigen Schulung teilnehmen und die Grundlagen des Programmes in getrennten Kursen, jeder an einem Laptop sitzend, übend in sich aufnehmen. Das neue Programm ist aber noch gar nicht an der Schule angekommen. Zwei Tage Trockenschwimmen mit schweren Augen und nicht reich mit Spannung gesegnet.

Damit aber nicht genug, denn an beiden Abenden – wer macht nur immer diese Terminpläne! – hatte ich noch zu tun: Gestern den Info-Abend zur Differenzierten Leistungsmessung für die neuen Fünftklasseltern und heute der große Abend in der Aula des Gymnasiums „Welche Schulform für mein Kind?“. Der Zulauf heute war sehr groß, an der Zahl der zusätzlich geholten Stühle kann man durchaus von 350 Eltern ausgehen. Eine Mutter kam nach der Veranstaltung auf mich zu mit der Frage: „Kennen Sie mich noch? Sie waren 1993 an der IGS Ernst Bloch mein Tutor. Das Gesicht kam mir bekannt vor, die Stimme und vor allem das Lachen weckten die Erinnerung. Es war seinerzeit meine erste Tutorenschaft in einer zehnten Klasse. Könnte also durchaus sein, dass ich kommenden Schuljahr zum zweiten Mal das Kind einer ehemaligen Schülerin unterrichten werde. Ein Gedanke an das Dienstalter und das Alter schlechthin mag man mir nachsehen…

Freude kam heute Morgen auf, weil Maiers neuer Kolumnenband inzwischen neben mir liegt und ich bereits einige der neuen 21 Texte gelesen habe.  

 

Dienstag, 23. Oktober 2018:

Im übertragenen und im wahrsten Sinn des Wortes: eine umwerfende Veranstaltung. Andreas Maier wurde im Ratssaal als neuer Turmschreiber präsentiert. Bei einer Angelegenheit der Stadt war selbstredend auch das eine oder andere Stadtratsmitglied eigens vorbeigekommen. Eines von ihnen sorgte für den „wahrsten Wortsinn“, denn ein Stuhlbein ging in die Brüche und das Stadtratsmitglied ungewollt (und zum Glück unverletzt) zu Boden! Dabei, so hörten wir, werden die Stühle jedes Jahr von so etwas wie einem „Stuhl-TÜV“ überprüft. Sei’s drum, ich sah genau die Bruchstelle des Stuhlbeins: medizinisch wäre es wohl als Splitterbruch bezeichnet worden. Das Holz sah aber gut aus und ich mag eine einseitige Fehlbelastung des Stuhles nicht ausschließen. So kann ich diese Episode durchaus im Unterricht verwenden, wenn wieder Lernende mit dem Stuhl vor der Heizung schaukeln. Dann ging es aber endlich los: Der Bürgermeister mit Amtskette begrüßte, der Kulturredakteur der Tageszeitung aus dem Beirat der Stiftung führte kurzweilig und mit wohlgesetzten Worten und Pointen gekonnt in Werk und Person ein. Andreas Maier bedankte sich anhand dreier Worte, die er dann freilich noch ausführte: Dank, Pfalz und Turm. Ich will lediglich den dritten erinnernd etwas beleuchten. Er beruht auf einer journalistischen Peinlichkeit, weil jene Tageszeitung mit den vier Buchstaben in einem Schurkenstreich titelte: Der Potsdamer Stadtschreiber wolle ein Schloss und lehne den Aufenthalt in einem Plattenbau ab! Macht sich gut als Aufmacher, war aber, wie so oft bei diesem Druckwerk (immer wieder verspüre ich den Drang, das „u“ durch ein „e“ zu ersetzen), trotzdem gelogen. Wer wollte Maier da wohl eins auswischen? Nun habe er immer noch kein Schloss, aber zumindest schon mal einen Turm! Ich konnte meine Frage (siehe Eintrag vom 3. Juni 2018) nach den Liedern von Udo Jürgens loswerden. Niemand meldete sich auf die Aufforderung hin, nun Fragen an Andreas Maier zu stellen, sodass ich die Gelegenheit nutzte und die meinige hervorkramte. Nun war es offensichtlich so, dass Lieder, wohl nicht nur bei Udo Jürgens, nicht aus einem Guss entstehen. Manche Melodie habe Jürgens länger mit sich herumgetragen, bis ein passender Text hinzukam, oder einen Text, zu dem es noch keine Melodie gab. Immer wieder werde so lange mit Text und Melodie hantiert, bis am Ende ein stimmiges Ergebnis herauskam, das dann als Lied „von“ Udo Jürgens durchgehen könne.

