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Juli/Aug 2019

 

Freitag, 30. August 2019, Tag 61 der Baustelle:

Das vor den Ferien ausgefallene Assembly für die Jahrgänge 7 bis dreizehn wurde heute nachgeholt. Hurtig, hurtig, denn es musste irgendwie in die Kurzstunden passen. Ich hatte mich in der Tagesordnung nach vorne gedrängelt, denn um 9 Uhr hatte sich die Kreisverwaltung zum Haushaltsgespräch angemeldet. Da fiel mein Hauptpunkt „Werbung für die Young Americans“ gerade für die älteren Klassen etwas kürzer aus. Wird schon werden. Das Stadtradeln kippte dann hinten runter, immerhin liegt die Schule in der Kommune Deidesheim mit 2.419 geradelten Kilometer auf Platz drei. Im Durchschnitt sind das 100 Kilometer pro Kopf der 22 Mitradelnden. Betrachtet man das eigentliche Ziel, etwas konkret für das Klima zu tun, haben wir damit bisher 343 Kilogramm CO-zwei eingespart. Bis kommenden Mittwoch kommen sicher noch einige Kilometer hinzu. Ich werde wieder „eingreifen“ können. Eine heftige Bindehautentzündung verhinderte meine Teilnahme in dieser Woche. Schön ist es zu erleben, wie sich einzelne Schüler anstecken ließen. Heute kam einer auf mich zu: „Herr Dumont, heute Morgen habe ich sie in der Anzahl der gefahrenen Kilometer überholt!“. Na warte, heute werde ich nochmal in die Pedale treten, dann hab‘ ich dich wieder!

Durch die Baustelle ist der Aufzug außer Betrieb. Sowohl die Evakuierungsstühle, als auch das so genannte Scalamobil erwiesen sich als nicht handhabbar im Schulbetrieb. Gestern war der Behinderten-Obmann des Kreises hier, bereits heute tut sich Weiteres: die drei Treppenhäuser wurden besichtigt und ausgemessen. Wenn vom Brandschutz keine Bedenken entstehen, werden wir in ca. 10 Wochen, über einen Treppenlift mit Podest verfügen. Und: Durch die offenen Rest-Klassenräume konnte ich heute den Fortschritt der Stützmauer beobachten. Sie wächst stetig, wie meine Hoffnung, dass es nicht zu weiteren Verzögerungen kommt.

 

Donnerstag, 29. August 2019, Tag 60 der Baustelle:

Durch die erneut heißen Tage findet der Unterricht erneut in Kurzstunden statt. Das ergibt ein ganz anderes Schulgefühl, die Stunden rinnen nur so durch den Tag und plötzlich ist „schon“ Schluss. Wenn ich morgens das aufgeheizte Betongebäude an der Feuertreppe zum Lüften öffne, schlägt mir ein Strom heißer Luft entgegen. Die Maßnahme ist also zumindest in Deidesheim absolut gerechtfertigt – und erst die oberen Container…

Das Fundament ist gegossen, die Stützmauer an der künftigen Abbruchkante wurde bereits begonnen. Sieht so aus, als ob der restliche Abriss tatsächlich nächste Woche erfolgen kann.

Ansonsten: Gliederungsplan, Gliederungsplan, Gliederungsplan…

 

Dienstag, 27. August 2019, Tag 58 der Baustelle:

Das Fünferteam „Fabio Fass“ weilt zwei Tage auf Teamfortbildung. Wie in jedem Jahr heißt dies, dass am zweiten Tag ein langes Assembly mit allen Fünftklässlern stattfindet. Das diesjährige Programm machte keine Mühe. Da ich keine Fünferklasse in Musik unterrichte, galt es, das Schullied möglichst nachhaltig zu „installieren“. Hieß zuerst: Text kennen lernen und besprechen. Anschließend: Wer kann ihn schon auswendig, ohne an die Tafel zu schauen? Dann Einüben der Melodie, dann im Kanon, dann mit Klatschrhythmus. Klappte alles prima. Bin gespannt, wie nachhaltig das nun war. Der zweite Punkt kam dieses Jahr neu hinzu: Vorstellung der Schulsozialarbeiterin und Abstecken ihres Arbeitsfeldes. Und dann ganz klar: Werbung für die Young Americans. Erzählen, Video anschauen, Begeisterung wecken, Elternbriefe austeilen. Die Doppelstunde verging wie im Flug.

In Deidesheim tut sich was. Das Treppenhaus aus Gerüststangen steht, alle statisch kritischen Punkte sind mit Teleskopstützen aus Stahl abgestützt. Im Grunde ist jetzt erst klar, dass nichts ungeplant einstürzen kann. Morgen soll nun also endlich das Fundament für die Stützmauer gegossen werden.

 

Donnerstag, 22. August 2019, Tag 53 der Baustelle:

Alle Jahre wieder ruft der Gliederungsplan. Die diesjährige Datei hatte ich bereits letzte Woche runtergeladen. Heute starteten wir mit der Eingabe der L-Liste. Diese ist zwar die aufwändigste Arbeit, da alle 82 Lehrkräfte mit jeder einzelnen Stunde, die sie unterrichten oder entlastet sind, eingetragen werden müssen. Dennoch ist dies die leichteste Übung, weil das Stundenplanprogramm alle Daten enthält und diese lediglich übertragen werden können. Hinzu kommen Daten über Mutterschutz, Elternzeit, Teilzeit, Sabbatjahr und was ein Lehrerdasein noch so im Köcher hat. Fehleranfällig ist es dennoch, denn es geht immerhin um über 1500 Lehrerwochenstunden. Da ist schnell mal der Finger auf der Taste verrutscht. Das Programm ist da unbarmherzig ist gibt anschließend für jede Einzelheit eine Fehlermeldung ab. „Beschäftigungsverhältnis passt nicht zum Deputat“. Der Bau ruht weiter.

 

Mittwoch, 21. August 2019, Tag 52 der Baustelle:

Der große Elternbrief zum Schuljahresbeginn wächst langsam heran. Das Ziel ist natürlich eine fehlerfreie Ausgabe, aber das wird wohl wieder schwierig werden. Zu viele Termine halten eine Reihe von Stolperfallen parat. Daher schauen mehrere Augenpaare immer wieder Augen.

Am späteren Vormittag musste ich dann auch Wachenheim, die beiden Schulen haben für heute einen Probealarm angesetzt. Wie in den letzten Jahren lief er problemlos ab. Und doch gab es wieder Klassenzimmer, in denen die Fenster offenstanden. Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass der sechste Jahrgang auf die Wahl-Pflicht-Fächer aufgeteilt waren und gar nicht aus den Klassenzimmern kamen. Wie dem auch sei, die Kinder waren wieder in drei Minuten draußen – keine Kind wäre den Flammen ausgesetzt gewesen.

