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März 2019

 

Freitag, 29. März 2019:

Bereits im April des vergangenen Jahres muss ich mich für das Thema „Das Labyrinth auch als Lebensweg für Abiturienten“ entschieden haben, denn aus diesem Monat stammt die Präsentation, die ich damals mit dem Labyrinth aus Chartres erstellte. Nach einer kurzen Einführung sollte im Hintergrund jenes gotische Labyrinth digital in seinem kompletten Weg durchlaufen werden, um die Anlage des Weges, seine Wendungen und Deutungen „erlebt“ zu haben. Damals wusste ich freilich nicht, dass am Morgen der Abiturfeier der Termin sein wird, an dem Gernot Candolini Schülerinnen und Schüler das Labyrinth in der Mensa nahezubringen versuchte. Welch ein Glücksfall! Die Mensa war voll und die Schülerschaft ruhig und interessiert. Auch beim Konstruieren des Ur-Labyrinths waren sie voll dabei und selbst anwesende Kolleginnen und Kollegen ließen sich begeistern. Nach dem Eintrag ins Gästebuch der Schule gingen wir zum Dank und zum Abschluss noch gemeinsam essen. In dieser kleinen ungestörten Dreierrunde steigerte sich die persönliche Begegnung nochmals. So war ich für meine Abiturrede bestens vorbereitet. Sie stand am Anfang der Abiturfeier und hat wiederum mehr und andere Menschen mit dem Thema bekannt gemacht. Und prompt erhielt ich sehr positive Rückmeldungen, sehr schön! Aber auch die Feier selbst war wieder gelungen. Ein schönes und kurzweiliges Programm rauschte über die Bühne, der Förderverein stand wieder seinen Mann und seine Frau, die Zwölftklässler waren zuverlässig zum Helfen da, einfach eine runde Angelegenheit, die in meinen Augen auch ein beredtes Zeugnis für die Kultur des Umgangs an unserer Schule darstellt. Prima, herrlich und Danke! Es hat sich also ausgezahlt, dass die Schule und die Schülerschaft gemeinsam eine Feier gestaltet. Im Umfeld gibt es Schulen, welche die offizielle Feier mit Zeugnisübergabe als Schulveranstaltung durchführen und dann, getrennt davon, eine (nicht immer kontrollierbare) Schülerparty anschließen. Mir ist der gemeinsame Abschluss als Schulgemeinschaft wichtiger.

Dagegen habe ich am Rande der Abiturfeier vom Bürgermeister und Vorsitzenden der Literaturstiftung erfahren, dass der Turmschreiber Andreas Maier vielleicht ausgerechnet während der Sommerferien in Deidesheim weilt. Es klang zwar so, als sei es noch nicht ganz sicher, aber für einen geplanten Besuch in einem Leistungskurs Deutsch und eine Lesung wäre dies ja vernichtend. Schauen wir mal!

 

Donnerstag, 28. März 2019:

Ein Abend, den ich lange erwartet habe. Der österreichische Labyrinth-Fachmann Gernot Candolini hat im Badehaisel in Wachenheim einen Vortrag über Labyrinthe gehalten. Er kam anlässlich unseres Projektes angereist und um diese Reise auch lohnend zu gestalten, sollte sich zu dem Besuch in der Schule auch ein zusätzlicher Vortrag gesellen. Da er am Folgetag in die Schule kommen sollte, suchte ich natürlich bereits nach dem Vortrag den persönlichen Kontakt und stellte mich vor. Wir kamen angenehm ins Gespräch, denn zwei Schulleiter (er ist unter anderem Schulleiter der Montessorischule in Innsbruck) und zwei Labyrinthliebhaber finden schnell eine gemeinsame Ebene. Da er, wie ich auf seiner Website gelesen habe, auch Reisen nach Chartres anbietet, hatte ich noch ein zusätzliches Thema, auf das ich ihn ansprach. Er hat, nachdem er sich für Labyrinthe interessiert hat, mehrere Reisen zu den Labyrinthen der Welt unternommen, diese beschrieben und auch wunderbar fotografiert. Ich hatte zuvor noch ein anderes Buch von ihm gelesen und so war es nicht verwunderlich, dass ich schnell einen Draht zu ihm fand, den er, so glaube ich, schnell zur Gegenseitigkeit führen konnte.