Und dann: „Hinauf“ zum Turm!“ Eine kleine Gruppe machte sich vom historischen Ratssaal auf, um den Turmschreiber, entlang des Schlossgrabens, zu seinem (zumindest symbolischen) Schreibort zu begleiten, der Stadtbüttel in historischem Gewand vorneweg. Katja Schweder, die letzte Turmschreiberin, war quasi zur Staffelübergabe an den Neuen ebenfalls gekommen. Nun wollte ich seit ich die Turmschreiber-Bücher der bisherigen Stipendiaten im letzten Jahr las, diesen Turm einmal von innen sehen. Ziemlich ernüchtert betrat ich die runde Turmstube heute, denn so klein hatte ich mir das Rund nicht vorgestellt – mit drei stehenden Besuchern kann der Raum als vollbesetzt bezeichnet werden. Immerhin konnte ich die – von Turmschreibern mehrfach beschriebene - Fensternische mit dem eingelassenen Brett als Schreibunterlage in Augenschein nehmen und auch das symbolische Tintenfass mit der Schreibfeder wurde eigens heute aufgestellt. Maier zog den Korken aus einer bereit gestellten Flasche Wein (bereits ein Deputatswein?), füllte zwei Gläser, die dann auch eine kleine Runde antraten, die sich bei herrlichem Wetter vor der Eingangstür zur Turmstube aufhielt. Im Zuge der kleinen Vor-Turm-Gespräche, lernte ich auch die neue Weinprinzessin der Verbandsgemeinde, Tamara I., kennen, die ich gleich zur Entlassfeier im Juni einlud. Nach und nach schrumpfte die Runde auf sieben Menschen. Wie das denn nun heute weitergehe, wollte Andreas Maier wissen. Der Bürgermeister lud daraufhin zum gemeinsamen Essen ein und sagte zu mir: „Komm doch einfach mit!“

So bildete sich ein Septett, dem ich mir nichts, dir nichts angehörte und welches sich kurz darauf in einem, besser: dem Deidesheimer Gastronomie-Betrieb um einen Holztisch versammelte. Mit von der Partie war auch der Kulturredakteur. Im Gespräch über den „legendären saarländischen Cheflektor des Suhrkamp-Verlages“ stellte sich zuvor schon heraus, dass er selbst die kleinsten saarländischen Gemeinden, wie etwa Niederlinxweiler kannte (nahe oder sogar Teil meiner Geburtsstadt St. Wendel). Er hatte als Jugendlicher in der Regionalliga in all den kleinen Ortschaften Tischtennis gespielt. Noch ein glücklicher Zufall wies mir den Eck-Platz auf der etwas ungemütlichen Bank zu, gleichzeitig war es aber auch derjenige zwischen Andreas Maier und der über Eck sitzenden Weinprinzessin. Besser hätte ich es selbst nicht arrangieren können, denn ich konnte mich sowohl nach links als auch rechts bestens unterhalten. Was bei der Weinprinzessin keine Probleme bereitete, das „Du“ als Ansprache war schnell eingeführt, erforderte bei Andreas Maier meine volle Aufmerksamkeit. Ich hatte doch alle seine Bücher gelesen, hatte Filme und Gespräche mit ihm angeschaut, immer wieder Biografisches aus den Rezensionen gelesen, seine Stimme, verschiedene Satzmelodien und die eine oder andere Geste waren mir bekannt, kurz: Dieser Sitznachbar war mir auf gewisse Weise vertraut, so, als kennten wir uns bereits seit Jahren. Da dieses Gefühl natürlich völlig einseitig war, befürchtete ich, das „Du“ würde mir irgendwann rausrutschen, denn ich war für ihn natürlich ein Fremder, den der Zufall mal eben an seine Seite gespült hatte. Gleichwohl ich quasi unvorbereitet war, ergaben sich immer wieder Aspekte aus Maiers Büchern, zu Arnold Stadler und zum Gitarre spielen (Andreas Maier bevorzugt inzwischen aber die Laute, die mir durch den bauchigen und durch einzelne Holzspäne verleimten Resonanzkörper nie den Klang einer Vollholzdecke der Gitarre erreicht und für mich zu hell, dünn oder gläsern erklingt). Ganz nebenbei sprach Andreas Maier den neuen Band mit Kolumnen an, die immer noch in der Literaturzeitschrift „Volltext“ erscheinen. Er sei doch erst für Februar 2019 angekündigt, wandte ich ein (vgl. Eintrag vom 3. Juni 2018). Der Verlag, so Maiers Hinweis, habe sich für eine frühere Veröffentlichung entschieden. Er selbst wollte den Titel „Neulich“. Weiterhin beginnen alle Kolumnen mit diesem Wort. Aber das sei im Verlag nicht durchsetzbar gewesen. Nun sei der Band mit den neuen Kolumnen unter dem Titel „Was wir waren“ eben erschienen, obwohl es ein Buch von Roger Willemsen mit dem Titel „Wer wir waren“ gibt. Da könnten jetzt Bezüge vermutet werden, die es gar nicht gibt. Das hätte ein Verlag aber wissen können oder müssen. Ja, wir sprachen auch über die Schule und einen Besuch von ihm an derselben. Er wisse aber noch gar nicht, wann genau er die insgesamt vier Wochen in Deidesheim verbringen werde. Näheres würden wir dann noch ausmachen können.