Abends tagte der Schulelternbeirat in Deidesheim. Der Anblick des „angenagte“ Schulgebäudes und das „Containerdorf“ gehören inzwischen zu meinem gewohnten Anblick. Dass dieser für die Eltern neu war und sie „mal einen Container von innen“ sehen wollten, überraschte mich zunächst. Aber klar, als sie das letzte Mal hier waren, stand alles noch wie die Jahre zuvor.

Baustelle? Man merkt kaum etwas davon, denn derzeit geht nichts voran. Erfahren habe ich, dass auf der Südseite jetzt ein Treppenhaus im Gerüstbau hochgezogen wird, damit die Maurer nicht durch die Abbruchkante müssen. Das kostet nun zusätzlich Zeit und Geld, weil die Ursprungsfirma nicht vertragsgemäß gearbeitet hat. Und Sicherheit geht vor.

 

Montag, 19. August 2019, Tag 50 der Baustelle:

Still ruht die Baustelle, es stockt der Abriss und alles harrt der Mauer entgegen, die aus statischen Notwendigkeiten immer noch nicht hochgezogen wurde. Firmenwechsel, Urlaub und die Bürokratie wirken im Hintergrund, während vorne der tägliche Blick auf die unveränderte und unvollkommene Abrisskante fällt.

Umso betriebsamer erlebte ich die Planungsgruppe der neu zu errichtenden IGS „Mainz 4“, die einmal IGS am Europakreisel heißen wird. Zur Unterstützung wurde ein erfahrener Schulleiter gesucht, der die Gesamtschule kennt und eine Planungsgruppe mit „anschieben“ kann. „…da fielst du uns sofort ein.“ Es reizte mich dann doch, bei dem langsam näher rückenden Ende der Dienstzeit, nochmal an einem Start einer neuen Gesamtschule mitwirken zu können. Einige Jahre war es etwas still geworden, lange wurde ich nicht mehr zu einem Studientag eingeladen. Also fuhr ich heute zur konstituierenden Sitzung der Planungsgruppe nach Bad Kreuznach. Die beiden Schulaufsichten, die nahe aus Neustadt und die oberste aus Mainz, waren anwesend, ebenfalls das Pädagogische Landesinstitut und natürlich das künftige Jahrgangsteam, welches aus einer Reihe von Bewerbungen ausgewählt wurde. Erinnerungen erwachten an den Juli 2007, als es damals bei unserer Schule soweit war: Da treffen sich erstmals Kolleginnen und Kollegen, die sich nicht kennen und auf die die Mammutaufgabe zukommt, eine neue IGS zu „erschaffen“. Erschwerend kommt bei dieser Schule hinzu, dass das Schulgebäude noch gar nicht steht, dort am Mainzer Europakreisel. Über einige Jahre hinweg wird die neue Schule in einem Übergangsgebäude residieren. Zwar ist der Bau unserer Schule auch nach elf Jahren noch nicht fertig, aber zum Schulstart standen doch die damals wichtigen Gebäude – ein Gefühl, eine Identität konnte zumindest „mitstarten“. Mal sehen, wie sich das bei dieser neuen IGS entwickeln wird. Ein „Traumstart“ besitzt sicher andere Vorzeichen. Aber mir ist keine IGS bekannt, die nicht mit irgendwelchen baulichen Einschränkungen fertig werden musste.

Abends zu Hause las ich eine E-Mail von den Organisatoren des hiesigen Stadtradelns. Darin heißt es als Fazit der ersten Woche:

„Heute sind wir in die zweite Woche STADTRADELN gestartet. Schon mehr als 1.500 Personen im Kreis nehmen an der Aktion teil und haben Ihre geradelten Kilometer eingetragen. Um uns allen auf die Schulter zu klopfen, sei an dieser Stelle gesagt, dass wir mit dem Verhältnis – Teilnehmer zu Einwohnern - in der absoluten Spitzenklasse im bundesweiten Vergleich rangieren“.

Übrigens steht die IGS auf Platz vier im Ranking der Kommune Deidesheim. Ich hatte mir mehr Radelnde aus der Schule versprochen. Daher steht ab morgen ein erneuter Aufruf als Laufband auf dem Digitalen Schwarzen Brett.

 

Donnerstag, 15. August 2019, Tag 46 der Baustelle:

Noch immer ruht die Baustelle. Allerdings habe ich den Kleinlaster einer neuen Firma auf dem Hof gesehen. Es scheint also weiterzugehen!

Der Aufzug ist abgeklemmt, der Aufzugsturm ragt ohne Funktion in die Höhe. Heute sollte eine Alternative vorgestellt werden: das heiß erwartete Scalamobil, an welches man die Rollstühle anbringen kann und welches dann mittels dreier Achsen quasi die Treppe „hinaufklettert“, sollte heute geliefert werden und wir sollten eine Einführung in das technische Wunderwerk erhalten. Dabei stellte sich allerdings heraus, dass diese Alternative keine ist. Trotz Motor, der die drei Achsen antreibt, ist ein nicht unerheblicher Kraftaufwand notwendig, um das Gerät zu halten und man oder zumindest ich musste das in gebückter Haltung vollziehen. Zudem sind doch immer zwei Personen notwendig, welche die Aktion betreuen. Und das während des Schulbetriebs? Bei Unterrichtsbeginn am Morgen kann ich mir das mit etwas Zeitverlust vorstellen, aber nach den Pausen, wenn sich die gesamte Schülerschaft durch die Treppenhäuser schleust? Also: Keine Alternative, neu nachdenken…

Gestern ist das dreiwöchige Projekt Stadtradeln angelaufen. Drei Wochen gilt es, so viele Kilometer runter zu strampeln, wie es geht. Ich hatte uns bereits vor den Ferien als Team IGSDEIWA angemeldet. Jetzt geht es darum, Schülerinnen und Schüler, aber auch Lehrkräfte zu motivieren, dem Team beizutreten. Wenn ich den täglich überlaufenen Fahrradständer sehe, müsste da doch was zu reißen sein.

 

Dienstag, 13. August 2019, Tag 44 der Baustelle:

