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Jan 2019

Mittwoch, 30. Januar 2019:

Da saßen wir gestern im Obergeschoss im Differenzierungsraum, überlegten mit Jugendamt, Familienhelfer, Schulsozialarbeiterin, Schulleiter und die (getrennten) Eltern beisammen. Wie können wir einen Schüler am besten unterstützen? Welche Maßnahmen von außen könnten dabei helfen? Wer müsste dazu welche Schritte unternehmen? Letzten Endes ein interdisziplinäres Gespräch, da bei uns stattfand, um der Pädagogik Raum und Möglichkeiten zu geben. So sehr Schule hier mit im Boot oder auch den Anstoß dazu gab, letztlich werden die Schritte zu wirklicher Besserung außerschulisch stattfinden müssen. Gleichzeitig stand der Flur im Erdgeschoss für nach wie vor anmelden wollende Eltern im Fokus.

Heute Morgen war nun Anmeldeschluss. Wir erreichten die Zahl von genau 150 Anmeldungen. Auf der einen Seite ist damit ein gesunder Jahrgang zu bilden, auf der anderen Seite ist es die zweitniedrigste Anmeldezahl seit Bestehen der Schule. Wie wir dies einschätzen sollen oder müssen, ist noch offen. Dazu bedarf es weiterer Zahlen anderer Schulen. Sind die Anmeldungen auch dort gesunken und liegt es dann an einem geburtenschwachen Jahrgang? Was mich an Einschätzungen von allen möglichen Seiten erreichte, liegt es nicht an der Schule („Die Schule hat durchweg ein sehr hohes Ansehen in der Bevölkerung“ oder „Von dem guten Ruf der Schule hören wir überall, daher soll unsere Tochter zu Ihnen“ usw.). Dennoch müssen wir daran arbeiten, dass die Anmeldezahl weiter erhalten bleibt. Sie ist die Grundlage aller Arbeit und bedarf der ausreichenden Anzahl vor allem im oberen Leistungsbereich, um wirkliche Vielfalt herstellen zu können. Also: Dranbleiben!

 

Montag, 28. Januar 2019:

Die Anmeldung für den neuen fünften Jahrgang läuft etwas schleppend. Nach derzeitigem Stand werden wir die Anmeldezahl der letzten Jahre nicht erreichen. Aber noch ist ja Zeit, schauen wir mal. Gleich geblieben sind die Einblicke in tragische Familiengeschichten. In was ich da immer eintauche, macht mich immer wieder traurig für die Kinder, die das in so jungen Jahren schon alles mitschleppen müssen. Mir wird von einem verschollenen Vater, von nicht erreichbaren Mutter ohne feste Adresse erzählt, von Krankheiten und Schicksalsschlägen. Da werde ich ganz demütig und dankbar.

Geblockt waren in meinem Kalender 3 Stunden. Es ging um die Erstellung einer Risikomangementakte – noch mal ein neues Wort in Sachen Neubau. Letztlich ging es um die Frage: Wie kann eine technische Ausstattung die beeinflussenden Risikofaktoren minimieren helfen. Gemeint war damit in erster Linie etwa eine Sprechanlage, die zum einen in allen Räumen zu hören sein wird und inwiefern eine Dialogfähigkeit mit der Schulleitung oder der Verwaltung notwendig ist. Alle Überlegungen und Gedankenspiele sollten die Situation im Jahre 2023 wiederspiegeln. Da werde ich gar nicht mehr an der Schule sein. Drei Stunden benötigten wir dazu nicht. Eine Fortbildung in Sachen Krisen an Schulen hat mir damals bereits den Blick erweitert, so dass ich in einigen Fragen sofort Lösungen präsentieren konnte. Jetzt wird erstmal alles Gesagte in jener Risikomanagementakte zusammengefasst. Der Schulträger wird dann – vermutlich in einer Abwägung von Risiken und Kosten – die technische Ausstattung der Schule festlegen. 

