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Juli 2019

 

Dienstag, 16. Juli 2019, Tag 16 der Baustelle:

Als ich heute in die Schule kam – die Personalplanung ist immer noch nicht abgeschlossen – lag eine gespenstische Ruhe über dem Gelände. Alle Materialien wie Heizkörper, Holzbretter der Decken und Fensterrahmen aus Aluminium, waren fein säuberlich getrennt in die bereitgestellten Sammelcontainer verbracht worden. Wo bisher alles „rumgelegen“ hatte, war sauber gefegt und der Eingang durch die offene Fensternische war mit einer Wand aus OSB-Brettern versperrt – mit einer eigenen Eingangstür! Aber kein Mensch war zu sehen und Ruhe lag über dem Bau. Seltsam, dabei gibt es doch Terminarbeiten. Dafür soll morgen der Aufzugbauer kommen und die erwähnte Steuerung noch rechtzeitig ausbauen.

Auch im „Containerdorf“ – den Begriff kann man doch bei dreizehn Containern durchaus verwenden – wo der Innenausbau voranschreiten sollte, herrschte Ruhe. Mehr als Verwunderung konnte ich nicht aufbringen, denn genaue Informationen sind Mangelware. Als ich auf den Hof fuhr, war eben der Baustellenleiter wieder abgefahren, wie mir der Hausmeister mitteilte. Nun gut, dann genoss ich die Büroarbeit in Stille und Behaglichkeit.

Übrigens habe ich mir eine der großen Uhren vor dem Abtransport gesichert. Zwar benötigt sie ein anderes Uhrwerk, weil sie bisher an der Hauptuhr angeschlossen war und von dort ihre Impulse zum Laufen erhielt, aber ich habe mich im Netz bereits umgesehen und ein passendes Uhrwerk ausfindig gemacht. Es ist auch für die langen Zeiger ausgelegt und die Mittelspindel ist nur 11 Millimeter lang. Allerdings konnte ich es noch nicht bestellen, denn die Firma, welche diese Uhrwerke vertreibt, derzeit wegen Urlaub der Mitarbeiter keine Aufträge annimmt. Bin gespannt, ob sie wirklich zum Laufen bringe! Wenn das klappt, möchte ich nicht nur eine der alten Uhren zu Hause haben. Ich dachte mir, als Erinnerung und Reminiszenz an das alte Gebäude könnte ja mein neues Büro mit einer dieser alten Uhren geschmückt werden. Apropos: An der Außenmauer des Schulgebäudes war ein Sandstein angebracht mit der Aufschrift „1992 bis 2002 Hauptschule Deidesheim“. Ich weiß, dass die damaligen Kollegen bei Einrichtung der Regionalen Schule die auslaufende Hauptschule dort „beerdigt“ hatten. Diesen Stein wollte ich unbedingt gerettet wissen, habe dies auch mit dem Architekten und der Abbruchfirma besprochen. Heute sah ich ihn schon vom alten Platz gelöst und an den Aufzugsturm gelehnt stehen. Bin gespannt, welcher neue Standort uns einfällt.

 

Freitag, 12. Juli 2019, Tag 12 der Baustelle:

Hmmm, was in der letzten Bausitzung geargwöhnt wurde, ist jetzt wohl auf der Baustelle angekommen: Wenn C2 abgerissen ist, bleibt die Baustelle erstmal bis Oktober „liegen“. Zum einen liegt das an der Bürokratie, zum anderen am Bauboom, der offensichtlich gerade herrscht.

Vor dem Bürofenster liegt ein ziemlich großer Haufen Grünschnitt. Wie ein geschorenes Schaft sieht das Gelände aus. Was vorher, bewachsen, wie ein Hügel aussah, entpuppt sich nach dem Roden als kleine Landschaft mit mehreren „Gipfeln“. So habe ich das Gelände noch nie gesehen. Der blaue Baucontainer sieht aus, wie der, der beim Labyrinth stand, scheint aber neueren Datums zu sein, jedenfalls wirkt das Blau etwas frischer.

Vorne im Hof steigt der Lärm. Die Fensterrahmen aus Aluminium werden mit der Trennscheibe auseinandergesägt, die superschweren Gegengewichte der alten Tafeln aus Blei donnern in die Eisencontainer, ebenfalls die eisernen Heizkörper. Aber gerade wegen dieses Lärms wurde der Abriss ja in die Ferien verlegt. Seltsam, die Gebäudeöffnungen wurden mit großen Planen zugeklebt, weil erneut eine Luftmessung vorgenommen werden muss. Jetzt? Wo das Gebäude tagelang durchlüften konnte? Vermutlich ist diese Messung notwendig, um den kommenden Bauschutt als „sauber und rein“ nachweisen zu können. Noch ist C2 nicht abgeschnitten, das soll dann ab Montag vollzogen werden. Und dann kommt der Bagger? Wer weiß das schon. Aber vermutlich wird das Gebäude nicht krachend zertrümmert, sondern langsam abgetragen.