Ich genieße und liebe die Ruhe vor größeren Veranstaltungen, zudem hatte ich die Schlüssel der Stadthalle über Nacht in der Tasche. Die Bandklasse war schon vollzählig da, als ich früh ankam. Während des Soundchecks und den Proben hatte ich ausreichend Zeit, das Fass zu bestücken. Der Name des neuen Jahrgangs Fabio Fass sollte auf der Bühne greifbar oder sichtbar sein, so meine Vorstellung. Ein richtiges Holzfass zu besorgen, war im Vorfeld verworfen worden, zu teuer, zu schwer und ungeeignet. Vergangenen Samstag aber hatte ich eine Regentonne als Fass vor Augen, wie ich sie einmal in einem Baumarkt gesehen hatte. Flugs war eine gekauft und bereits nach Wachenheim verfrachtet. Inzwischen hatte es durch das fleißige Lehrkräfteteam Augen und Mund wie Fabio erhalten und machte sich als Blickfang gut auf der Bühne. Für meine Begrüßung hatte ich wieder die Clownsnummer vor. Ich wollte mich erneut  auf der Bühne ausstaffieren und ersann folgenden Ablauf: Ich hatte nur einen weißen Handschuh an, der andere war im Deckel des Fasses festgeklemmt. Das gespielte Suchen endete erwartungsgemäß in den Rufen der Kinder: „Am Fass! Am Fass!“ Beim Herausziehen des zweiten Handschuhs sollte der Deckel auf den Boden fallen und den Blick in das Fass hinein ermöglichen. Hinter dem senkrecht gehaltenen Deckel zog ich dann verschiedene Kopfbedeckungen an, welche das Publikum durch ein „Aah“ und „Puh“ bewerten sollten, bis ich die rote Clownsperücke aufgezogen hatte. Als letztes wollte ich die Ukulele herausnehmen, einen kleinen Blues intonieren und dann mit allen das Schullied anstimmen. Fast alles lief wie geplant, nur die rote Clownsnase fehlte. Sie war auf den Boden des Fasses gerutscht und ich konnte nicht herankommen. Das Fass umlegen und hineinkrabbeln wollte ich nicht riskieren. Wie erwartet klappten die Auftritte der beiden Klassen viel besser als gestern. Und dann ereignete sich vermutlich eine Weltpremiere: Die acht Tutoren betraten, durch den Mittelgang kommend, die Bühne, begleitet von der Melodie von Hakuna matata, auf einer Trompete gespielt. Die großen, bunten Buchstaben des Jahrgangsnamens nahmen auch sie aus dem Fass und während dieser Zeit kam die Ukulele wieder zum Einsatz. Trompete meets Ukulele – das gab es wohl noch nie.

Die jährlich wiederkehrende Angst, dass sich durch das komplizierte Aufnahmeverfahren ein Fehler in die Klassenlisten und Einladungen geschlichen hatte und nun ein Kind „übrig geblieben“ oder nicht aufgerufen wird, stellte sich erneut als unnötig heraus. Alles hatte gestimmt und die Klassen zogen durch den Mittelgang hinaus und traten, nach einer bewegenden Feier herzlich begrüßt, den Weg in die neue Schule an. „Vielen Dank für diese schöne Feier. So etwas hätte ich meiner anderen Tochter auch gewünscht.“, sagte mir ein Vater anschließend vor der Bühne. Angesichts der aktuellen Diskussion um Plastik in den Meeren, hatten wir den Luftballonwettbewerb gestrichen und durch eine neue Aktion ersetzt: Die Eltern sollten, nach einer Pause mit Kaffee und Kuchen, einen Brief mit Wünschen an ihre Kinder schreiben, den wir dann am Ende des Schuljahres verschicken wollen. Die Kinder schreiben ebenfalls einen. Ich kann mir die reichhaltigen, lustigen oder nachdenklichen Gespräche über das erste Jahr IGS in den Familien im kommenden Jahr so richtig gut vorstellen! Aufnahmefeier mit Langzeitwirkung!

Ein zauberhafter Vormittag, der aber bedingte, dass ich nicht am Bautreffen in Deidesheim teilnehmen konnte. Also holte ich mir die Informationen nachmittags telefonisch ab. Die fehlende Mauer an der Abrisskante soll nun von einer anderen Firma hochgezogen werden. Am Freitag der nächsten Woche sollte sie wohl tragfähig und getrocknet sein, so dass dann der letzte Teil abgerissen werden könne. Ob dann ein Rohbauer wirklich noch im Oktober (bei bevorstehendem Winter?) beginnen wird, tauchte als Zweifel plötzlich auf. Wer baut, weiß um jede Menge Verzögerungen. Aber noch immer stehen wir ganz am Anfang und bereits jetzt stimmt der Zeitplan nicht mehr! 44 Tage Baustelle und gefühlte 16 Tage Stillstand. Kann ja noch heiter werden!

 

Montag, 12. August 2019, Tag 43 der Baustelle:

Ich zähle die Tage der Baustelle weiter, obwohl sie wieder ruht. Der Bagger steht in Ruheposition da, die Schaufel ist sachte auf der Erde „geparkt“, daneben ein Sattelschlepper, der offensichtlich den Bagger abholen soll? Bis nach der Schulleitungssitzung ist aber nichts geschehen.

Ansonsten ein erster Schultag mit tausend und eins Dingen, von der Post über die Begrüßung der neuen Elftklässler, die neue Kaffeemaschine, die in der Mensa für die Oberstufe zur Verfügung steht, erste Version des großen Elternbriefes und…und…sprich: Der Alltag ist wieder da.

Daraus hervor stachen die Proben in der Stadthalle für die Eröffnungsfeier morgen in der Stadthalle. Die Bandklasse war schon eifrig am Proben, als ich die Halle erreichte. Meine beiden bestellten Musikklassen des letzten Jahres warteten bereits ungeduldig vor dem Eingang. „Wir dürfen noch nicht rein. Erst muss die Bandklasse fertig sein.“ Das galt natürlich nicht für mich und ich setzte mich in eine der ersten Stuhlreihen, ließ die Musik auf mich einströmen und versuchte mir die Aufführung des Cupsongs und den Sirtaki vorzustellen. Den Cupsong wollte ich ja auf verschiedene Stellen in der Halle verteilen, wusste aber nicht, ob die runden Stehtische zur Verfügung standen. Jetzt nahm ich sie in den Blick und überlegte, wo sie am besten positioniert werden könnten. Die Proben der beiden Klassen klappten dann später nur mäßig, aber eine alte Bühnenerfahrung besagt: Wenn die Generalprobe schiefgeht, wird die Premiere umso besser. Hoffen also auf morgen.

 

Freitag, 09. August 2019, Tag 40 der Baustelle:

Freitag vor Schulbeginn, das heißt bei uns seit Jahren: erste Dienstbesprechung und Wiedersehen mit allen Kolleginnen und Kollegen, heißt bei uns Begrüßung der Neuen mit kleinen Schultüten und heißt bei uns auch Singen des umgetexteten Schulliedes, wozu ich die Ukulele bereits gestern schon mal gestimmt habe. Personalsituation, Vorstellung des Stundenplans und des Terminkalenders, Abläufe und Verfahrensweisen nochmal einschärfen, Neurungen ab diesem Schuljahr und schließlich die hoheitlichen Aufgaben durch den Schulleiter als Staatsdiener: Beförderungen und Vereidigungen „im Namen des Landes Rheinland-Pfalz“ vornehmen. Eine Menge Holz also, das wir aber dennoch schneller als geplant bewältigen konnten. An kaum einem anderen Termin sind so viele, wenn auch doch nie alle, Lehrkräfte beisammen, so dass wir nach der Dienstbesprechung das neue Kollegiumsfoto und die Teamfotos auf den Chip bannten. Und dann vereinzelt sich das Kollegium sehr schnell, denn immer treffen sich erstmals die einzelnen Jahrgangsteams zu einer ersten Sitzung, so dass ich die wenigsten persönlich begrüßen konnte.