 

Donnerstag, 24. Januar 2019:

Ein spannender Dienstbeginn: die neuen Referendare, wieder drei an der Zahl, haben sich heute in der Schule vorgestellt. Sie haben ihren Vorbereitungsdienst bereits am 15. Januar mit Intensivtagen im Studienseminar begonnen. Heute sieht das Programm des ganzen Jahrgangs vor, sich an den Einsatzschulen vorzustellen. Also: acht Uhr Cheftermin. Meinen Kaffee bekam ich nicht komplett ausgeschenkt, aber ein symphytischer Eindruck erfüllte mein Büro. Erstes Abtasten, erste humorvolle Bemerkungen zur Auflockerung und zum Abbau der Spannung, auch dabei eine kurze Einführung in die Hintergründe, die Organisation und die Struktur der Integrierten Gesamtschule. Bei allen dreien handelt es sich um die Ausbildung zur/m Gymnasiallehrer/-in, nun sind sie an einer IGS gelandet. Das will eingeführt und erläutert werden. Nach einem Blick in die Stundenpläne – ach ja, die sind auch pünktlich in einer schnellen Rechneraktion fertig geworden – schloss sich ein Gang durch das Gebäude in Deidesheim an. Team- und Differenzierungsräume sind eben ein bauliches Alleinstellungsmerkmal der IGS. Bei uns kommt noch das Gedränge in den Büros hinzu, in denen sich immer drei Funktionsstellen einen Raum teilen. Schön, dass wir Vertreter des Personalrates auf den Fluren begegneten. So konnten wir auch hier einander vorstellen. Dann noch Schlüsselausgabe, E-Mail-Adressen anlegen und schon musste ich nach Wachenheim.

Die Arbeit am Stationenlernen zu Noten und Tönen unterbrach ich heute, weil dies so „Zwischenstunden“ sind, kurz vor dem Zeugnis und dennoch vor dem zweiten Halbjahr. Ich versuchte in zwei Klassen für die Einschulungsfeier der neuen Fünftklässler zu werben. Beim Stöbern im Internet während der Weihnachtsferien stieß ich auf einen Flashmob zu „Sorbas Tanz“. Das wäre doch eine Nummer, die auch mit Fünftklässlern aufzuführen ist. Die Musik von Mikis Theodorakis aus dem Film „Alexis Sorbas“ ist durchaus in der Lage, einen Saal zum Kochen zu bringen. Wenn dazu eine Klasse Syrtaki tanzt, erst einige wenige, dann immer mehr Schüler/-innen und sich am Ende zum Kreis formiert, das wäre eine tolle Nummer. Eine Klasse konnte ich dafür begeistern. Sie hatten noch andere Ideen, aber eine Abstimmung ergab eindeutig den Zuschlag für den Sorbas. Nun geht es also wieder darum, eine Choreografie zu finden. Da sind die Filme auf YouTube aber eine gute Quelle. Wohlan denn, fangen wir an!

 

Dienstag, 22. Januar 2019:

Der erwähnte Vertretungsvertrag ist freigeschaltet worden, sodass wir ihn ausdrucken konnten. Nun geht er zunächst über den Personalrat, der in solchen Fällen immer zustimmen muss. In diesem Fall aber eine reine Formsache. Wir bekommen die Unterrichtsverteilung auch nur hin, weil eine Kollegin früher als geplant aus der Elternzeit stundenweise zurückkehrt. Merci auch an dieser Stelle. Alle von der neuen Verteilung betroffenen Kolleg/-innen haben wir heut zu einer kurzen Dienstbesprechung eingeladen. Bei solchen Treffen können wir das ganze „Werk“ mit seinen Hintergründen erläutern. Dieser Weg hat sich bestens bewährt. Unangenehme Dinge kann man viel besser akzeptieren, wenn man die Hintergründe und Entstehungsgeschichten kennt.

Ach so, ja, das Abitur 2019 ist seit gestern, was die schriftlichen Prüfungen betrifft, gelaufen. Als letztes war Biologie dran. Resümee: Zum dritten Mal ist alles glatt gelaufen, es sind nicht mal Nachschriften notwendig, weil alle gesund erschienen sind. Drei Prüfungen bewältigt, da gelten wir inzwischen fast als Profis. Es herrscht eine viel größere Ruhe im Haus. Einige haben die Prüfungen nicht mal mitbekommen.