Ach so, die Anwohner haben sich beim Ordnungsamt beschwert, weil irgendwelche Menschen in der Nacht auf dem Dach (!) laut gefeiert hätten. So langsam könnten wir doch Eintritt verlangen für die Party in ganz besonderem Ambiente! 

 

Donnerstag, 11. Juli 2019, Tag 11 der Baustelle:

Was gestern nur eine sehr vage Andeutung war, ist heute Gewissheit geworden: Wir erhalten eine weitere Planstelle. Nicht zum ersten Mal findet dies während der Sommerferien statt. Aber da will ich gar nicht mosern. Allerdings macht uns dies noch kein weiteres „Loch“ zu.

In meinem Büro riecht es wie im Sommerurlaub: Das frisch gemähte Grans duftet vom hinteren, künftigen Schulhof durch das offene Fenster und versetzt mich olfaktorisch auf eine frisch gemähte Almwiese. Auf der anderen Seite werden die Fensteröffnungen, die ja inzwischen bis zum Boden reichen, mit Folienplanen verklebt. Sieht fast so aus, als ob der Schnitt mit der Betonsäge (?) wirklich noch heute erfolgt, der Baustellenverteiler für den Starkstromanschluss ist vor wenigen Minuten fertiggestellt worden. Wenn es dann losgeht, nehme ich, statt des lauten Schneidegeräusches, lieber den Duft des gemähten Grases mit nach Hause nehmen…

 

Mittwoch, 10. Juli 2019, Tag 10 der Baustelle:

So, das Gebäude ist zumindest durch Holzwände abgetrennt, so dass ein einfacher Besuch des nachts nicht mehr so leicht möglich ist. Wer unbedingt rein will, wird weiter reinkommen. Die Einbrüche der Vergangenheit haben dies ja gezeigt. Noch immer sind nicht alle Fremdstoffe wie Elektrokabel, Fensterrahmen und dergleichen mehr ausgebaut. Dennoch soll diese Woche geschnitten werden, das heißt: der Teil des Gebäudes C2 (so ist der Trakt in den Architektenplänen bezeichnet) wird vom Rest getrennt. Die entstandene Sägefuge ist dann später die Abbruchkante.

Dafür tut sich im hinteren Teil, dem künftigen Schulhof, einiges: Rasenmäher, Motorsense und Kreissägen roden die 10 Jahre vor sich hingewachsene Fläche. An den beiden Robinien, die wild gewachsen sind, sieht man, welche Zeitspanne inzwischen verstrichen ist: Sie hatten beinahe die Dachkante erreicht!

Auf der Baustelle „Personalplanung“ tut sich dagegen weniger, daher fuhr ich heute nochmal zur Schulaufsicht und wir haben weitere Angebote für Vertretungsverträge losgeschickt. Schauen wir mal. Da das Sekretariat nicht besetzt ist, sei es ein erster Test des IQ: Wie kriege ich Kontakt zur Schule? Homepage, E.Mail-Adresse des Schulleiters. Nicht schwierig, aber man muss eben draufkommen, da keinerlei Daten weitergegeben werden dürfen.

 

Dienstag, 09. Juli 2019, Tag 9 der Baustelle:

Denkste! Die Absperrwände aus Holz zum Gebäude hin waren heute Morgen immer noch nicht hochgezogen. Also stand die Schule eine weitere Nach offen! Allerdings deuten keine Spuren auf einen erneuten nächtlichen Besuch hin. Einfach nur Glück gehabt! Jetzt sind die Ständer und OSB-Platten geliefert. Heute Abend soll die Schule dicht sein. Problematisch erwies sich für die demnächst zu mauernden Zwischenwände die Aufzugssteuerung. Nachdem eine Firma mit Laserlicht den genauen Ort für den Trennschnitt ermittelt und angezeichnet hat, liegt die Steuerung des Aufzugs, der ja ausgeschaltet bzw. stillgelegt ist, zu nah der kommenden Absperrwand. Ausbauen kann diese nur die Aufzugsfirma, die aber kaum solch kurzfristige Termine anbieten kann. Hin- und Her-Diskussionen zwischen Schulträger als Bauherr, Abbruchfirma wegen des Trennschnittes, dem Statiker Büro, dem Baustellenleiter und der Architektin, was jetzt zu tun ist. Der Schulleiter stand relativ unbeteiligt daneben, nur darauf pochend, dass die restliche Schule möglichst bald und möglichst einbrucherschwerend abgetrennt wird (an „einbruchsicher“ glaubt dieser eh nicht mehr). Eine Lösung wurde dann gefunden, die dem Aufzugbauer zumindest eine Spanne von drei Wochen einräumt. Ich bin mir dagegen nicht sicher, ob dieses Steuerelement, das ich freilich noch nie gesehen habe, nach der Baumaßnahme noch gebrauchen ist (Was im Übrigen nach drei Jahren Stillstand für den gesamten Aufzug gilt). Ansonsten geht es voran, heute waren auch schon die ehemaligen Fensterfassungen dran. Gelernt habe ich übrigens noch, was eine „verschwundene Schalung“ ist. Es handelt sich dabei um eine Schalung zum Ausgießen mit Beton, die auch nach dem Austrocknen desselben im Gebäude verbleibt und nicht ausgebaut wird. Daher sehen die offenen Rippendecken aus wie Holzdecken, aber man sieht eigentlich nur die Schalung. Die einzelnen Rippen sind darin mit Beton ausgegossen. Man lernt nie aus!

 

Montag, 08. Juli 2019, Tag 8 der Baustelle:

Als hätten wir mit Einbrüchen nicht schon genug Erfahrung: Die Abbruchfirma hat am Samstag noch die Fenster ausgebaut, so dass das Wochenende über die offenen Fensternischen zum Einsteigen einluden. Gleichzeitig ist der Gebäudeteil eingerüstet, kein Problem also, für Interessierte, mal einen Abend mit besonderem Kick in der Baustelle einer Schule zu verbringen, denn die geplanten Trennwände zum Gebäudeteil der stehen bleibt, sind noch nicht eingezogen. Wir fanden leere Sixpacks und ein verstreutes Kartenspiel! War vielleicht ein feuchtfröhlicher Skatabend mit Abbruchatmosphäre. Von Vorteil war, das sich keine kriminelle Energie dazu gesellte, denn nichts wurde aufgebrochen oder sonst irgendwie beschädigt. Glück gehabt! Beschwerde beim Bauleiter, das dürfe doch nicht sein, gerade bei unserer Einbruchsgeschichte. Er stimmte uns voll zu und veranlasste gleich, dass Holzbohlen aufgeständert werden, die dann abends mit Holzplatten verschlossen werden und den Zugang verhindern sollen.

Ansonsten ist das asbesthaltige Dach abgetragen und in große, weiße Säcke verpackt worden, die jetzt in einem der ebenfalls am Wochenende (?) gelieferten Schuttcontainer ihr vorletztes Dasein fristen.

Problematisch kommt immer noch die Personalplanung daher. Immer noch fehlen uns Lehrkräfte, weil ich erneut eine Absage für einen Vertretungsvertrag erhalten habe. Da heißt es: Dranbleiben!

 

Freitag, 05. Juli 2019, Tag 5 der Baustelle:

Ich konnte es heute nicht lassen, mal selbst in die Kabinenschleuse hineinzugehen. Ein seltsames Gefühl: Aus der „frischen“ Luft in die stickige Kabine, die Tür fällt hinter mir zu und auf der anderen Seite das vielleicht schadstoffbelastete Staub-Luft-Gemisch. Ich sah durch das kleine Fenster, dass die Holzdecken im ersten Obergeschoss bereits komplett runtergerissen bzw. zurückgebaut waren. Auf der Fläche eines kompletten Klassenraumes hatte ich die für den Brandschutz so problematischen Rippendecken aus irgendwelchem Pressmaterial noch nicht gesehen. Nun konnte ich das Dilemma auf über 70 Quadratmeter betrachten – so groß sind oder besser waren die Klassenzimmer – freigelegt und bloß über mir. Die Abbruchfirma hat unter dem Estrich noch eine lärmdämmende Schicht aus irgendeinem Glaswollgemisch entdeckt. Konnte nur heißen: Der Estrich musste mit groben Vorschlaghammern aufgeklopft werden. Große weiße Plastiksäcke sah ich an den Fenstern stehen, vollgepackt mit diesem belasteten Material. Die mehr oder weniger großen Brocken des Estrichs lagen herum – nur nicht ausrutschen und hinfallen. Wo jetzt Estrichtrümmer angehäuft herumlagen, die Decke herausgerissen ist, die Heizkörper demontiert und Türen ausgehängt sind, was also aussieht wie ein Trümmerberg nach einem Bombenangriff, genau hier fand vergangene Woche noch Unterricht statt – kaum zu glauben. Am Montag sollen die Elektriker kommen und die restlichen Kabel entfernen. Bei den langen Strecken durchaus ein respektabler Kupfergewinn, wenn sich jemand die Mühe macht, die Plastikisolierung zu entfernen.