Zum Kollegiumsfoto platzierten wir uns mit der Abbruchkante im Hintergrund. Die Baustelle ist sicherlich in den kommenden Schuljahren das folgenreichste Thema und darf daher treffend auch hinter dem Kollegium zu sehen sein.

Gestern hatten wir in einer prima Aktion mit zehn freiwillig gekommenen Schülern und einer Schülerin, die neuen Container eingeräumt. Faszinierend, dass sie wirklich während ihrer Ferien gekommen waren und in zwei Stunden und konzentrierter Arbeit die vier Container möbliert hatten, immerhin Tische, Stühle und Lehrerpulte für vier Klassen mit etwa 120 Schülerinnen und Schülern. Gelockt hatte ich sie mit einer anschließenden „Pizza von und mit dem Chef“ – vor der Zeit waren die Kids fertig und ich war wieder einmal stolz auf sie und glücklich, eine solche Schülerschaft an der Schule zu haben. Habt ganz herzlichen Dank dafür!

Heut nun informierte ich das Kollegium über den Bau und dessen Hemmnisse. Immerhin hatte sich der „Dino-Bagger“ bis an die erwähnte Wand „vorgefressen“. Er zerkleinerte während der Dienstbesprechung die Beton- und Steinbrocken und bereits um halb acht wurde der erste Lastwagen beladen, um den Bauschutt abzufahren. Das hielt den ganzen Tag an, so dass ich guter Dinge bin, dass die Abbrucharbeiten ab Montag zunächst einmal abgeschlossen sind (bis eben die Trennwand gemauert ist!). Gipser verschlossen heute die freien Wege am Ende der Flure Richtung Abbruchkante. Nicht, dass da am Montag neugierige Schüler an den Abgrund laufen… Wären die Öffnungen heute nicht verschlossen worden, hätte am Montag in Deidesheim die Schule nicht begonnen, so steht es im Protokoll des 31 Bau-Jour-fixe. Ich bin gespannt, ob und welche Kommentare ich am Montag zur Baustelle aufschnappen werde. Ich konnte den Fortgang der Arbeiten ja fast schrittweise mitvollziehen. Die Schülerschaft kommt am Montag und sieht das vorläufige Ergebnis. Ich wünsche an dieser Stelle allen an der Schule einen gelungenen Start in ein erfolgreiches Schuljahr und viel Geduld mit den Maßnahmen und Einschränkungen durch die Bauarbeiten!

 

Mittwoch, 07, August 2019, Tag 38 der Baustelle:

Ist es denn wirklich wahr? Ist das ein Traum, eine Vision? Oder gar nur Einbildung? Nein, es ist die Realität: Heute Morgen ging der gelieferte Bagger ans Werk – und wie! Es krachte, staubte, klopfte und das Gebäude vibrierte. Der Bagger stieß mit 170 bar und seinem typischen Hämmern immer wieder mit dem Abrissmeißel ins Mauerwerk der Stirnseite, erst brachen einzelne Steine heraus, dann krachten größere Gruppen in die Tiefe, am Ende gar ganze Mauerteile. In drei Etagen konnte man bald hineinblicken. Es sah etwa so aus, wie die Bilder aus dem Fernsehen nach Gasexplosionen oder Anschlägen: Woher bis vor kurzem noch Schülerleben herrschte, regierte nun trist der Abrissmeißel. Da blieb ein Waschbecken von unten sichtbar zunächst noch hängen, hier steht noch die Toilettenschüssel, da hinten die Wand haben Klassen seinerzeit selbst gemalert. Emotionslos tauschte aber der Bagger den Meißel gegen die Schaufel aus. Riesig kam sie mir vor und trotzdem schaffte es der Baggerführer das große Eisenteil, das gut und gerne beinahe ein halbes Klassenzimmer einnahm, geschickt gegen die hintere Wand zu drücken, so lange, immer wieder und immer fester, bis diese ihren Widerstand aufgab und einstürzte. Nur das tragende Betongerüst mit den Armierungseisen blieb stehen. Durch das lange und intensive Zuschauen wurde der Baggerfahrer auf mich aufmerksam. „Du Anwohner hier?“, fragte er mich mit einem deutlich ausländischen Akzent. „Nein, ich bin der Schulleiter.“, war meine Antwort. Darauf er: „Ah, so was wie Hausmeister?“. „Nein, so was wie Chef der Schule.“ „Oh, aber angezogen wie Urlaub.“, war seine Reaktion. Angesichts der Wärme und der Ferien war ich tatsächlich locker gekleidet und dachte schmunzelnd an Gottfried Kellers „Kleider machen Leute“. Erneut wurde der Baggervorsatz ausgetauscht. Nun kam die riesige Eisenschere zum Eisensatz. 80.000 Euro würde sie kosten, sagte mir einer der Arbeiter. Sie schaffte es die Betonstützen langsam aber stetig durchzuschneiden. Es krachte und knirschte, aber am Ende hatte der Beton gegen dieses, einem Tyrannosaurus Rex ähnlichen Ungetüm, nicht die geringste Chance. Wir standen lange staunend an verschiedenen Plätzen, holten die Mobiltelefone heraus, fotografierten und filmten den Abbruch. Dann rauschte eine silberne Limousine für eine Baustelle viel zu schnell heran, die Statikerin sprang aus dem Auto und stoppte zunächst das grausige und gebäudemordende Geschehen. Richtig, die Stützwand an der künftigen Abbruchkante war ja immer noch nicht hochgemauert und dadurch die ganze Statik des Gebäudes nicht gesichert. Da kann man nicht einfach Mauern und tragende Teile abreißen. In einem, im Verlauf lauter werdenden Gespräch, markierte sie mit fester Stimme die Stelle beziehungsweise die Wand, bis zu der abgerissen werden darf. Der Rest bleibt stehen, bis die Stützmauer eingebaut ist. „Wir wollen ja, dass der andere Teil nicht auch umfällt!“ Das „gezackte Gebiss des Tyrannosaurus“ war noch montiert. Also ging es an der östlichen Ecke weiter. Als die mittlere Stütze „geknackt“ war, fielen mit einem bisher nicht gekannten Donner das Dach und zwei Etagendecken zu Boden. Eine riesige Staubwolke kam auf uns zu. Mich erinnerte das an die Staubwolken des elften Septembers in New York. Als wir wieder klarer sehen konnten, hing eine der dicken Decken in der Größe eines Klassenzimmers senkrecht herunter, nur noch an ein paar Armierungseisen hängend. Welch ein Schauspiel! Erst recht, als die Abrissschere dieses Eisen durchtrennte und der riesige Betonbrocken eine Etage tiefer auf das Geröll donnerte. Wo doch bisher friedlich Jugendliche lernten, vielleicht auch vor sich hindösten, ging es heute mit brachialer Gewalt zu. Welch ein Kontrast!

Fakt ist nun, dass der Abriss bis zum Montag natürlich nicht vollendet sein wird. Wie lange das Errichten der Trennmauer dauern wird, ist mir nicht bekannt. So lange jedenfalls bleibt das „angenagte“ Gebäude zur Hälfte noch stehen!