Auch zu diesem Aufenthalt Candolinis bei uns ist eine Kolumne entstanden. Aber da sowohl die Länge, als auch die Anzahl meiner Kolumnen stetig gewachsen ist, habe ich mich dazu entschlossen, hier keine mehr einzustellen. Ich glaube, Schulleiters Tagebuch würde dadurch gesprengt und erhielte eine ganz andere Note. Dafür werden die dann wohl dreißig Letztens-Kolumnen vermutlich im Juni in einem eigenen kleinen Buch erscheinen.

 

Freitag, 22. März 2019:

Zwei Tage der angespannten Ruhe, einfach herrlich diese Atmosphäre. Ich kann es immer nur wiederholen. Die beiden Tage berühren mich mehr als meine eigene Abiturprüfung damals. Daher ist über die beiden Tage auch eine Letztens-Kolumne entstanden:

Letztens beim mündlichen Abitur

Letztens empfand ich beim mündlichen Abitur erneut die Bedeutsamkeit und die Größe dieses Ereignisses. Es war bereits der dritte Durchgang an unserer Schule und doch legte sich über alle drei eine jeweils ganz eigene Atmosphäre. Der erste Durchgang war geprägt von Aufregung und Anspannung. Alles war neu, musste von null aus geplant werden und es sollten sich nach Möglichkeit keine folgenschweren Fehler einschleichen. Der zweite unterlag der Gefahr der Leichtfertigkeit, gespeist aus der Erfahrung, dass wir wissen, wie es geht. Die Abläufe waren bekannt, die Vorbereitungen gingen leichter von der Hand, es herrschte nicht die Aufgeregtheit des Vorjahres und an die Stelle des Neuen trat das Bekannte. Und letztens nun die dritte Auflage mit weniger Prüflingen als bisher, mit zum Teil neuen Kolleginnen und fast mit dem gewachsenen Gefühl der Normalität.

Im Kirchenjahr sind solche Tage als mehrtägiges Hochfest mit Dreiherrenamt definiert. Die jüngeren Klassen mögen dies angesichts zweier unterrichtsfreier Tage durchaus so empfinden. Ausgewählte Kleidung tritt den Gang in die Schule an. Ohne eine genaue Feldstudie durchgeführt zu haben, ist die Anzahl der Röcke und Kleider bei den Damen ersichtlich höher, und bei den männlichen Teilnehmern ist neben feineren Stoffen gar die eine oder andere Krawatte zu sehen. Deutlich sind die Schülerinnen und Schüler von gestern am heutigen Tag zu nun anders gewandeten Prüflingen mutiert und zum Teil deutlich zu unterscheiden. Und vor allem: Die Ruhe im Haus! Wo sonst hunderte junger Menschen ihre typischen Pausengeräusche auf dem Hof oder in den Fluren verursachen, herrscht an diesen Tagen eine angenehme Stille, eine solidarische Konzentration. Selbst das Klackern, das von so manch einem höherem Absatz am Schuhwerk der Damen verursacht ist, kann diese Stimmung nicht schmälern. 

Die Prüfungstage verlaufen in festen Bahnen und vereinbarten Regelungen. Festgelegt ist das Ankommen der zum Teil heftig aufgeregten Prüflinge, das Anmelden im ersten Raum, das Warten in der Cafeteria, das Abholen der Prüflinge durch die begleitenden Lehrkräfte, der Escort-Service in den Vorbereitungsraum, in welchem alle erlaubten Hilfsmittel und die Prüfungsaufgaben vorbereitet sind und in dem sich die Spannung nochmal zum Zerreißen steigert. Jetzt sind die Aufgaben bekannt und Anforderungen klar. Eine erste Einschätzung ist möglich, ob der richtige Stoff gelernt wurde und die Prüfung ihren Lauf nehmen kann, oder ob mit einem hoffnungslosen Flattern mit einem Mal das Abitur in Frage gestellt ist, weil sich für die gestellten Aufgaben keine Idee für eine Lösung einstellt. Unweigerlich zerrinnen dort die zwanzig Minuten der Vorbereitungszeit, bis die Begleitung die Prüflinge auf festgelegten Laufwegen, damit sich keine Prüflinge unterwegs begegnen können, zum Raum der Prüfung geleiten. Alle mündlichen Prüfungen sind zeitlich genau getaktet, damit es durch unsichere Zuhörer, die eben nochmal aus Unwissenheit die Tür öffnen würden, zu keiner Unterbrechung oder Störung kommen kann.