Als die erste Flasche Wein zur Neige ging, machte die Weinprinzessin ihrem Amt alle Ehre. Sie sprach den Kellner an, im Keller befänden sich sicherlich noch Flaschen, die wegen ihrer besonderen Güte nicht auf der Weinkarte zu finden seien. Sie entschied sich dann für einen frühen Jahrgang, der direkt auf der Maische vergoren sei, dies zeige sich bereits an der Farbe und an den Geschmacks- und Geruchsnoten, die sich herauslesen ließen (Aha!). Zutage kam zusätzlich, dass Andreas Maier sich nicht nur mit Apfelwein auskannte, sondern auch als Riesling-Kenner mithalten konnte. Da ich die Feinheiten und Tiefen des Rieslings, mit oder ohne Maischegärung, nicht erfassen kann und önologisch wohl anders sozialisiert wurde, blieb ich als einziger am Tisch bei „meinem“ Roten und würde auf keinen Fall den Rotwein aus dem Deputat des Turmschreibers gegen Weißen austauschen wollen, wie es sich Andreas Maier bereits am Nachmittag wünschte.

Irgendwann, nach einem abrundenden Espresso, aber gefühlt auf jeden Fall zu früh, löste sich das Septett auf. Ein weiterer Tag, der mir ohne Schulleiter-Aufgaben nicht vergönnt gewesen wäre. Die Einladung, die mich in den Herbstferien erreichte, bezog sich auf den Nachmittag und hatte nicht im Geringsten einen solchen, an Eindrücken und Begegnungen reichen Abend erahnen lassen.

 

Freitag, 19. Oktober 2018:

Noch einer gesetzlichen Bestimmung kamen wir diese Woche nach: Das gesamte Kollegium unterzog sich einer Auffrischung der Erste-Hilfe-Kompetenz. Kaum zu beschreiben, was es an Vorarbeit bedarf, bis um die achtzig Menschen in vier Kursen zu vier abgesprochenen Terminen mit einer dafür ausgebildeten Kraft des Roten Kreuzes an die Defibrillatoren dürfen, sich in die stabile Seitenlage bringen lassen und sich darüber in Gruppenarbeit austauschen müssen, was bei einem Wespenstich im Mund oder bei einem offenen Bruch im Unterschied zu einem „geschlossenen“ (?) zu tun ist usw. Die Stimmung in meinem Kurs heute war heute gut, wir haben nebenher viel gelacht und der Kuchen – den die kommenden Abiturienten zur Gewinnung von finanziellen Mitteln für die Abiturfeier eigens kredenzten – mag seinen Teil dazu beigetragen haben, ebenso wir die gekonnt dargebrachten Inhalte in wechselnden Sozialformen mit vielen Redeanlässen zur Steigerung auch der Kommunikationskompetenz – so muss ich das in den Dienstlichen Beurteilungen formulieren. Was die neue Schulordnung betrifft, kann der Rechnungshof wieder einmal zufrieden sein, denn wir verließen die Schule – die reguläre Unterrichtszeit überbietend – gegen 17.30 Uhr. Im Winter wäre es da schon dunkel.

 

Mittwoch, 17. Oktober 2018:

Wenn der Schulelternbeirat neu gewählt wird, lässt der Förderverein nicht lange auf sich warten, denn beide Institutionen unterliegen der zweijährigen Amtszeit. Da die erste Wahl zu Beginn unserer Schule recht parallel lief, war es heute wieder soweit: Mitgliederversammlung und Neuwahl des Vorstandes, zuvor Rechenschaftsbericht, Kassenprüfung und Entlastung des bisherigen Vorstandes, alles festgelegt in einem weiteren Gesetz. Und dann wurde erneut zur Wahl geschritten – und dieses Mal durfte ich mitwählen! Ohne jemals von der Schulaufsicht bemerkt und schon gar nicht in der neuen Übergreifenden Schulordnung erwähnt, arbeiten hier doch ehrenamtlich Menschen zum Wohl der Schule. Da gilt es immer wieder und nicht nachlassend „Danke!“ zu sagen. Nun ist auch hier der sechste Vorstand im Amt, eine gesunde Mischung aus vertrauten und neuen Mitgliedern, Jogi Löw würde sich wundern, wie hier personell erneuert wird – weltmeisterlich! Habt also Dank, ihr, die ihr ausgeschieden seid, und behaltet und pflegt euer Engagement, ihr zu uns gewählten! Stoßen wir an auf zwei weiterhin gelingen mögende Jahre zum Wohl der IGS!