Trotz all dem „Abenteuer Schulabriss“, das den kleinen Jungen in mir zu intensivem Staunen und Zuschauen verführte, gelang es mir, den letzten Akt in der Personalplanung vollziehen zu können. Eine Kollegin ist gefunden, die sich schon morgen vorstellen wird. Dann wären wir auf dem Papier doch tatsächlich vollständig ausgestattet. Ihren Dienst wird sie nicht direkt antreten können, der Amtsschimmel muss erst noch wiehern und den Vertrag erstellen. Ich rechne mit zwei Wochen. Aber wenn man bedenkt, dass aus Mainz sieben weitere Planstellen geschaffen oder freigegeben oder aus dem Hut gezaubert oder was auch immer wurden, die nun auf die Schnelle (an anderen Schulen) besetzt werden müssen und dadurch wiederum an Schulen fest eingeplante Vertretungskräfte (Es sei ihnen gegönnt!) wegfallen, dann dreht sich hier nochmal das Personalkarusell mit erhöhter Rundenzahl – und das einige Tage vor Schulbeginn! Gemessen also daran, sind wir gut dran mit unserem seit heute kompletten Kollegium!    

 

Montag, 05. August 2019, Tag 36 der Baustelle:

Gestern Abend kam ich spät von der Ostsee zurück, heute Morgen bereits Schulleitungssitzung. Wie lautet der Spruch eines nordamerikanischen Indianerstammes in solchen Fällen: Da muss die Seele erst nachkommen.

Bei der Einfahrt auf den Schulhof sah ich das erwartete Bild: Gebäude C2 steht noch! In großen Packen liegen auch noch die Steine parat, aus welchen einmal die Abtrennungswände an der Bruchkante gemauert werden. Noch ist aber der Schnitt durch das Mauerwerk gar nicht fertig! Während wir tagten, hörten wir aber das etwas kreischende Geräusch der Betonsäge. Na bitte, geht doch voran. Ein Anruf beim Schulträger brachte die frohe Botschaft: Die Abbruchfirma hat zugesagt, dass das Gebäude am ersten Schultag abgerissen sei. Na dann aber flott ans Werk, es bleibt euch lediglich eine Woche. Auch die großen gelben Schuttcontainer stehen am alten Platz. Sieht also alles so aus, wie vor meinem Urlaub. Auf der anderen Seite meines Büros allerdings wurde den ganzen Tag der Boden verfestigt, laut und mit einem fast durchgehend donnernden Geräusch des Rüttlers. Je nachdem, wie nahe dieser am Gebäude arbeitete, vibrierte mein Schreibtisch. Da ist also einiges passiert. Nachdem alle Pflanzen gerodet, die Hügel abgetragen sind und eine einzige ebene Fläche entstanden ist, sieht man erst, wie groß diese Fläche ist. Immerhin wurde im Laufe des Tages ein großer Bagger auf einem Anhänger angekarrt. Könnte ja wirklich darauf hindeuten, dass der Abriss noch diese Woche erfolgt.

Wir befassten uns aber hauptsächlich mit dem Terminkalender des kommenden Schuljahres, mit der ersten Schulwoche und natürlich mit der Personalsituation. Der letzte fehlende Vertretungsvertrag konnte immer noch nicht abgeschlossen werden. Ab heute ist das wieder „Chefsache“. Leichter wird es dadurch aber auch nicht und wir haben schon mal einen Plan B erstellt, falls wir es auch in dieser letzten Ferienwoche nicht schaffen werden.  

 

Freitag, 26. Juli 2019, Tag 26 der Baustelle:

In diesem Jahr scheine ich den Kopf im Urlaub nicht frei zu kriegen. Wie in den Jahren zuvor, will ich auch im Urlaub erreichbar sein. Zweimal hatte das sehr positive Auswirkungen: in einem Jahr konnte ich einem in den Ferien verwaisten Kind einen Schulplatz besorgen, im anderen Fall konnte ich eine Kollegin eine Planstelle zusagen. Ich erreichte sie seinerzeit selbst am Strand in Spanien. Dennoch: der diesjährige Urlaub toppt alles. Es mögen durchaus fünfundzwanzig Telefonate gewesen sein, die ich diagonal über Deutschland hinweg in den Südwesten führte. Immer mit zwei Themen belegt: Personal und Baustelle.

 

Montag, 22. Juli 2019, Tag 22 der Baustelle:

Auf der Autobahn Richtung Ostsee klingelt das Mobiltelefon. Ich war doch frohgemut in den Urlaub gestartet, denn die Personalplanung war mit der Vertretungsstelle vom Freitag abgeschlossen. Denkste! Die Kollegin hat inzwischen, das muss ja heute Morgen gewesen sein, eine Planstelle in Baden-Württemberg angeboten bekommen. Ober sticht Unter, Planstelle sticht Vertretungsvertrag. Vertragsausfertigung stoppen und die Suche delegieren, denn ich bin jetzt mal für zwei Wochen weg.

 

Freitag, 19. Juli 2019, Tag 19 der Baustelle:

Für einen Ferientag bot er eine ganze Menge schulischer Eindrücke. Zunächst fuhr ich um neun Uhr zur Schulaufsicht nach Neustadt. Als Schulleiter sollte ich an einem Auswahlgespräch für die uns überraschend zugewiesene Planstelle teilnehmen. Jeweils zwanzig Minuten hohe Konzentration, Kopf und Bauch befragen und anschließend die gesammelten Eindrücke mit denen der Referentin abgleichen und sich auf eine/n Bewerber einigen. Obwohl dies kein Neuland für mich war, war etwas Anspannung in mir zu spüren, denn mit der neuen Referentin hatte ich das bisher noch nicht erlebt. Da wir aber inzwischen über ein gutes Fundament durch eine ganze Reihe von Begegnungen und austauschenden Gesprächen verfügen, nahm das Level sehr schnell die Nullposition ein.

Gleich anschließend fuhr ich zurück nach Deidesheim. Da der Turmschreiber nun während der Ferien in der Turmstadt weilt, fallen die schulischen Begegnungen bei diesem ersten Aufenthalt aus. Durch meinen Gastbeitrag über Andreas Maier hatte ich aber Kontakt zum Bürgermeister, der mich stattdessen zu einer offiziellen Stadtbesichtigung mit Andreas Maier einlud. Eine solche hatte ich trotz zehnjähriger Schulzeit in Deidesheim noch gar nicht mitgemacht. Umso schöner, dass ich sie jetzt und sogar mit dem Turmschreiber nachholen konnte und tatsächlich liefen wir Ecken, Gassen und Plätze an, die ich bisher nicht kannte, und erfuhr eine Menge mir bisher unbekannter Details. Die Würze aber entstand durch die Teilnahme des Turmschreibers. Er hatte meinen Gastbeitrag bereits gelesen und empfand ihn „sehr ernst, aber wer befasst sich schon mit allen meinen Büchern und schreibt dann darüber“. Zwei wunderbare Stunden, die am Ende mit einer gemeinsamen Zigarette an der Kirche endeten. Wie schon so oft wurde der Annährung durch diese fünf Minuten nochmal „eins draufgesetzt“. Herrlich!