Was dann in den Prüfungsräumen zur Aufführung kommt, ähnelt sicherlich der ersten Begegnung eines Indianerjungen mit einem Grizzly, einer Initiation ins Erwachsenenleben, mit einigen Bärenklauen als Ziel. Die wollen natürlich erst einmal verdient werden. Was sich bei den Prüflingen meist auf zwei Fächer reduziert, addiert sich bei den Vorsitzenden der Prüfungskommissionen schon mal auf dreizehn, vierzehn Prüfungen. Interessehalber kommen bei mir noch vier, fünf hinzu, weil ich gerne zusätzlich Prüfungen in den von mir studierten Fächern als Zuhörer erleben will. Breit gestreut sind also meine Erfahrungen mit solchen Prüfungen, aus früherer Zeit kommen noch die Rollen des Prüfers und Protokollanten hinzu.

Es gibt Prüflinge, die wissen genau, dass sie reden müssen und dass ihr Reden erstmal nicht unterbrochen wird. Sie kommen mit einer selbstbewussten Haltung herein: Jetzt zeige ich euch mal, was ich draufhabe. Sie betreten den Raum mit sicheren Schritten, begrüßen die Prüfungskommission mit Handschlag, beginnen zu reden, hangeln sich, sich selbst überleitend und ihre Schritte zur Lösung beschreibend, durch die Aufgaben hindurch, hantieren gekonnt mit Folienstiften und Tageslichtprojektor, treten zwischendurch an die Tafel und fahren dort mit einer geschwind angeschriebenen Formel fort, ohne mit dem Reden aufzuhören. Der Prüfer hat Mühe, sich einzuklinken, stellt eine Zwischenfrage, nach welcher selbstbewusst weiteres Wissen und zusätzliche Zusammenhänge aus dem Mund des Prüflings sprudeln. Ganz herrlich, das so zu erleben.

Die Mehrzahl der Prüfungen allerdings verlaufen anders. Sie sind so unspektakulär, wie eben eine Prüfung unspektakulär sein kann. Manche allerdings schleppen sich dahin und eine leise Ahnung steigt auf, wie lange sich zwanzig Minuten hinziehen können. Nervös reibt sich Hand an Hand. In mir wächst die Angst, dass das Kneten unwillkürlich zu Hautabschürfungen führen wird. Oder ein Schlüsselband wird immer wieder um die Finger gerollt und malträtiert. Unsicher treten Füße aufeinander. Rote Flecken tauchen am Hals auf, breiten sich aus und nehmen manche Wange in Besitz. Im Lichtschein des Tageslichtprojektors beginnt Schweiß auf der Stirn oder an den Schläfen zu glänzen. Zögerlich und immer leiser werdend, fast fragend, erhöht sich die Stimme am Ende der Worte, sie verlassen den Mund der Prüflinge nur noch einzeln, mehr stockend als ausformuliert, aber Erlösung gibt es erst nach der abgelaufenen Zeit, die einfach nicht schneller verrinnen will. Das eigentlich geforderte Prüfungsgespräch kommt zum Erliegen, Frage und Antwort bestimmen den Ablauf. Ich leide mit, würde gern aufstehen und helfen, möchte irgendwas tun, irgendwie eingreifen, das grausame Spiel abbrechen und das Leid beenden. Allein, ich muss ausharren, die restliche Zeit gemeinsam mit dem Prüfling durchstehen. Auch die Prüferin beginnt unruhig zu werden, ob sie noch ausreichend Impulse hat, ohne den Prüfling ganz zu verunsichern und aus der Bahn zu werfen.

Irgendwo dazwischen liegen diejenigen Prüfungen, bei denen es nicht um Bestehen oder Nichtbestehen geht. Eine gute mündliche Prüfung kann aber den Durchschnitt mitunter deutlich verbessern. Nervosität ist also nicht ausgeschlossen, nimmt aber beileibe nicht das geschilderte Ausmaß an.