 

Dienstag, 16. Oktober 2018:

Wenn es eine neue (oder lediglich überarbeitete?) Schulordnung gibt, sollte sie nicht nur lesend von jeder/m Kolleg/-in rezipiert werden – wer legt schon die alte neben die neue Fassung und findet die relevanten Stellen? Im Mail-Kasten fand ich bereits im Sommer eine Synopse der alten und überarbeiteten Fassung. Damit auch Schulleitern und ihren weiblichen Kolleginnen nichts durchgeht, waren die Neuerungen fett gedruckt. So hatten wir heute also leichtes Spiel. Hauptsächlich die Kursbezeichnungen, die Abschluss- und Übergangsbedingungen wurden neu gefasst. Nun leistet sich auch Rheinland-Pfalz keine zwei unterschiedlichen Abschlüsse nach Klasse zehn und für unsere IGS-Schüler gelten die gleichen Bedingungen wie für die Absolvent/-innen der Realschule plus. So gesehen ein Fortschritt! Allerdings wird das für die Oberstufe heißen, dass die Jahrgänge bis zum Abitur noch stärker „ausbluten“. Dies wird wiederum meine stets abzugebenden Prognosen hinsichtlich der Schülerzahl nicht eben erleichtern! Der Rotstift lässt überall grüßen! Auch der einfach nicht mehr hinnehmbare massive Ausfall von inhaltsschweren und unverzichtbaren Unterrichtsstunden zu Beginn der Ferien, wenn der Unterricht bisher nach der vierten Stunde endete, ist nicht mehr möglich. Wenn es dumm kommt, sitzen Schüler/-innen vor den Weihnachtsferien möglicherweise hochmotiviert, ebenso konzentriert und begierig auf die noch schnell dargebrachten Lehrplaninhalte bis 16.30 Uhr in der Schule – auszuschließen ist dies ja nicht, die Wahrscheinlichkeit dieses Umstandes dürfte sich aber gegen null entwickeln. Ob das die Bildung insgesamt in eine „andere Liga“ führt…?

Und noch was habe ich heute gelernt: Unsere Schule ist nach § 3 Abs. 2 der Landesverordnung über das Landeswappen, die Landessiegel und das Amtsschild zur Führung des Kleinen Landessiegels berechtigt. Holla die Waldfee, voller Stolz, Selbstbewusstsein und mit neuen, nein, nur mit mir bisher unbekannten Attributen bestellte ich bei einer dafür eigens zertifizierten Firma die neuen Dienstsiegel.

 

Montag, 15. Oktober 2018:

Heute galt es die erstellten Abituraufgaben in den Sekretariaten abzugeben, die dann nachmittags von der Schulleitung auf formelle Richtigkeit überprüft werden mussten, bevor sie an das Ministerium versandt werden. Also legte ich einen Zwischenstopp in Wachenheim ein, allerdings wurde dort nur ein Umschlag abgegeben. Immerhin! Und noch ein besonderer Tag für eine Kollegin: Ich durfte sie im Namen des Landes Rheinland-Pfalz just ab heute in den Beamtenstatus auf Lebenszeit berufen – immer noch ein Status, der viele Wege ebener gestalten kann. Die wievielte Berufung war das eigentlich bei diesem jungen Kollegium? Ich werde dies mal anhand der Akten herauszubekommen versuchen.

Für eine Schülerin begann heute die Wiedereingliederung in die Schule nach einem sehr komplizierten Beinbruch, vielleicht nur stundenweise. Wie auch immer: Toi! Toi! Toi!

 

Donnerstag, 11. Oktober 2018:

Ja, ist es denn die Möglichkeit: in der letzten Nacht fand der siebte (!) Einbruch in unsere Schule während meiner Dienstzeit statt. Zugegeben sei, dass sich diese Zahl auf beide Standorte bezieht – dieses Mal war wieder Deidesheim an der Reihe. Schließlich sind noch Ferien und Schulgebäude entbehren während dieser Spanne nicht einer gewissen Einsamkeit. Sehr gezielt wurde ein Fenster eingeschlagen, das zur nicht einsehbaren  und, vor allem nachts, abgelegenen Schafsweide hinausgeht. Von dort aus gezielt den Weg ins Sekretariat gefunden, wurde dort die Tür, wie der Rahmen aus Stahl bezeugt, mit brachialer Gewalt geöffnet, der Tresor aus der Wand gerissen und mitgenommen. Sonst nichts! Der Wandschrank war zwar zum Herausstemmen des Tresors ausgeräumt und sein Inhalt auf dem ganzen Boden verstreut, allerdings die Zwischenwand ebenfalls herausgehebelt, vermutlich um Platz für das Stemmeisen zu gewinnen.

Der direkte Weg ins Sekretariat könnte auf Ortskundige hinweisen, muss aber nicht. Die Polizei stellte mittels des Rußpulvers fest, dass keine Fingerabdrücke hinterlassen wurden, was auf Handschuhe und damit „Geübte“ schließen lässt. Aber das sind lediglich Vermutungen, nichts Genaues weiß man nicht. Mit dem (Ferien-) Inhalt des Tresors kann keiner was anfangen, Wertgegenstände waren nicht enthalten. Aber allein, bis das Dienstsiegel als Verlust gemeldet und neu bestellt ist, bedarf es unnötiger zusätzlicher Arbeit, ebenso der Umschlag mit den drei erstellten Abituraufgaben, der bereits abgegeben war. Nun müssen, da die entwendeten unbrauchbar geworden sind, ganz neue erstellt werden – und das unter Zeitdruck. Die betroffene Kollegin informierte ich, damit sie sich mental auf die Konzeption der neuen Aufgaben einstellen konnte. Ich erreichte sie per SMS, in Ägypten weilend. Sicher eine einmalig schlechte Nachricht für den Urlaub!