Dann zur Schule, denn ich hatte eine Interessentin für den noch immer offenen Vertretungsvertrag gefunden und für heute zum Kennenlernen eingeladen. Parken konnte ich noch immer auf dem Schulhof, denn die Baustelle ruht seit nunmehr fünf Tagen. Zwar ist die Steuereinheit des Aufzugs ausgebaut und der Schnitt, der den abzureißenden Teil von dem trennen soll, der stehen bleibt, soll eigentlich jeden Tag erfolgen und findet dann doch nicht statt. Auch der Hausmeister verfügt über keine weiteren Informationen. Nun denn, wird schon seine Gründe haben. Die Kollegin kam dann pünktlich. Es war fast etwas gespenstisch zu zweit in der menschenleeren Schule, der Hausmeister war auch schon in den wohlverdienten Feierabend gegangen. Die Stadtführung begann übrigens mit der Schlüsselübergabe für den Turm. Gemäß Brauch und Sitte, wird dabei eine Flasche Riesling entkorkt, die am Ende der Führung leer war. Der Hausmeister wies mich lächelnd darauf hin, dass man dies rieche. Zwar hatte ich zwei Tassen Kaffee vor dem Kennenlerngespräch getrunken und etwas gegessen, aber die Befürchtung, was die Kollegin denken würde, röche man den Riesling noch, konnte ich nicht verhehlen. Am Ende wurden wir uns einig und sie kommt zu uns. Juhu und Heißassa, damit ist die Personalplanung noch vor meinem Urlaub in trockenen Tüchern und die Mann- und Frauschaft für das neue Schuljahr steht komplett.  Bedenkt man, dass wir uns bereits am Ende der dritten Ferienwoche befinden, ist es wohl spät. Auf der anderen Seite erfuhr ich heute Morgen in der Schulaufsicht, dass noch über tausend Stunden an anderen Schulen zu besetzen seien und dass dies keinesfalls bis Schulbeginn zu leisten sei. Na, da will ich mal gar nicht meckern und freue mich über den Ertrag des heutigen Tages: Planstelle besetzt, Vertretungsvertrag reingeholt, Personalplanung abgeschlossen, mit dem Turmschreiber durch die Stadt gelaufen, geplaudert, getrunken und geraucht – was will man mehr!

Noch etwas kommt hinzu: Das inzwischen bestellte Uhrwerk für die große Uhr aus der Schule kam heute mit der Post. Gleich nach dem Heimkommen setzte ich mich dran, schnitt die Uhrzeiger zurecht, montierte das neue Werk von hinten an das Ziffernblatt, Zeiger dran, Batterie rein und – sie läuft! Sie lief am späten Abend noch und zeigt pünktlich die Zeit an, exklusiv nur für den Schulleiter, kein Schüler und keine Schülerin werden sich je noch mal nach ihr richten und dennoch: Sie wurde vor der Mülldeponie bewahrt.

 

Dienstag, 16. Juli 2019, Tag 16 der Baustelle:

Als ich heute in die Schule kam – die Personalplanung ist immer noch nicht abgeschlossen – lag eine gespenstische Ruhe über dem Gelände. Alle Materialien wie Heizkörper, Holzbretter der Decken und Fensterrahmen aus Aluminium, waren fein säuberlich getrennt in die bereitgestellten Sammelcontainer verbracht worden. Wo bisher alles „rumgelegen“ hatte, war sauber gefegt und der Eingang durch die offene Fensternische war mit einer Wand aus OSB-Brettern versperrt – mit einer eigenen Eingangstür! Aber kein Mensch war zu sehen und Ruhe lag über dem Bau. Seltsam, dabei gibt es doch Terminarbeiten. Dafür soll morgen der Aufzugbauer kommen und die erwähnte Steuerung noch rechtzeitig ausbauen.

Auch im „Containerdorf“ – den Begriff kann man doch bei dreizehn Containern durchaus verwenden – wo der Innenausbau voranschreiten sollte, herrschte Ruhe. Mehr als Verwunderung konnte ich nicht aufbringen, denn genaue Informationen sind Mangelware. Als ich auf den Hof fuhr, war eben der Baustellenleiter wieder abgefahren, wie mir der Hausmeister mitteilte. Nun gut, dann genoss ich die Büroarbeit in Stille und Behaglichkeit.

Übrigens habe ich mir eine der großen Uhren vor dem Abtransport gesichert. Zwar benötigt sie ein anderes Uhrwerk, weil sie bisher an der Hauptuhr angeschlossen war und von dort ihre Impulse zum Laufen erhielt, aber ich habe mich im Netz bereits umgesehen und ein passendes Uhrwerk ausfindig gemacht. Es ist auch für die langen Zeiger ausgelegt und die Mittelspindel ist nur 11 Millimeter lang. Allerdings konnte ich es noch nicht bestellen, denn die Firma, welche diese Uhrwerke vertreibt, derzeit wegen Urlaub der Mitarbeiter keine Aufträge annimmt. Bin gespannt, ob sie wirklich zum Laufen bringe! Wenn das klappt, möchte ich nicht nur eine der alten Uhren zu Hause haben. Ich dachte mir, als Erinnerung und Reminiszenz an das alte Gebäude könnte ja mein neues Büro mit einer dieser alten Uhren geschmückt werden. Apropos: An der Außenmauer des Schulgebäudes war ein Sandstein angebracht mit der Aufschrift „1992 bis 2002 Hauptschule Deidesheim“. Ich weiß, dass die damaligen Kollegen bei Einrichtung der Regionalen Schule die auslaufende Hauptschule dort „beerdigt“ hatten. Diesen Stein wollte ich unbedingt gerettet wissen, habe dies auch mit dem Architekten und der Abbruchfirma besprochen. Heute sah ich ihn schon vom alten Platz gelöst und an den Aufzugsturm gelehnt stehen. Bin gespannt, welcher neue Standort uns einfällt.

 

Freitag, 12. Juli 2019, Tag 12 der Baustelle:

Hmmm, was in der letzten Bausitzung geargwöhnt wurde, ist jetzt wohl auf der Baustelle angekommen: Wenn C2 abgerissen ist, bleibt die Baustelle erstmal bis Oktober „liegen“. Zum einen liegt das an der Bürokratie, zum anderen am Bauboom, der offensichtlich gerade herrscht.

Vor dem Bürofenster liegt ein ziemlich großer Haufen Grünschnitt. Wie ein geschorenes Schaft sieht das Gelände aus. Was vorher, bewachsen, wie ein Hügel aussah, entpuppt sich nach dem Roden als kleine Landschaft mit mehreren „Gipfeln“. So habe ich das Gelände noch nie gesehen. Der blaue Baucontainer sieht aus, wie der, der beim Labyrinth stand, scheint aber neueren Datums zu sein, jedenfalls wirkt das Blau etwas frischer.