 

Freitag, 18. Januar 2019:

So, jetzt ist auch das Abitur in Mathematik gelaufen. Auch dort gibt es eine zentrale Aufgabe, die jedem/r Abiturient/in im Land einheitlich gestellt wird. Die Vorbereitungen dazu, waren gestern schon abgeschlossen: per Passwort aus gesicherter Internetadresse runterladen und kopieren. Bei der Eröffnung hörte ich nach der Bekanntgabe der vom Ministerium ausgewählten Aufgaben mindestens zwei erleichterte Jubelbekundungen: Die beiden hatten sich genau auf die nun von der Landeskommission ausgewählten Themenbereiche vorbereitet.

Anschließend konnten wir an die neue Unterrichtsverteilung „einen Knopf“ machen. Sie steht, weil ein Kollege mit der entsprechenden Fächerkombination das Angebot eines Vertretungsvertrages bis zu den Sommerferien angenommen hat.

Schule zu organisieren ist dennoch gerade aufgrund eines sehr hohen Krankenstandes nicht einfach. Wenn bei einer Klasse für die planmäßigen Stunden alle Kolleg/-innen erkrankt sind, macht es wenig Sinn, sechs Vertretungsstunden zu organisieren. Vor allem, wenn weder Lehrkräfte zur Verfügung stehen, geschweige denn die Fächer angeboten werden können. Erstmals ließen wir also Klassen ganz zu Hause. Solche Lösungen stellen natürlich die absolute Ausnahme dar und ich will dies nur in seltenen Notfällen genehmigen. Ich hoffe, die Familien stellt das nicht vor unlösbare Betreuungsprobleme. Wir haben daher angeboten, in solchen Fällen einzelne Kinder in Parallelklassen unterzubringen. Die Kids freuten sich natürlich über die zusätzlich freien Unterrichtstage!

 

Dienstag, 15. Januar 2019:

Das zweite Halbjahr naht und damit einige Veränderungen in der Unterrichtsverteilung. Sie sind dann doch so massiv, dass diese nicht mal nebenher ausgetüftelt werden kann. Änderung im epochalen Unterricht, neue Referendar/innen, längerfristige Krankheiten oder Operationsfolgen machen ein Treffen notwendig, bei welchem intensiv und vor allem ungestört das eine oder das andere bedacht werden kann. Daher ließen wir uns heute zu dritt ausplanen und steckten die Köpfe zusammen. Wir legten den Termin aber so geschickt, dass kein Unterricht betroffen war. So schoben wir Stunden, Fächer, Kurse und Namen hin und her. Es bestanden am Ende kaum oder eigentlich gar keine alternativen Lösungen. Zu eng sind Stunden und Personen bemessen. Am Ende stand eine Lösung vor Augen, die alle Fächer und Kolleg/-innen abdeckt und wieder einmal ganz ohne Unterrichtskürzung gelungen ist.

Währenddessen wurde in der Sporthalle geworfen und gedribbelt, denn das Handball-Turnier der neunten Klassen stand an. Alle Jahrgänge führen abwechselnd ein Ball-Turnier durch: Fußball, Handball, Volleyball und Basketball. Die Rückmeldungen sind durchweg positiv. „Herr Dumont, unsere Klasse ist beim Handball Zweiter geworden!“, so die begeisterten Worte einer Schülerin. Hervorgehoben wird auch immer wieder der inklusive Aspekt, denn alle Schüler/-innen, soweit dies möglich ist, sind in die Mannschaften integriert und spielen mit. „Im Sport ist Inklusion so einfach!“, nahm ich aus der Fachschaft wahr. Faszinierend!

Der Nachmittag brachte mich dann als Vertretung für die Vertretung als Leitung in die Zeugniskonferenz im Jahrgang 5 ins Spiel. Die Halbjahreskonferenz ermöglicht einen ersten, halbwegs fundierten Austausch über die Fünftklässler. Mich beschäftigt wieder einmal der Gedanke, was einige Kinder in unseren Klassen als Lebensschicksal bereits alles mit sich herumtragen müssen. In einigen Fällen steigt auch das Gefühl in mir an: Wir müssten im Grunde viel mehr mit den Eltern arbeiten! Offensichtlich bedürfen einige Kinder in erster Linie „gesicherte und geborgene“ Verhältnisse im Elternhaus bzw. was davon übriggeblieben ist.  