Die sauber gestapelte Ferienpost auf dem „Sekretariats-Tresen“ ließen die Einbrecher unberührt. Darunter fand sich ein Umschlag des Bürgermeisters: „Die Stadt Deidesheim und die Literaturstiftung in der Frank J. Lyden Stiftung möchten Ihnen Herrn Andreas Maier als neuen Turmschreiber präsentieren“ und lädt zu einer Veranstaltung in den Ratssaal ein. Pfundig, dann werde ich ihm endlich persönlich begegnen und vielleicht in ein Gespräch verwickeln können.

Ansonsten war schon der Schreiner im Sekretariat zu Gange, auch die eilends herbeigerufenen Reinigungsfrauen versuchten, das Sekretariat für Montag wieder so herzurichten, dass es am Montag die Rolle eines Geschäftszimmers wieder einnehmen kann.

 

Herbstferien 2018:

Gleichwohl Schulleiter zumindest als Bereitschaft Feriendienst wahrnehmen, gesellt sich ein Plus an Zeit in die Tagesabläufe, welches ich (endlich) mit Arnold Stadler prächtig füllen konnte. Zuvor hatte ich bereits die Romane „Sehnsucht. Versuch über das erste Mal“ und „Komm, gehen wir“, den Essayband „Erbarmen mit dem Seziermesser“ gelesen. Nun wartete noch der aktuellste Roman „Rauschzeit“ (Frankfurt 2016) auf meine Lektüre. Er stellt so etwas wie das opus magnum dieses die „Sehnsucht nach dem ganz anderen“ und die „transzendentale Obdachlosigkeit des heutigen Menschen“ (Jan-Heiner Tück) formulierenden Autors dar. Hinzu kamen die Psalmen, die Essays, einige seiner Reden, und ich bin einfach fasziniert von diesem „Stadler-Ton“ (Martin Walser). Immer wieder griff ich zum Bleistift und strich mir Sätze an, die ich behalten oder zumindest hervorheben wollte. Einige weitere prägnante seien hier niedergelegt, damit ich sie wiederfinde.

Zunächst aus: Ein hinreissender Schrotthändler, Köln 1999:

       „War es die Sehnsucht, von meiner Sehnsucht befreit zu werden?“ (S. 93);

„Meine Frau und ich: das sind zwei Geschichten unter einem Dach, von denen ich nur die eine kenne“ (S. 116).

 

Dann aus: Erbarmen mit dem Seziermesser, Köln 2000:

       „Ein glückliches Leben muss keine Sprache finden“ (S. 33);

„Jeder große Schriftsteller hat, das glaube ich wenigstens, eine Verletzung, eine Wunde, aus der es weiterblutet: Literatur. Das ist eine Bluterkrankheit. Es fehlt wohl das Gerinnungselement des Vergessens. Die Erinnerung ist der Schmerz (dieser Krankheit), der zur Sprache wird“ (S. 65);

„Ein Schmerz darüber, dass das Leben eine andere Geschichte schreibt als die vom Augenblick erwartete“ (S.155);

„Es sind Menschen, die einander nie begegnen werden, und doch fällt ihr Schatten in dieselbe Richtung“ (S. 156).

 

Aus Sehnsucht, Versuch über das erste Mal, Köln 2002:

„In diesem Haus lebten Menschen, die hinauswollten, die Sehnsucht hatten wie ich, der auf den Führerschein zulebte, um dann für immer fortzufahren“ (S. 12);

„“Nun war ich ganz für mich. Ich war einsam und es war Vatertag. Ob ich so gedacht war?“ (S. 63);

„Jetzt singen wir für den Nikolaus ein schönes Lied! Hörte ich, ich - eine Personalunion aus Kindsein, Dasein und Verlorensein.“ (S. 87);

„Es war der Versuch von einem, der nicht so war wie die anderen, so zu sein wie die anderen, wie du – oder Hans Hansen – und ich war eben nicht wie du […] So spielte ich und simulierte, zu sein wie die anderen, auch gegenüber mir selbst“ (S. 151);

 

Aus Eines Tages, vielleicht auch nachts, Frankfurt 2005:

       „Der Tod sollte der letzte Beweis sein, dass er gelebt hatte“ (S. 10);

       „Er war ein Kind und lebte da, wo er lebte, so, als lebte er anderswo“ (S. 17);

„Er empfand, dass er ein Leben zur Unzeit führte am falschen Ort – und nachher würde es zu spät dafür sein“ (S. 29);

„Sich liebte sie zu 100%, aber es war eine vollkommen unglückliche Liebe“ (S. 34);

„Rose Sommering war ein blindes Huhn auf einer Welt ohne Körner“ (S. 123);

„Sie wollte nichts als weg von ihren Männern und wandte sich so um wie die Frau von Lot. Jene erstarrte zur Salzsäule und wurde mit dem Tod bestraft. Während Rose mit dem Leben bestraft wurde.“ (S. 143);

„Aber das letzte, was Rose von Franz gesehen hatte, war ein Mensch, der sich abhanden gekommen war“ (S. 176).