Vorne im Hof steigt der Lärm. Die Fensterrahmen aus Aluminium werden mit der Trennscheibe auseinandergesägt, die superschweren Gegengewichte der alten Tafeln aus Blei donnern in die Eisencontainer, ebenfalls die eisernen Heizkörper. Aber gerade wegen dieses Lärms wurde der Abriss ja in die Ferien verlegt. Seltsam, die Gebäudeöffnungen wurden mit großen Planen zugeklebt, weil erneut eine Luftmessung vorgenommen werden muss. Jetzt? Wo das Gebäude tagelang durchlüften konnte? Vermutlich ist diese Messung notwendig, um den kommenden Bauschutt als „sauber und rein“ nachweisen zu können. Noch ist C2 nicht abgeschnitten, das soll dann ab Montag vollzogen werden. Und dann kommt der Bagger? Wer weiß das schon. Aber vermutlich wird das Gebäude nicht krachend zertrümmert, sondern langsam abgetragen.

Ach so, die Anwohner haben sich beim Ordnungsamt beschwert, weil irgendwelche Menschen in der Nacht auf dem Dach (!) laut gefeiert hätten. So langsam könnten wir doch Eintritt verlangen für die Party in ganz besonderem Ambiente! 

 

Donnerstag, 11. Juli 2019, Tag 11 der Baustelle:

Was gestern nur eine sehr vage Andeutung war, ist heute Gewissheit geworden: Wir erhalten eine weitere Planstelle. Nicht zum ersten Mal findet dies während der Sommerferien statt. Aber da will ich gar nicht mosern. Allerdings macht uns dies noch kein weiteres „Loch“ zu.

In meinem Büro riecht es wie im Sommerurlaub: Das frisch gemähte Grans duftet vom hinteren, künftigen Schulhof durch das offene Fenster und versetzt mich olfaktorisch auf eine frisch gemähte Almwiese. Auf der anderen Seite werden die Fensteröffnungen, die ja inzwischen bis zum Boden reichen, mit Folienplanen verklebt. Sieht fast so aus, als ob der Schnitt mit der Betonsäge (?) wirklich noch heute erfolgt, der Baustellenverteiler für den Starkstromanschluss ist vor wenigen Minuten fertiggestellt worden. Wenn es dann losgeht, nehme ich, statt des lauten Schneidegeräusches, lieber den Duft des gemähten Grases mit nach Hause nehmen…

 

Mittwoch, 10. Juli 2019, Tag 10 der Baustelle:

So, das Gebäude ist zumindest durch Holzwände abgetrennt, so dass ein einfacher Besuch des nachts nicht mehr so leicht möglich ist. Wer unbedingt rein will, wird weiter reinkommen. Die Einbrüche der Vergangenheit haben dies ja gezeigt. Noch immer sind nicht alle Fremdstoffe wie Elektrokabel, Fensterrahmen und dergleichen mehr ausgebaut. Dennoch soll diese Woche geschnitten werden, das heißt: der Teil des Gebäudes C2 (so ist der Trakt in den Architektenplänen bezeichnet) wird vom Rest getrennt. Die entstandene Sägefuge ist dann später die Abbruchkante.

Dafür tut sich im hinteren Teil, dem künftigen Schulhof, einiges: Rasenmäher, Motorsense und Kreissägen roden die 10 Jahre vor sich hingewachsene Fläche. An den beiden Robinien, die wild gewachsen sind, sieht man, welche Zeitspanne inzwischen verstrichen ist: Sie hatten beinahe die Dachkante erreicht!

Auf der Baustelle „Personalplanung“ tut sich dagegen weniger, daher fuhr ich heute nochmal zur Schulaufsicht und wir haben weitere Angebote für Vertretungsverträge losgeschickt. Schauen wir mal. Da das Sekretariat nicht besetzt ist, sei es ein erster Test des IQ: Wie kriege ich Kontakt zur Schule? Homepage, E.Mail-Adresse des Schulleiters. Nicht schwierig, aber man muss eben draufkommen, da keinerlei Daten weitergegeben werden dürfen.

 

Dienstag, 09. Juli 2019, Tag 9 der Baustelle:

Denkste! Die Absperrwände aus Holz zum Gebäude hin waren heute Morgen immer noch nicht hochgezogen. Also stand die Schule eine weitere Nach offen! Allerdings deuten keine Spuren auf einen erneuten nächtlichen Besuch hin. Einfach nur Glück gehabt! Jetzt sind die Ständer und OSB-Platten geliefert. Heute Abend soll die Schule dicht sein. Problematisch erwies sich für die demnächst zu mauernden Zwischenwände die Aufzugssteuerung. Nachdem eine Firma mit Laserlicht den genauen Ort für den Trennschnitt ermittelt und angezeichnet hat, liegt die Steuerung des Aufzugs, der ja ausgeschaltet bzw. stillgelegt ist, zu nah der kommenden Absperrwand. Ausbauen kann diese nur die Aufzugsfirma, die aber kaum solch kurzfristige Termine anbieten kann. Hin- und Her-Diskussionen zwischen Schulträger als Bauherr, Abbruchfirma wegen des Trennschnittes, dem Statiker Büro, dem Baustellenleiter und der Architektin, was jetzt zu tun ist. Der Schulleiter stand relativ unbeteiligt daneben, nur darauf pochend, dass die restliche Schule möglichst bald und möglichst einbrucherschwerend abgetrennt wird (an „einbruchsicher“ glaubt dieser eh nicht mehr). Eine Lösung wurde dann gefunden, die dem Aufzugbauer zumindest eine Spanne von drei Wochen einräumt. Ich bin mir dagegen nicht sicher, ob dieses Steuerelement, das ich freilich noch nie gesehen habe, nach der Baumaßnahme noch gebrauchen ist (Was im Übrigen nach drei Jahren Stillstand für den gesamten Aufzug gilt). Ansonsten geht es voran, heute waren auch schon die ehemaligen Fensterfassungen dran. Gelernt habe ich übrigens noch, was eine „verschwundene Schalung“ ist. Es handelt sich dabei um eine Schalung zum Ausgießen mit Beton, die auch nach dem Austrocknen desselben im Gebäude verbleibt und nicht ausgebaut wird. Daher sehen die offenen Rippendecken aus wie Holzdecken, aber man sieht eigentlich nur die Schalung. Die einzelnen Rippen sind darin mit Beton ausgegossen. Man lernt nie aus!