 

Montag, 14. Januar 2019:

Die nächste Abiturprüfung stand an, heute in Biologie und Sozialkunde. Die Eröffnung bekomme ich inzwischen fast ohne Leitfaden hin, weil ich die zwölf einzelnen Punkte auswendig kann. Er nutzt mir nur noch dazu, keinen zu vergessen.Bisher läuft das Abitur 2019 problemlos.

Zuvor hatte ich einen neuen Kollegen eingeladen, der einen Vertretungsvertrag erhalten soll. Kennenlernen, „beschnuppern“, einen persönlichen Eindruck bekommen. Wenn das klappen würde, bekämen wir eine Unterrichtsverteilung ohne Kürzung hin, wenn sie auch nicht „schön“ ist. Diesen Begriff verwenden wir, wenn sich pädagogisch stimmige Lösungen abzeichnen. Vielleicht wird sich dies aber als Begriff vergangener Jahre erweisen. „Über ‚schön‘ reden wir gar nicht, sondern über ein ‚ob überhaupt!‘“, so ein Zitat. Dranbleiben, weiterschauen, weitere Ideen durch Umschichten suchen. Fest stehen drei neue Studienreferendare, zum neuen Schuljahr bei uns beginnen. Das sind schon mal drei mal acht gleich vierundzwanzig Stunden. Immerhin, wenn auch die Fächer nur zum Teil diejenigen waren, die wir benötigen. Aber auf alle Fälle wird durch sie das Spiel mit Varianten dadurch vielseitiger.

Am Wochenende erinnerte ich mich an meine Zeit als Stufenleiter. Über elf Jahre hinweg habe ich Zeugniskonferenzen meiner Jahrgänge vorbereitet. In diesem Jahr fiel mir diese Aufgabe vertretungshalber wieder zu. Mit der kompletten Notenliste am Tisch sitzen, Plausibilität und Vollständigkeit prüfen, Notizen zu Nachfragen notieren – eigentlich eine ganz entspannte Beschäftigung. Sie kommt derzeit aber „on top“, denn meine Schulleitungsaufgaben zu Zeiten des Halbjahreswechsel werden dadurch ja nicht weniger. Mit dem beruhigenden Gefühl, die Konferenz gut vorbereitet zu haben, eröffnete ich sie, ganz ohne Aufregung. Und so gestaltetes sie sich auch – und zwar in erster Linie als pädagogische Konferenz. Prima und Danke!

 

Freitag, 11. Januar 2019:

Wer hätte gedacht, dass der Schreiner, offensichtlich ein Meister seines Faches, meine Bürotür nochmal so hinbekommt, dass ich sie zumachen und sogar abschließen kann. Der Armen sieht man natürlich die Wunden des Einbruchs noch an, aber sie ist wieder funktionsfähig hergerichtet. Selbst der massive Stahlrahmen ist etwas gerade gezogen. Ob der beschädigte Verputz, der einige Innereien der Wand preisgibt, noch eine Packung Wellness erfahren wird, ist noch offen.

Gestern hat die dritte Referendarin ihre Prüfung bestanden. Drei weitere Lehrerinnen, welche durch ihre Zeit bei uns, pädagogisch versiert, die IGS schätzen gelernt haben. Die Personalplanung für das zweite Halbjahr drückt uns noch gewaltig, da schneite heute eine Initiativbewerbung ins Haus, die genau passen würde. Am Montag bereits werden wir uns bei einer Tasse Kaffee kennen lernen. Die Abiturprüfung in Englisch wäre fast spurlos an mir vorübergelaufen, wenn ich nicht gehört hätte, dass ausgerechnet während der Hörprobe der Rettungshubschrauber in Ruppertsberg gelandet wäre. Das Anhören der Datei musste bei uns erstmals unterbrochen werden. So sehr ich beim ersten Abitur die ganzen Regelungen belächelte, nun kamen sie zur Geltung. Hausmeisterzitat: „Was passieren kann, passiert irgendwann.“