Eine Bewerbung ging aufgrund der Stellenausschreibung der Schulaufsicht bei mir ein. Eine junge Frau, mit der ich jahrelang gemeinsam an der IGS in Mutterstadt gewesen sein muss. Und doch regt sich in mir weder beim Namen, noch beim Passbild irgendeine Erinnerung. Schade ist nur, dass sie kurz vor meinem Rückruf eine wohnortnahe Stelle erhalten hat. Also: Weitersuchen! Da lässt sich dann immer noch keine fertige Unterrichtsverteilung hinbekommen!

 

Donnerstag, 04. Juli 2019, Tag 4 der Baustelle:

Das sieht ja aus wie auf einer Ebola-Station: Auf dem Flur ist als Schleuse eine Metallkabine aufgebaut, um diese herum ist der Flur abgehängt, dahinter arbeiten Männer in blauen Ganzkörperanzügen mit Atemschutzmasken. Kann nur heißen: Arbeiter der Abbruchfirma haben, nachdem ich vor der Tür den Haufen mit den alten Heizkörpern gesehen habe, die alten Holzdecken in Angriff genommen. Diese hängen seit 1968 drin und keiner weiß genau, was da seinerzeit alles an Schadstoffen verbaut wurde. Eine Luftmessung im Zwischenraum zur Betondecke zuvor wies zumindest geringe Mengen von Formaldehyd und PCB nach. Daher auch das Gebläse in dem Raum, denn ein Abriss setzt all die Stoffe frei, die fünfzig Jahre ihr ruhiges Dasein in der abgehängten Decke gefristet und ausgedünstet haben. Jetzt, an den Bruchwunden, können sie wieder freigesetzt werden. Das erklärt die zusätzlichen Vorsichtsmaßnahmen.

Im Büro hörte ich wegen der erneuten Kollegensuche den Anrufbeantworter ab und hörte das, wovon die Sekretärinnen wohl ganzjährig nur träumen können: „Keine neuen Anrufe!“

 

Dienstag, 02. Juli 2019, Tag 2 der Baustelle:

Der Architekt sagte bei der heute stattfindenden Bausitzung angesichts der verschiedenen Berge von Abrissstoffen: „Jetzt haben wir den ‚Point of no return‘ erreicht!“. Naja, lange genug haben wir darauf ja gewartet.

Aber: Drei Dinge sind ganz am Anfang schon schiefgelaufen: Die Klassencontainer waren nicht wie geplant bezugsfertig zum Einräumen, der hintere Hof wird nur provisorisch geschottert und eine (?) letzte Unterschrift der Bauabteilung der Schulaufsicht fehlt, so dass die Ausschreibungen noch immer nicht laufen können. Sprich: Wir sind jetzt bereits zwei Monate im Verzug und der andere Gebäudeteil wird nicht wie vorgesehen in den nächsten Sommerferien abgerissen werden können! Bitte keine weiteren Verzögerungen! Lautet mein tägliches Stoßgebet.

Ansonsten erhielten wir erneute Ansage auf ein Angebot, einen Vertretungsvertrag abzuschließen. Der Grund ist die nicht gegebene Kinderbetreuung. „Gerne in zwei Jahren wieder, dann ist der Kleine drei und bekommt einen Platz.“ So lange können wir natürlich nicht warten. Also geht die Suche weiter!

 

Montag, 01. Juli 2019, Tag 1 der Baustelle:

Das geht jetzt aber rasant: gleich am ersten Ferientag waren die Arbeiter da, die den abzureißenden Bauteil von Schadstoffen „befreien“. Schadstoffe? Mein erster Gedanke geht da an chemische Belastungen wie Formaldehyd oder ähnliches, gemeint sind aber alle Stoffe, die später den Bauschutt „verunreinigen“ würden, als da sind Elektrokabel, Bodenfliesen aus Linoleum, Eisenteile (Heizungen), Tafeln, Türen usw. Sprich: Das Gebäude wird seit heute radikal entkernt.