 

Montag, 08. Juli 2019, Tag 8 der Baustelle:

Als hätten wir mit Einbrüchen nicht schon genug Erfahrung: Die Abbruchfirma hat am Samstag noch die Fenster ausgebaut, so dass das Wochenende über die offenen Fensternischen zum Einsteigen einluden. Gleichzeitig ist der Gebäudeteil eingerüstet, kein Problem also, für Interessierte, mal einen Abend mit besonderem Kick in der Baustelle einer Schule zu verbringen, denn die geplanten Trennwände zum Gebäudeteil der stehen bleibt, sind noch nicht eingezogen. Wir fanden leere Sixpacks und ein verstreutes Kartenspiel! War vielleicht ein feuchtfröhlicher Skatabend mit Abbruchatmosphäre. Von Vorteil war, das sich keine kriminelle Energie dazu gesellte, denn nichts wurde aufgebrochen oder sonst irgendwie beschädigt. Glück gehabt! Beschwerde beim Bauleiter, das dürfe doch nicht sein, gerade bei unserer Einbruchsgeschichte. Er stimmte uns voll zu und veranlasste gleich, dass Holzbohlen aufgeständert werden, die dann abends mit Holzplatten verschlossen werden und den Zugang verhindern sollen.

Ansonsten ist das asbesthaltige Dach abgetragen und in große, weiße Säcke verpackt worden, die jetzt in einem der ebenfalls am Wochenende (?) gelieferten Schuttcontainer ihr vorletztes Dasein fristen.

Problematisch kommt immer noch die Personalplanung daher. Immer noch fehlen uns Lehrkräfte, weil ich erneut eine Absage für einen Vertretungsvertrag erhalten habe. Da heißt es: Dranbleiben!

 

Freitag, 05. Juli 2019, Tag 5 der Baustelle:

Ich konnte es heute nicht lassen, mal selbst in die Kabinenschleuse hineinzugehen. Ein seltsames Gefühl: Aus der „frischen“ Luft in die stickige Kabine, die Tür fällt hinter mir zu und auf der anderen Seite das vielleicht schadstoffbelastete Staub-Luft-Gemisch. Ich sah durch das kleine Fenster, dass die Holzdecken im ersten Obergeschoss bereits komplett runtergerissen bzw. zurückgebaut waren. Auf der Fläche eines kompletten Klassenraumes hatte ich die für den Brandschutz so problematischen Rippendecken aus irgendwelchem Pressmaterial noch nicht gesehen. Nun konnte ich das Dilemma auf über 70 Quadratmeter betrachten – so groß sind oder besser waren die Klassenzimmer – freigelegt und bloß über mir. Die Abbruchfirma hat unter dem Estrich noch eine lärmdämmende Schicht aus irgendeinem Glaswollgemisch entdeckt. Konnte nur heißen: Der Estrich musste mit groben Vorschlaghammern aufgeklopft werden. Große weiße Plastiksäcke sah ich an den Fenstern stehen, vollgepackt mit diesem belasteten Material. Die mehr oder weniger großen Brocken des Estrichs lagen herum – nur nicht ausrutschen und hinfallen. Wo jetzt Estrichtrümmer angehäuft herumlagen, die Decke herausgerissen ist, die Heizkörper demontiert und Türen ausgehängt sind, was also aussieht wie ein Trümmerberg nach einem Bombenangriff, genau hier fand vergangene Woche noch Unterricht statt – kaum zu glauben. Am Montag sollen die Elektriker kommen und die restlichen Kabel entfernen. Bei den langen Strecken durchaus ein respektabler Kupfergewinn, wenn sich jemand die Mühe macht, die Plastikisolierung zu entfernen.

Eine Bewerbung ging aufgrund der Stellenausschreibung der Schulaufsicht bei mir ein. Eine junge Frau, mit der ich jahrelang gemeinsam an der IGS in Mutterstadt gewesen sein muss. Und doch regt sich in mir weder beim Namen, noch beim Passbild irgendeine Erinnerung. Schade ist nur, dass sie kurz vor meinem Rückruf eine wohnortnahe Stelle erhalten hat. Also: Weitersuchen! Da lässt sich dann immer noch keine fertige Unterrichtsverteilung hinbekommen!

 

Donnerstag, 04. Juli 2019, Tag 4 der Baustelle:

Das sieht ja aus wie auf einer Ebola-Station: Auf dem Flur ist als Schleuse eine Metallkabine aufgebaut, um diese herum ist der Flur abgehängt, dahinter arbeiten Männer in blauen Ganzkörperanzügen mit Atemschutzmasken. Kann nur heißen: Arbeiter der Abbruchfirma haben, nachdem ich vor der Tür den Haufen mit den alten Heizkörpern gesehen habe, die alten Holzdecken in Angriff genommen. Diese hängen seit 1968 drin und keiner weiß genau, was da seinerzeit alles an Schadstoffen verbaut wurde. Eine Luftmessung im Zwischenraum zur Betondecke zuvor wies zumindest geringe Mengen von Formaldehyd und PCB nach. Daher auch das Gebläse in dem Raum, denn ein Abriss setzt all die Stoffe frei, die fünfzig Jahre ihr ruhiges Dasein in der abgehängten Decke gefristet und ausgedünstet haben. Jetzt, an den Bruchwunden, können sie wieder freigesetzt werden. Das erklärt die zusätzlichen Vorsichtsmaßnahmen.

Im Büro hörte ich wegen der erneuten Kollegensuche den Anrufbeantworter ab und hörte das, wovon die Sekretärinnen wohl ganzjährig nur träumen können: „Keine neuen Anrufe!“

 

Dienstag, 02. Juli 2019, Tag 2 der Baustelle:

Der Architekt sagte bei der heute stattfindenden Bausitzung angesichts der verschiedenen Berge von Abrissstoffen: „Jetzt haben wir den ‚Point of no return‘ erreicht!“. Naja, lange genug haben wir darauf ja gewartet.

Aber: Drei Dinge sind ganz am Anfang schon schiefgelaufen: Die Klassencontainer waren nicht wie geplant bezugsfertig zum Einräumen, der hintere Hof wird nur provisorisch geschottert und eine (?) letzte Unterschrift der Bauabteilung der Schulaufsicht fehlt, so dass die Ausschreibungen noch immer nicht laufen können. Sprich: Wir sind jetzt bereits zwei Monate im Verzug und der andere Gebäudeteil wird nicht wie vorgesehen in den nächsten Sommerferien abgerissen werden können! Bitte keine weiteren Verzögerungen! Lautet mein tägliches Stoßgebet.

Ansonsten erhielten wir erneute Ansage auf ein Angebot, einen Vertretungsvertrag abzuschließen. Der Grund ist die nicht gegebene Kinderbetreuung. „Gerne in zwei Jahren wieder, dann ist der Kleine drei und bekommt einen Platz.“ So lange können wir natürlich nicht warten. Also geht die Suche weiter!

 

Montag, 01. Juli 2019, Tag 1 der Baustelle:

Das geht jetzt aber rasant: gleich am ersten Ferientag waren die Arbeiter da, die den abzureißenden Bauteil von Schadstoffen „befreien“. Schadstoffe? Mein erster Gedanke geht da an chemische Belastungen wie Formaldehyd oder ähnliches, gemeint sind aber alle Stoffe, die später den Bauschutt „verunreinigen“ würden, als da sind Elektrokabel, Bodenfliesen aus Linoleum, Eisenteile (Heizungen), Tafeln, Türen usw. Sprich: Das Gebäude wird seit heute radikal entkernt.