Eine ereignisreiche Woche neigt sich da dem Ende zu. Die mannigfachen Rückmeldungen auf den Weihnachtsbrief hatte ich bereits erwähnt. Sie hielten die Woche über an, schön und Danke an euch alle. Es entspann sich sogar ein reger Austausch mit der Frage: Können wir als einzelnes „Ich“ überhaupt klarkommen? Müssen wir uns nicht auch mit einem „Wir“ arrangieren? Genau diesen Gedanken hatte ich auch für den Weihnachtsbrief. Er schien mir aber als Weihnachtsbrief dann doch zu befrachtet und so ließ die Kontroverse beiseite. Und zwar wollte ich den Bogen schlagen zu Arnold Stadlers „Salvatore“ im gleichnamigen Roman. Er empfindet an einem einsamen Vatertag ein ungemeines „Dazugehörigkeitsverlangen“, eben zu einem „Wir“. Vermutlich wird jeder für sich selbst die Antwort finden müssen, wo er sich zwischen dem „Ich“ und dem „Wir“ positionieren, wieviel „Ich“ er in ein „Wir“ einbringen kann und will. Für eine Schule im Team-Kleingruppen-Modell natürlich eine entscheidende Frage. Auf der anderen Seite steht meine Erfahrung mit über einem Vierteljahrhundert in verschiedenen Teams: Je weniger die einzelnen „Ichs“ sich selbst gefunden hatten, umso konfliktreicher gestaltete sich das „Wir“ in einem Team. Wer (noch) zu sehr mit der Suche nach dem eigenen „Ich“ beschäftigt ist, benötigt dazu viel Energie, die dem „Wir“ fehlen wird. Wer sich selbst noch wenig gefunden hat, in dem wächst die Angst, sich ganz zu verlieren. Wer in sich wenig Halt hat, wird nicht loslassen können. Je stärker die „Ichs“ sind, umso stabiler ist das „Wir“. Und als meine Überzeugung gilt weiterhin: Wer zu sehr mit der Ich-Suche unterwegs ist, wird Kinder und Jugendliche nur schlecht gerüstet auf dem eigenen Suchweg ins Leben begleiten können.

Ins Wochenende nahm ich noch die Notenlisten für die Zeugniskonferenzen in Jahrgang 5 und 6 mit nach Hause. Als Vertretung für die Vertretung werde ich sie leiten. Da will ich bestens vorbereitet sein. Eine Woche geht da zu Ende, die es in sich hatte. Hier will ich sie mit der dritten Kolumne abschließen, die während der Weihnachtsferien entstanden ist.

 

Letztens wurde ein Prinz siebzig

 Letztens wurde ein Prinz siebzig und brachte meine Vorstellungen durcheinander. Mein Bild von einem Prinzen bildete sich eher durch die Zeichnung von Antoine de Saint-Exupéry heraus. In seinem Buch „Der kleine Prinz“ ist selbiger ein kleiner Junge mit blonden Haaren. Selbst die Prinzen, welche Dornröschen küssend aufwecken wollten, sind immerhin noch im heiratsfähigen Alter, sonst würden sie die Tortur durch die Dornenhecke erst gar nicht antreten. Keinesfalls steht die sieben vor deren zweistelligen Altersangabe. Der hier Gemeinte war bereits auf tragische Weise Witwer geworden und hat erneut geheiratet. Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie es einem ergehen mag, der mit der Vorstellung, einmal König eines Landes zu werden, aufwächst und darüber ein stolzes Alter von siebzig Jahren erreicht, ohne dass die Krönung vollzogen wurde. Die Prinzenmutter dankt einfach nicht ab. Noch drastischer wirkt sich diese Verschiebung eines Begriffes bei seiner Schwester aus. Sie ist zwei Jahre später zur Welt gekommen. Her Royal Highness The Princess Anne ist daher auch schon achtundsechzig Jahre alt - Prinzessin im Rentenalter! Die Prinzessinnen in meiner Vorstellung sind bezaubernde Schönheiten in der zweiten Dekade ihres Lebens, meist mit wallend langem Haar. Die Tatsache, dass sie im Märchen oft blond daherkommen, konnte ich noch nie mitvollziehen. Dunkelhaarige Frauen sind, anders auch als in klassischen Filmen, in meiner Bilderwelt nicht gleichbedeutend mit böse. 