Mindestens noch eine weitere Gruppe habe ich erlebt, die kleinste unter den von mir ausgemachten und meistens männlichen Geschlechts: die coolen Typen, die bis aufs Messer pokern. Oft fehlen nur wenige Punkte zum Bestehen des gesamten Abiturs. Entsprechend leichtsinnig gestaltete sich die Vorbereitung, die für eine gute Prüfung nicht ausreicht, von der aber erwartet wird, dass es irgendwie „reichen“ wird. Oder diejenigen, die eine noch höhere Stufe im Glücksspiel erklimmen wollen, weil sie eine bisher noch nie erreichte Punktzahl benötigen und jetzt auf ein Wunder hoffen. Und tatsächlich stellen sich solche manchmal ein, laufen junge Menschen zu einer kaum zugetrauten Hochform auf und bestehen durch diesen punktuellen Höhenflug die Abiturprüfung.

Ist die Zeit dann verstrichen, die Prüfung, wie auch immer, geschafft, beginnt der mitunter spannende Prozess der Notenfindung. Zunächst fasst der Protokollant den Prüfungsverlauf zusammen, nennt die Art und Weise, wie die Ergebnisse zustande kamen (selbständig, mit oder ohne Hilfe, gar nicht). Werden sich Prüfer und Protokollant (immer auch die weibliche Form inbegriffen) nicht über eine Note einig, wird diese der Vorsitzende der Kommission festlegen. Weiter nimmt der bürokratische Ablauf seinen Verlauf: Alle Unterlagen des Prüflings, das Protokoll und das nun amtliche Ergebnisblatt werden in einer Mappe in das so genannte Rechenzentrum gebracht und ausgewertet. Kann eine (bereits zuvor angemeldete Sicherheitsprüfung) noch zu einer Verbesserung führen oder kann sich der Prüfling abmelden, weil alles ausgereizt ist?   

Bei den verschiedenen Prüfungsinhalten kommt schon in mir die Frage auf: Ist das noch Allgemeinbildung oder bereits spezifisches Fachwissen? Handelt es sich nicht doch um ein isoliertes Detailwissen? Und es stimmt schon: Bei sehr vielen Inhalten wird die mündliche Prüfung die letzte Berührung mit dem Stoff gewesen sein, es sei denn, es wird ein Studium in der Nähe dieses Faches gewählt. Tragisch nur, dass eben dieses Fachwissen oder auch Nichtwissen an diesem Punkt über eine weitere Laufbahn entscheiden kann. Deutlich wird mir auch, welche Lebensepoche für die Prüflinge angebrochen ist: Mit manchen Schülerinnen und Schüler hatte ich in der fünften Klasse zu tun. Nun stehen keine Kinder mehr vor mir, sondern junge Erwachsene, welche den höchsten Schulabschluss, den der deutsche Schul-Dschungel zu vergeben hat, erreichen wollen. Welch eine Spanne an Entwicklung und Menschwerdung liegt da zwischen Klasse fünf und dreizehn!

Wie schön auch, dass die kommenden Abiturienten als Zwölftklässler die Cafeteria betreiben - zwar nicht ganz uneigennützig, denn sie wollen ja dabei Geld für ihre eigene Abiturfeier im nächsten Jahr einnehmen – sie backen daher Kuchen, kochen Kaffee, haben Schnittchen vorbereitet und halten Getränke bereit. Dieser Raum ist als Aufenthalts-, Warte- und nach den Prüfungen auch als Seelsorgeraum unerlässlich. Wenn mir Zeit bleibt, sitze ich mich gerne dazu und schnuppere die ganz besondere Atmosphäre der Annährung von Schüler- und Lehrerschaft, die sich zum überwiegenden Teil entspannt und gelassen vollzieht. Jüngere Schüler haben an Türen und Treppenhäuser Sätze als Mutmacher aufgehängt: „Du schaffst das schon!“ oder: „Bedenke, dass mancher Prüfer mehr Angst vor der Prüfung hat als der Prüfling!“ – ein Hochfest eben für die ganze Schule.