 

Aus Salvatore, Frankfurt 2008:

„Das Wort Gottesdienst hatte jedenfalls mit dem Wort Evangelium nichts zu schaffen und erinnerte Salvatore an Wilhelm II.“ (S. 16);

„Auch er wusste, dass das Glück nur die halbe Wahrheit war. Das Wahre war aber das Ganze.“ (S. 29);

„Es war eine Tatsache, dass der Mensch Sehnsucht hatte. Unabhängig davon, ob das Ersehnte einen Sinn hatte, und auch davon, ob es das überhaupt gab, wonach sich einer sehnte. Sodass es zu erreichen gewesen wäre mit etwas Glück, wie beim Fischen.“ (S. 52);

„Man hatte ihm eingeredet, dass der Kopf die Hoheit habe. Über das Herz und alles. Die Armen! Hirnforscherexistenzen!“ (S. 59);

„Auch diese Kirche, die keine Geschichte haben würde, verdankte ihre Existenz der Tatsache, dass die Welt voller Flüchtlinge und Vertriebener und Mitläufer war. Und voller Menschen, die nicht wussten, wo sie hingehörten, und trotz allem noch etwas suchten, auf etwas warteten und immer noch die Hoffnung nicht aufgegeben hatten.“ (S. 59);

„Dieses Buch ist an meiner Sehnsucht entlanggeschrieben wie an einer Hundeleine.“ (S. 82);

„Salvatore war erfüllt von einem Dazugehörigkeitsverlangen. Dass sein Leben ein einziges Warten gewesen war, das empfand er, und dass seine Sehnsucht so groß gewesen war, dass er es nicht einmal wusste […] Es war eine große Gleichzeitigkeit, in der die Vergangenheit und die Zukunft mit der Gegenwart eins waren. ‚Die Welt und ich‘, dachte er.“ (S. 148).

 

Aus: Komm, gehen wir Frankfurt 2009:

„Und schade auch, dass die Freude allmählich durch den Spaß ersetzt wurde auf der Welt“ (S. 93);

„Fiele erst einmal das Sterben weg, hätte das Leben überhaupt keinen Sinn mehr“ (S. 94);

„Die meisten Träume sind ja dazu da, dass sie Träume bleiben, dachte er sich, dass sie nicht in Erfüllung gehen. Sonst wäre es ja gar keine Träume, sondern das Leben. Dennoch wäre das Leben nichts wert gewesen ohne seine Träume“ (s. 97);

„Mario lebte gar nicht richtig und hatte immer nur Angst vor dem Leben. Das war sein Leben“ (S. 129);

„Und längst, seit vorgestern war das, nach dem alles immer noch roch, fragte er sich, wie man so etwas tun konnte wie lieben, ob lieben nur ein Tuwort war oder ein Wunder“ (S. 167);

„Ja – es war ein unvergessliches So-gut-wie-nichts“ (S. 176);

„Tragisch ist, wenn es nicht anders geht.“ (S. 179);

„Und trotzdem machte er ein Leben lang so dumme Geschichten, wie sie sagten, als wäre er aus der Art geschlagen, als wäre Liebe das, womit sich aus der Art Geschlagene am liebsten beschäftigen. Als wäre die Liebe ein Aus-der-Art-geschlagen-sein. Ein Geschlagen-sein mit dem Aus-der-Art-geschlagen-sein“ (S. 182, Hervorhebungen i.O.);

„Der Tod führte ein ganz undemokratisches Terrorregime. So wie die Liebe auch. Die einen waren früher, die anderen später an der Reihe“ (S. 187);

„Jeder Mensch braucht mehr Liebe als er verdient“ (S.201);

„[Es] lief das alles wahrscheinlich genauso in den Köpfen der Menschen ab, die insofern auf der Welt waren, als sie vom Glück wussten und soviel mitbekommen hatten, dass sie sich vorstellen konnten, was Glück war, diese eine Idee, mit der sie ein Leben lang gestraft waren“ (S. 283);

„Das war die Liebe: Warten auf die Liebe. Und dann die Erinnerungen daran“ (S. 326).

 

Aus: New York machen wir das nächste Mal, Geschichten aus dem Zweistromland, Frankfurt 2011:

„‘Was hast du nur wieder mit deinen Hosen gemacht?‘, fragte ihn, vom Spielen     zurück, seine Mutter. Und Roland hätte ihr antworten können: ‚Ich habe darin gelebt.‘ Sagte aber etwas anderes.“ (S. 11);

„Damals war die Sehnsucht seine Zukunft, so wie die Vergangenheit nun sein Heimweh war.“ (S. 12);

„Die Welt war noch vollständig. Großeltern und Schutzengel. Alles noch da. Und nachts kreuzten sich Milchstraße und Dorfstraße auf dem Nachhauseweg. So war es.“ (S. 13);

„An seine Eltern zu denken, tat fast immer weh. Und auch an sich selbst zu denken, tat fast immer weh. Manchmal hatte er den Verdacht, dass er im Suff gemacht war. Dass sich seine Eltern hatten gehenlassen, was schließlich zu ihm geführt hat.“ (S. 31);