Ansonsten beschäftigen mich die gekrönten Häupter und europäischen Königsfamilien überhaupt nicht. Leibhaftig habe ich es eh nur mit Weinprinzessinnen zu tun. Bei ihnen stimmen meine Bilder mit der Realität überein. Der gealterte Prinz verdeutlichte mir aber, dass auch andere Begriffe, die ich in mir trage, nicht mehr stimmen. Da sind dauerhaft und wiederholend Anpassungen notwendig.

Vor geraumer Zeit bereits erschütterte meine Welt von Begriffen die Erkenntnis, dass Reden, etwa von Bundespräsidenten und Bundeskanzlerinnen, gar nicht die Reden von Bundespräsidenten und Bundeskanzlerinnen sind. Sie werden von bestellten und bezahlten Redenschreibern formuliert. Vielleicht haben die Redner/-innen in hohen Ämtern schlicht und einfach keine Zeit, eigene Reden zu schreiben. Vermutlich haben ihre Schreiber dafür eigens ausgetüftelte Rhetorikschulungen besucht, in denen man lernt, nach allen Regeln der Kunst, Reden zu schreiben. Weniger langweilig sind sie als Folge deswegen nicht geworden. Staunend nahm ich im Studium zur Kenntnis, dass es Bücher mit ausformulierten Predigten für alle kirchlichen Anlässe gibt. Kästner (oder war es nicht doch Tucholsky?) sagte schon: Wer nichts zu sagen hat, soll auch keine Rede halten. Dass die Weihnachts- und Neujahrsansprachen längst in wesentlichen Inhalten vorab bekannt gemacht und in Auszügen sogar vorher in den Nachrichten schon ausgestrahlt werden, stellte einen weiteren Einschnitt in meine hehre Vorstellungswelt dar. Dabei wünschte ich mir, dass die Nation mit mir solche Ansprachen spannungsvoll als ein Ereignis erwartet. Es müsste doch so sein, dass ich voller Neugier dem Zeitpunkt einer bedeutenden Rede entgegenfiebere. Mit Spannung müsste ich doch erwarten, was mir mein Staatsoberhaupt oder die Regierungschefin (beide natürlich, neben ihren bedeutenden Ämtern, als ganz besondere Persönlichkeiten) mit ihren Erfahrungen und Einschätzungen zu sagen haben. Deutlich müsste daraus hervorgehen, welche Vorhaben und Visionen, ebenso welche Mahnungen sie persönlich für mich daraus ableiten, Zusammenhänge, die sich mir als einfachem Bürger nicht erschließen können. Das Herz müsste mir dabei klopfen und das eine oder andere Licht aufgehen. Die uns zugemuteten Reden werden dagegen bereits irgendwann an einem Nachmittag vor fein und steril drapiertem Hintergrund, dafür aber bestens ausgeleuchtet, mit Weihnachtsbaum oder Staatsflagge aufgezeichnet. Am Abend werden sie dann nur noch ausgestrahlt. Die Redner selbst gehören dabei vielleicht selbst zu den Zuschauern. Es handelt sich auch weniger um Reden. Eher sind es von einem Teleprompter emotionslos abgelesene Texte, die weder besonders mitreißend, noch als authentische Äußerungen bei mir ankommen. Sie schmecken mir daher in etwa so wie mundgerechte Fertigmahlzeiten aus der Dose. Da kann es auch durchaus schon mal passieren, dass die falsche Konserve aus dem Regal geholt und gesendet wird. 

Auch andere Vorstellungen scheine ich korrigieren zu müssen. Beispielsweise hatte sich in mir seit frühen Jahren verfestigt, unsere Staatsform der parlamentarischen Demokratie sei zum einen die beste Verfassung, die Deutschland je hatte und sei zum anderen unangefochten. Die Gegenwart belehrt mich eines anderen. Sehr wohl gibt es Bestrebungen, die sich gegen diese Staatsform richten. Einzelne europäische Länder bringen diese gar ins Wanken, weil sie die prinzipielle Säule der Unabhängigkeit von Justiz aushöhlen, beziehungsweise durch regierungsnahe Stellenbesetzungen quasi bereits abgeschafft haben. Mir war auch nicht vorstellbar, dass Pressefreiheit in modernen Staaten eingeschränkt und dass Schriftsteller und Journalisten aufgrund ihrer Worte eingesperrt werden. Erneut wachsende Ausländerfeindlichkeit, ja rassistische Tendenzen unterliegen derweilen keinem Tabu mehr. Andere Bestimmungen unserer Verfassung, etwa die Kulturhoheit der Länder, stoßen von innen heraus an ihre Grenzen. Permanent und hoffnungslos leere Kassen, ein wahrer Dschungel an Schulsystemen und Bildungswegen der einzelnen Länder markieren deutliche Fragezeichen an der föderalen Struktur. Eine äußerst schwerfällige Kultusministerkonferenz scheint immer noch darüber wachen zu wollen, dass eine Gleichschaltung wie bei den Nationalsozialisten verhindert wird. Oft jahrelang diskutierte Inhalte münden schließlich in wachsweichen Kompromissen. Jede politische Couleur kann diese dann nach Belieben auf Landesebene so lange zurechtkneten, bis kaum noch eine Neuerung übrigbleibt.