Beim Gang nach oben in den nächsten Prüfungsraum schweifen meine Gedanken zu meiner eigenen mündlichen Prüfung ab, von der ebenfalls alles abhing. Ich gehörte seinerzeit auch zu der Gruppe der hoch pokernden Zocker und Glücksspieler. Gut vierzig Jahre liegt sie nun zurück. Ich hatte eine Sicherheitsprüfung angemeldet, die ich letztendlich dann nicht mehr benötigte. Aber außer an diese Fakten kann ich mich an nichts erinnern, seltsam, kein Gefühl, kein Bild, keine Situation hat sich erhalten. Die mündliche Prüfung am Ende des Studiums ist mir dagegen etwas präsenter, wenngleich ich mich auch bei dieser nur an ein paar vage Bilder und an einen Satz des Prüfers erinnere. Eigenartig, wie intensiv ich dagegen diese beiden Tage jetzt erlebe, von denen bei mir mit meinem fortgeschrittenen Alter und der wohl auch abgeschlossenen beruflichen Laufbahn doch nun gar nichts abhängt.

Letzter Akt der eigentlichen Prüfung ist die Notenverkündung. Dazu bilden sich immer Trauben von Mitschülern und Lehrkräften vor der Bibliothek. Besonders schön erlebe ich an diesem Punkt, wie nah ehemalige oder aktuelle Tutoren bei den Prüflingen sind, wie solidarisch sich die Schülerinnen und Schüler untereinander zeigen und welch ein Raunen durch den Flur walkt, wenn die Prüfungskommission aus dem Rechenzentrum mit den Ergebnissen herannaht. Ein wenig erinnert mich das an die Spannung bei Wahlpartys kurz vor der ersten Hochrechnung.

Einzeln wird den Abiturienten in der Bibliothek das Ergebnis mitgeteilt. Dann kommt es immer wieder zu Tränen. Bei den einen drängen sie aus Traurigkeit und Enttäuschung heftig in die Augen, weil sie nicht erreicht haben, was sie sich vorgenommen hatten, bei den anderen überziehen sie aus Glück und Freude über das erzielte Ergebnis das Gesicht mit Feuchtigkeit. Auf alle Fälle entlädt sich in diesem einen Augenblick eine immense Spannung, die sich möglicherweise über dreizehn Jahre hinweg aufgebaut hat. Wenn die Abiturienten dann die Tür öffnen und ihren Mitschülern und Lehrkräften ihr Ergebnis mitteilen und dann oft bei allen Jubel ausbricht, dann werden auch meine Augen feucht. An dieser Stelle und spätestens jetzt erlebe ich erneut, welch bedeutender Anlass das mündliche Abitur ist.

 

Mittwoch, 20. März 2019:

Das Bau-Jourfixe mit dem Schulträger wurde heute eigens in die Schule verlegt, damit der Ablauf nochmal genau mit uns abgestimmt werden kann. Fast bekomme ich den Eindruck, dass die Aufregung außerhalb der Schule größer ist als bei uns selbst. Gerade was den ersten Bauabschnitt ab August anbelangt: Sechs Klassenräume werden abgerissen, dafür kommen sechs neue Container hinzu. Das passt alles ohne Probleme und ist für uns leicht zu organisieren. Andere Themen dagegen interessieren mich sehr viel weniger, wie etwa die Abwasserführung unter dem künftigen Schulhof. Besser als die gegenwärtige wird sie wohl sein, denn immer wieder stehen nach dem Regen große Pfützen auf dem alten Pflaster. Aber das überlasse ich gerne den Fachleuten. Auch die Frage der Zisterne im künftigen provisorischen Schulhof hinter der Brücke berührt einen Schulleiter nicht wirklich. Interessant ist allerdings die Erfahrung, dass eigentlich niemand (mehr) genau weiß, wie groß diese ist, wozu sie genau benötigt wird und was künftig damit geschehen soll. Fakt ist: Sie wird demnächst freigelegt und vermessen. Dann soll berechnet werden, ob sie für die Baustellenfahrzeuge und die finale Schulhofgestaltung (das heißt wirklich so) ein Problem darstellen wird. Erstaunen kam allerdings in mir auf, dass ein „Baumkonzept“, für diesen finalen Schulhof aufgestellt, in Frage steht, weil ein Abwasserrohr unter einem geplanten Baum verlaufe und dies eine Diskussion auslöst, ob das Rohr nicht verlegt werden könne, der Bauträger dies aber wegen zusätzlicher Kosten (zusätzlicher Graben, zusätzliche Rohre, zusätzliche Verlegung) ablehnt! Den Vorschlag, doch den Baum weiter weg zu pflanzen, wurde als unangemessen verworfen, weil dies eben das Baumkonzept zerstöre. Aha, gut das zu wissen! Wenn die noch aufkommenden Probleme alle auf dieser Ebene liegen, scheint der Bau ja eher unaufgeregt verlaufen zu können.