„Eine Dummheit gemacht zu haben bei ihnen, ließ darauf schließen, dass es Liebe war.“ (S. 35);

„Ach, das Glück, es war ihm näher als seine Halsschlagader. Wo genau es war, konnte er auch nicht sagen. Irgendwie fiel es mit dem Leben zusammen, noch etwas schneller vorüber als es.“ (S. 56);

„Was war die Liebe? War sie ein Tuwort? Oder war ‚make Love‘ nur eine schlechte Übersetzung?“. (S. 103);

„Ach, das Leben und seine schmutzigen Betten und ungewaschenen Erinnerungen. Was für ein trauriges Nachspiel es doch war, das spätere Leben, das einer morgenfrühen Sehnsucht, wunderbaren Erektionen und ersten himmlischen, unsterblichen Orgasmen folgte.“ (S. 125).

 

Aus: Rauschzeit, Frankfurt 2016:

       „Was ist Glück? Nachher weiß man es.“ (S. 9);

„…Liebesgeschichten, die vom Leben als Glück gedacht, von der Schriftstellerin jedoch als Unglück beschrieben werden mussten“. (S. 10);

„Ich war immer zu spät glücklich, nie zur rechten Zeit gewesen.“ (S. 11);

„Es zerriss mich vor Schmerz, weil es mich nicht vor Schmerz zerriss. Und ich war schon ganz verzweifelt, weil ich immer noch so viel Hoffnung hatte.“ (S. 13);

„Der Mensch will bleiben. Aber er muss gehen.“ (S. 16);

„Was das sein sollte, konnte ich auch nicht sagen, es war irgendwie aufgehoben im Gebet, denn Beten war einfacher als Denken. Ich wusste von Gott. Ob er von mir wusste, wusste ich nicht.“ (S. 44);

„Babette. Der Schmerz hatte immer noch diesen Vornamen.“ (S. 48);

Die Welt war der Ort, wo wir uns in der Zeit verloren hätte der Titel sein müssen […] Oder war Die Welt war der Ort, wo uns die Zeit davonlief noch besser? Oder am Ende: Die Welt war der Ort, wo wir der Zeit davonliefen?“ (S. 58; Hervorhebungen i.O.);

„Ich weiß nicht, wohin wir gehen, aber wir gehen auf direktem Weg dorthin“. (S.80);

„Was war schon mein Rauch gegen das Gewicht der Welt“. (S. 92);

„Wenn ich an die denke, muss ich immer daran denken, wie du schautest, und auf der anderen Seite deiner Augen: Das war ich.“ (S. 102);

„Elfi, die Fotografin, die also ein Leben lang nicht auf ihren Bildern war oder allenfalls in ihrer unsichtbaren Sehnsucht, wie sie auf ihren Shots zum Vorschein kam.“ (S. 103);

„Auch Elfi hatte auf die Liebe gewartet, und es kam das Leben.“ (S. 127);

„‘Mein Ich war nur eine schlechte Übersetzung von mir‘, dachte der Übersetzer. Wenn ich ‚ich‘ sage, so bin ich nur ein schlechter Übersetzer von dem, was meine Augen gesehen haben.“ (S. 138);

„Die Liebe, wenn es Liebe war, war aber etwas so Großes, dass sie nur in einem Satz mit dem Tod genannt werden konnte.“ (S. 164);

„Der Himmel des Killerwals ist die Hölle der Sardinen.“ (S. 172);

„Von allen, die ich kannte, von allen, die mich kannten, kannte mich niemand so schlecht wie ich.“ (S. 205f);

„Mehr Liebe als damals ging nicht! Mehr als Liebe ging nicht. Hinter dieser Liebe ging es nicht weiter.“ (S. 243);

„Die Erinnerung ist ein Rückspiegelschmerz.“ (S. 272);

„Ich träumte lieber von etwas Schönem, denn Träumen war schöner als Denken, und Träumen war auch leichter als Denken.“ (S.301);

„Da befiel mich Wehmut, dass ich nicht der geworden war, der ich hätte werden sollen, und war gleichzeitig froh, dass ich nicht der war, der ich hätte sein sollen.“ (S. 302);

„Was für ein großer Anfang, das Meer. Es folgte aber das Leben, die mitwachsende Angst, und eines Tages erschrak ich vor diesem Meer, vor diesem Nichts als Wasser.“ (S. 303);

„Damals hieß mein Satz auf der Folie meines damaligen Lebens: Sie hat ihr Leben verwartet und vertan.“ (S. 436);

„So wuchs ich ganz langsam in meine Enttäuschung hinein, welche mein Leben war.“ (S. 443);

„Mein Leben und ich, wir zwei: Also gehörten auch wir vielleicht zu den Problemen, die nur eine Geschichte hatten und keine Lösung, und irgendwann wäre es einfach vorbei?“. (S. 479);

„Ruh‘ dich bloß nicht auf deinen Sätzen aus! […] Auch eine schöne Lüge war eine Lüge. Doch eine Lüge war glaubwürdiger als zwei.“ (S. 484);

„Es waren ja nur Bänkchengedanken gewesen, bei einem abermaligen Einparkversuch ins Leben. Mit einer Parklücke von zwanzig Jahren dazwischen. Ich werde sterben und mir nicht begegnet sein“. (S. 485);

„Nicht begonnene Liebesgeschichten hatten den anderen voraus, dass sie nicht enden konnten und endeten“. (S. 515).