Die Liste von fragwürdig verwendeten oder anders besetzten Begriffen könnte beliebig fortgesetzt werden. Klimasziele bei gleichzeitiger Braunkohleförderung, Flüchtlingspolitik ohne den Gedanken an koloniale Ursachen, Bankenkrise ohne Kontrollbestimmungen, Diesellügen ohne Konsequenzen bei den Verursachern. In immer weiteren Feldern habe ich zunehmend den Eindruck, dass sich Begriffe auflösen, dass sie leichtfertig oder bewusst unehrlich verwendet werden.

Dabei möchte ich nicht den dogmatisch ewig gültigen Begriffen das Wort reden. Dies praktiziert ja bereits die katholische Kirche mit all den bekannten Komplikationen, etwa dem Unfehlbarkeitsdogma oder der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. Wie schwierig sich die Folge gestalten kann, zeigt sich bei Galileo Galilei. Dieser musste über 300 Jahre bis 1992 auf seine Rehabilitation warten, obwohl der Mensch damals bereits über zwanzig Jahre zuvor auf dem Mond gelandet war. Zweifel am heliozentrischen Weltbild waren dabei doch schon Jahrhunderte vorher obsolet. Die Exkommunikation Galileis dagegen hatte Bestand. Andere Begriffe dagegen, etwa der der Frauenordination, warten weiterhin auf eine Veränderung…

Der Prinz soll übrigens, so die Meldungen, spätestens in zwei Jahren zum König gekrönt werden. Die Hoffnung stirbt eben zuletzt.

 

Mittwoch, 09. Januar 2019:

Wenn der Hausmeister um halbsieben schon anruft, kann nur etwas im Busch sein. Gespannt wartete ich auf die ersten Worte: „Sie waren schon wieder drin!“ Ein erneuter Einbruch in verschiedene Räume der Schule, auch in mein Büro und ins Sekretariat. Meine sofortige Rückfrage: „Was ist mit den Abituraufgaben?“ – „Unberührt!“ Das wäre was gewesen, wenn das Abitur, wegen der zentral gestellten Aufgabe, landesweit (!) nicht hätte beginnen können. Ich kam mir bei der Ankunft vor wie im Tatort: Polizei und Spurensicherung waren schon am Werk, ich ließ mir eine erste Lagebeschreibung geben. Einbruch durch den Eingang bei der Mensa – Ausschalten des Hauptlichtschalters im Hausmeisterraum – gewaltsames Aufstemmen verschiedener Türen mit einem rot lackierten Brecheisen – Durchwühlen von zwei Teamräumen, des Sekretariats und meines Büros, dem Lehrerarbeitsraum und zwei weiteren Büros. „Nein, das Gebäude können wir noch nicht freigeben. Wir müssen erst noch weitere Spuren sichern!“ Wo immer eine Dose, ein Kästchen oder eine Schachtel vorhanden war – sie lagen jetzt geöffnet herum, irgendwo fanden sich zwischen wahllos zerstreuten Papieren und Gegenständen auch die Deckel dazu. Das Ziel war also eindeutig Bargeld. Kein Laptop, kein Computer, kein Beamer wurde entwendet, obwohl diese Geräte alle vorhanden waren. Mein Versteck mit den Abituraufgaben wurde nicht gefunden. Ich widersprach auch dem ermittelnden Beamten: Wer an die Abituraufgaben herankommen wollte, der müsste doch so vorgehen, dass niemand etwas bemerkt. Denn wenn eine Aufgabe weggekommen wäre, hätte der Dieb damit nichts anfangen können, denn die Prüfungen wären natürlich gestoppt worden. Welch ein Schaden für einen Einbruch, bei dem lediglich etwa insgesamt ein Betrag von 60 Euro Münzgeld zusammenkam! Meine Bürotür am Schloss zersplittert, weitere Türen und Schlösser beschädigt, ein Schaden von geschätzten über 7.000 Euro. Wer mag schon sagen, ob wir am Sekretariat und für mein Büro neue Türblätter bekommen, für die kurze Zeit bis zum Neubau… Natürlich informierte ich die Schulaufsicht und das Ministerium darüber, immerhin startete heute das Abitur. Dann wurde das Gebäude freigegeben, die inzwischen anwesenden Schüler/-innen und Lehrkräfte durften hinein – und dann war es doch vom Schulbetrieb her fast ein ganz normaler Tag. Um neun Uhr eröffnete ich das Deutschabitur und fand danach schon den eilends herbeigerufenen Schreiner vor, der versuchte, irgendwie die Türen und Türrahmen notdürftig so hinzubiegen, dass sie wieder verschlossen werden könne. Die Aufregung war verflogen, allenthalben Erstaunen bei jedem, der an meiner Bürotür vorbeikam. Einige Schüler/-innen wussten offenbar noch gar nichts vom Einbruch, jedenfalls hatten sie bisher keine Folgen in Augenschein genommen. Immer wieder blieben sie an der nicht mehr schließbaren Tür stehen, betrachteten den Schaden und fragten: „Herr Dumont, was haben Sie denn hier gemacht?“.