 

Dienstag, 19. März 2019:

Das mündliche Abitur im dritten Durchgang steht vor der Tür. Es gibt zwar nur wenige Kolleginnen und Kollegen, die bei uns noch keinen Ablauf erlebt haben, die meisten kennen die Organisation und die Durchführung. Dennoch ist es eine gute Regelung, unmittelbar vor den Prüfungstagen eine Dienstbesprechung für alle anzusetzen. Da kann bei allen nochmal aufgefrischt werden, was in der ersten Runde mit der Schulaufsicht gesagt wurde („Lassen Sie niemanden wegen einem Punkt durchfallen! Die Prüfung soll ein Prüfungsgespräch sein, kein Frage-Antwort-Spiel.“ usw.) Auch die Abläufe sind immer wieder wichtig, also wo kommen die Prüflinge an, wo ist der Aufenthaltsraum eingerichtet, welche Wege sollen die Prüflinge mit ihren Begleitern einhalten, damit sie sich nicht begegnen können, wie können wir die Zahl der Zuhörer begrenzen, um nicht unnötig Spannung aufzubauen und vieles mehr.

Ich habe das Gefühl, als sei es uns gelungen, mit dem Abitur als besonderem Anlass der ganzen Schule zu „infizieren“. Jedenfalls war die Atmosphäre heute positiv angespannt und unaufgeregt zugleich. Ich habe das Gefühl: Abitur, Auflage drei – kann kommen!

 

Freitag, 15. März 2019:

 

Viele Fragen und Diskussionen gab es im Vorfeld dieses Tages, Schülergruppen waren bei mir, ob sie für die Klimademonstration vom Unterricht befreit werden könnten, Eltern wendeten sich per E-Mail an mich und wollten meine Meinung erfahren, Kollegen fragten an, ob ich einen Unterrichtsgang dorthin genehmigen würde, vom Ministerium kam die Aufforderung, niemanden vom Unterricht zu befreien, nicht wegen der Schulpflicht oder wegen des inhaltlichen Aspekts, sondern rein aus versicherungstechnischen Gründen. Wenn irgendjemand etwas passieren würde, wäre ich haftbar. Immer deutlicher kristallisierte sich heraus, dass ich mich in einer Zwickmühle befand. Einerseits unterstützte ich das Anliegen, auf der anderen Seite wurde ich gemahnt, „juristisch nicht belangbar“ zu bleiben. Schließlich fanden sich Lösungen ohne mich. Ich hatte immer alle Schülerinnen und Schüler ermuntert, zur Freitagsdemonstration zu gehen, aber ich würde sie nicht freistellen, inhaltlich würde ich aber voll hinter ihnen stehen, daher hingen Plakate in der Schule, Schülerinnen von uns arbeiteten im Organisationskomitee mit und scheinbar hat sich auch das Kollegium arrangiert, denn es gab keinerlei Probleme mit Klausuren oder ähnlichem.