Da ich in Sachen Stadler wohl zu den Spätberufenen zähle, habe ich das Glück, im Gegensatz in Bezug zu Andreas Maier, auf eine Reihe von Sekundärliteratur zu stoßen, darunter den Band von Pia Reinacker (Hg.) „Als wäre er ein anderer. Zum Werk von Arnold Stadler“ (Frankfurt 2009) und, von Jan-Heiner Tück herausgegeben, der jüngste Band: „Auch der Unglaube ist nur ein Glaube. Arnold Stadler im Schnittfeld von Theologie und Literaturwissenschaft“ (Freiburg 2017) mit Schriften und Beiträgen zum sechzigsten Geburtstag des Autors. In beiden Sammelbänden finde ich meinen Lese-Eindruck wieder: Die Stadlerschen Figuren hängen, vermutlich übereinstimmend mit dem Autor, einer unstillbaren Sehnsucht nach, einem Streben nach dem ganz anderen (Leben), nach einer Erfüllung des menschlichen Daseins. Diese Sehnsucht ist durchaus als total zu verstehen und nur die Liebe (ausdrücklich auch die erotische) vermag auf Erden dieser Sehnsucht den Anschein einer Erfüllung zu geben, zumindest am Anfang, denn die einzelnen Lieben, Beziehungen und Ehen lassen bei Stadler zusätzliche offene Sehnsüchte zurück. Was bleibt ist die Erinnerung an die behütete Kindheit als Ahnung des Paradieses, in dem alles noch vorhanden und gut war. Dem Erwachsenen bleibt dagegen nur die unstillbare Sehnsucht. Mir scheint, als ob sich hier eine Brücke zu Heinrich Böll aus dem Existenznebel herauszuschälen beginnt. In einem Gespräch mit Karl-Josef Kuschel formulierte Böll den Grund seines Schreibens und Nachdenkens über den Glauben, den Kuschel als titelgebend übernahm: „Weil wir uns auf dieser Erde nicht ganz zu Hause fühlen“ (Karl-Josef Kuschel, Weil wir uns auf dieser Erde nicht ganz zu Hause fühlen. Zwölf Schriftsteller über Religion und Literatur, München 1985). Alle Figuren Stadlers agieren auf dieser Folie als Grundlage. Und nimmt man Maiers „Ortsumgehung“ hinzu, welche hauptsächlich die Zerstörung der Wetterau und damit den Ort der Kindheit zum Thema macht, schreiben alle drei Autoren gegen die bereits erwähnte „transzendentale Obdachlosigkeit“ des postmodernen Menschen an, der, im Gegensatz zu früheren Zeiten, einer existenziellen Einbindung entbehrt, weil der Gottesgriff „verdampft“ ist (Mia Kutzer in: Tück, Auch der Unglaube ist nur ein Glaube, S.171) und eben jenen existenziellen Halt nicht mehr hergibt. Da Böll, Maier und Stadler in Schulleiters Tagebuch einen etwas größeren Raum einnehmen, kann durchaus der Schluss gezogen werden: Mich sprechen Autoren an, denen es nicht in erster Linie um eine Handlung, einen Plot geht, sondern solche, welche die menschliche Existenz von verschiedenen Seiten betrachten und zu begründen versuchen, ohne den Verstand zu beleidigen. Mit den Oberstufenkursen in katholischer Religion habe ich immer die (anonymen?) Verse hin- und hergewalkt (vgl. den Eintrag Epiphanie 2013):

                              „Ich bin, ich weiß nicht wer.

                              Ich komm, weiß nicht woher.

                              Ich geh, weiß nicht wohin.

                              Mich wundert, dass ich so fröhlich bin.“

Genau darum geht es. Einfache oder gar dogmatische Antworten, helfen hier nicht weiter. Es werden wohl noch hunderte von Büchern und tausende von Seiten mit Antwortversuchen geschrieben werden. Die Sehnsucht nach Antworten wird erhalten bleiben. Sie werden aber wohl nicht zu beantworten sein. „Immer noch wartete er, wenn er auch schon lange nicht mehr genau wusste, worauf. Er wartete auf alles, als wäre es auf nichts. Als wäre es nicht nichts, sondern etwas. Und dieses Etwas wäre nicht nichts, sondern alles.“ (Stadler, Salvatore, S. 69). Bleibt dem zeitgenössischen Leser und Lebenden nur, für diese Sehnsucht keine Antworten zu erwarten, aber sie als Bestandteil der irdischen Existenz mit Stadler zu bejahen und als Bestandteil des eignen Lebensentwurfs zu integrieren.