 

Dienstag, 08. Januar 2019:

Der Aufgaben-Download funktionierte (natürlich?) nicht direkt. Ein Anruf beim Ministerium ergab, dass ich die falschen Passwörter übermittelt bekam. Mit der zweiten „Lieferung“ klappte es dann. Die landeseinheitliche Aufgabe umfasst eine textgebundene Erörterung zu einem Medienthema. Ein schöner Text, hätte mir auch Spaß gemacht. Zweiter Schultag – zwei persönliche Anliegen bei vereinbarten Gesprächsterminen, ansonsten ein eher ruhiger Arbeitstag, wie er eben am Vortag des diesjährigen Abiturs sein kann.

 

Montag, 07. Januar 2019:

Nun ist also auch die Schule in das neue Jahr gestartet. Ab jetzt muss ich mich dran gewöhnen, bei Unterschriften mit Datumsangaben, was mehrfach täglich vorkommt, die Ziffer neun ans Ende der Jahreszahl zu setzen. Wird eine Zeit dauern, bis die Hand das weiß. Eine gute Nachricht: Kein Skifahrer und keine Snowboardfahrerin kam verletzt zurück. Das macht sich doch besser an als die Jahre zuvor. Allerdings ist von einer Fernreise ein Magen-Darm-Virus aus dem Urlaub mitgereist, hat aber die Schule nicht erreicht.

Da bei dem letzten Einbruch auch die Passwortschlüssel zum Runterladen der landesweit gestellten Abituraufgabe im gestohlenen Tresor lagen, galt es heute diese per Telefon erneut oder in neuer Kombination zu erfragen. Morgen kann ich dann an die Aufgaben rankommen und sie entsprechend kopieren.

Ansonsten bestand der Vormittag aus ständigen Umarmungen und Glückwünschen zum neuen Jahr. Auch ungewöhnlich viele Danksagungen anlässlich meiner Weihnachtspost waren dabei. Nach der verkleinerten und daher auch verkürzten Schulleitungssitzung gingen wir die ersten Personalplanungen für das zweite Halbjahr an. Gleich zwei Knieoperationen (ganz ohne Einwirkung von der Schneepiste notwendig), Erziehungszeiten von Kolleginnen, Epochenwechsel in einigen halben Klassen und drei neue Referendare spielen da in größerem Umfang in einer neuen Unterrichtsverteilung mit. Zudem ist Zeugniszeit mit Noteneingaben und Konferenzen – quasi ein Start von null auf hundert.