 

Ein paar inhaltliche Gedanken: Ich finde es prima, dass sich in dieser Bewegung die angeblich unpolitischen Jugendlichen solcherart engagieren. Meine Generation arbeitet seit geraumer Zeit an der Zerstörung des Klimas, wird Klimaziele nicht einhalten, will bis 2038 weiter Braunkohle, einen Klimakiller par excelance, verheizen und dergleichen mehr. Die folgenschweren Konsequenzen werden wir nur noch in Ansätzen erleben, im Gegensatz zu der nachfolgenden Generation. Lasst also diese Jugendlichen für ihre Zukunft demonstrieren, um Druck aufzubauen, um deutlich zu machen, was die Politik unserer Generation immer noch leichtfertig verspielt. Lasst doch die Diskussionen und Argumentationen mit Schulpflicht, Schwänzen und Ordnungsmaßnahmen sein. Seid stolz auf das Bewusstsein dieser Jugendlichen. Mögen auch ein paar darunter sein, die die Demonstration als Event nutzen, was soll’s, das Anliegen ist wichtig und sie zeigen auch ihre Ernsthaftigkeit darin, dass sie Konsequenzen in Kauf nehmen. Und bitte: Wer hätte denn ein ernsthaftes Wort darüber verloren, wenn die Demonstrationen am Nachmittag stattfinden würden? Hätte es auch nur einen Zeitungsartikel gegeben? Auf der anderen Seite gilt es klarzumachen, dass dies keine Streiks sind. Bei einem Streik verweigert doch ein Arbeitsnehmer als Druckmittel gegen den Arbeitgeber seine Arbeitskraft, um Verbesserungen zu erreichen. Das trifft bei den beiden Parteien Schüler versus Politiker gar nicht zu. Da sind wieder derart viele Oberflächlichkeiten, Stimmungsmachereien und falsche Argumentationen im Spiel!

 

Donnerstag, 14. März 2019:

Telefonieren kann getrost als eine wichtige und zeitraubende Tätigkeit von Schulleitern angesehen werden, denn oft habe den Hörer am Ohr, auch schon mal länger. Da kommen durchaus mal Anrufe an, die von weiter weg geführt werden. Die Vereinigten Staaten waren schon darunter, auch mit Brasilien habe ich schon telefoniert und Indien war auch dabei. Heute nun haben wir die größtmögliche Distanz fernmündlich überwunden: Australien! Eine Schülerin befindet sich derzeit aus beruflichen Gründen der Eltern dort und wird im April zurückkehren. Allerdings werden die Eltern dann nicht an den alten Wohnort zurückkehren, so dass auch ein Schulwechsel ansteht. Den von Australien aus zu organisieren war der Inhalt des Gesprächs. Wow! Die Tonqualität war so gut, als hätte ich in Niederkirchen angerufen! Dabei sprach ich mit der gegenüberliegenden Seite der Erdkugel!

Es blieb aber nicht viel Zeit, um über diesen Umstand nachzudenken, denn ich musste letzte Hand an den Gliederungsplan legen. Morgen bis halb zehn Uhr muss er hochgeladen werden! Anschließend galt es, noch eine Besonderheit zu erledigen. Ein Landschaftsgärtner hatte sich zur unterstützenden Mitarbeit am Labyrinth-Projekt bereit erklärt. Heute nun sollte er mit einem Bagger beginnen, das vorgesehene Gelände auszuheben. Wir wollten ihn nicht alleine lassen und da die begleitende Kollegin in Cuisery weilt, machte ich mich auf den Weg zum Altenheim. Eine recht herzlich Begegnung kam da zustande und wir konnten einige Fragen klären. Am wichtigsten, so erschien es mir im Anschluss, war, dass der Schulleiter persönlich kam und zeigte, dass er das Projekt unterstützt. Warum auch nicht, denn ich bin nach wie vor begeistert von der Idee und es stehen ja noch einige Höhepunkte an, bis wir zum ersten Mal den gelegten Weg durchschreiten können! Nun habe ich die Fläche gesehen und war erleichtert, dass der Untergrund des Bodens nun doch keine 31 Tonnen Kies benötigt. „Ich muss nur etwa 14 Zentimeter abtragen, dann reichen zirka 20 Tonnen.“ Und trotzdem: Diese müssen auch vom abgrenzenden Parkplatz, wohin der Kies geliefert wird, von Schülerinnen und Schülern erstmal bewegt werden. Junge, Junge, das habe ich so nicht eingeschätzt!

 

Montag, 11. März 2019:

Heute startete erneut eine Gruppe nach Frankreich, um den Schüleraustausch mit der Schule in Cuisery durch den Gegenbesuch mit Leben zu füllen. Kommt gut zurück und redet, redet, redet. Eine solche Gelegenheit zur Anwendung einer Fremdsprache werdet ihr so schnell nicht wieder erhalten!

Wieder steht eine Dienstliche Beurteilung an, dieses Mal nicht zur Lebenszeitverbeamtung, sondern anlässlich einer Bewerbung auf eine Funktionsstelle. Der Unterrichtsbesuch dazu führte mich heute in eine Deutschstunde in der Oberstufe: Einstieg in Büchners Woyzeck. Das ist ein schöner Brocken, dachte ich. Denn der Woyzeck blieb durch den frühen Tod Büchners Fragment, ist aber in verschiedenen Versionen gedruckt wurden und steht dafür als frühes Beispiel des offenen Dramas. Ich erlebte die Erarbeitung einer Szene, ohne dass die Schülerschaft das Stück insgesamt kannte. Es war spannend zu erleben und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Erstaunlich, was anhand von zwei Figuren und ihrer Dialoge bereits für die Erarbeitung des ganzen Dramas grundgelegt werden konnte. Selten bringe ich mich in eine solche Stunde mit ein, denn meine Aufgabe ist ja die Beobachtung. Heute aber mischte ich mit, weil mir das Faktum einer militärischen Sprache angesichts der Hierarchie zwischen einem Hauptmann und dem einfachen Soldaten Woyzeck nicht thematisiert wurde. Wie sollen auch solch junge Menschen soldatische Gepflogenheiten erkennen. Als ehemaliger Obergefreiter der Reserve (Ich habe ja erst nach der Bundeswehrzeit den Kriegsdienst verweigert) konnte ich da unterstützend und erläuternd zum Verständnis beitragen. Ach ja, immer wieder erlebe ich Literaturunterricht spannend und erhebend. Dann weiß ich erneut, weshalb ich Deutschlehrer geworden bin, vermisse diesen Unterricht und muss mich dann doch als Alternative an den Gliederungsplan setzen. Gerne hätte ich heute getauscht!

 

Freitag, 08. März 2019:

Wie schön: drei Tage Schule und schon wieder Wochenende, da komme ich nur ganz schwer in den „tritt“. Muss nun mal sein. Wie mag es der Schülerschaft ergehen? Ich befürchte, es fällt ihnen nicht leichter als mir. Gut, dann starten wir am Montag mal so richtig durch, damit wir bis zu den Osterferien noch einen Packen wegarbeiten können!

 

Mittwoch, 06. März 2019:

Zum ersten Mal kam ich in den Genuss von so genannten Winterferien. Weiß der Kuckuck, wer diese erfunden hat, vermutlich eine Skifahrer-Fraktion in den Reihen des Landeselternbeirates, denn diese neue Einrichtung soll in diesem Gremium entstanden sein. Natürlich geht so etwas nur mit Zustimmung des Ministeriums. Für mich selbst waren sie nicht notwendig und bringen mehr Unruhe in das Schuljahr. Nun gut, sie seien denjenigen gegönnt, die sie als Nebensaison nutzen konnten.

Eine erste Entspannung heute: Alle Skifahrer sind mit heilen Knochen zurück. Was hatten wir da in den letzten Jahren Pech mit Verletzungen im Kollegium. Erster Schultag heißt immer auch: Durchsicht der Post, die sich, angesichts der kurzen Ferien, doch wieder zu einem kleinen Haufen aufgebaut hatte. Meist ist es dann doch Werbung von Verlagen. Es waren dieses Mal aber noch Widersprüche gegen das Losverfahren in Jahrgang 5 dabei, auch wurden weitere Plätze für Jahrgang 11 zurückgegeben. Also noch keine Beruhigung, was das neue Schuljahr angeht. Gleichzeitig soll ich im Gliederungsplan, der jetzt wieder seine Wucht in den Kalender bringt, möglichst genaue Schülerzahlen prognostizieren. Ich höre dazu immer: Die Prognose ist eine Mischung aus den Zahlen und Ihren Erfahrungen. Das mag an anderen Schulformen leichter sein, an IGSn mit gleich zwei neuen Aufnahmejahrgängen kann die Prognose eben auch ein gutes Stück danebenliegen. Also: ein „ein erster Aufschlag“ ist drin, anschließend fortlaufend bis Sommer korrigieren