Schulleiters Tagebuch

Tag 44 der Baustelle:

Ich genieße und liebe die Ruhe vor größeren Veranstaltungen, zudem hatte ich die Schlüssel der Stadthalle über Nacht in der Tasche. Die Bandklasse war schon vollzählig da, als ich früh ankam. Während des Soundchecks und den Proben hatte ich ausreichend Zeit, das Fass zu bestücken. Der Name des neuen Jahrgangs Fabio Fass sollte auf der Bühne greifbar oder sichtbar sein, so meine Vorstellung. Ein richtiges Holzfass zu besorgen, war im Vorfeld verworfen worden, zu teuer, zu schwer und ungeeignet. Vergangenen Samstag aber hatte ich eine Regentonne als Fass vor Augen, wie ich sie einmal in einem Baumarkt gesehen hatte.

Tag 43 der Baustelle:

Ich zähle die Tage der Baustelle weiter, obwohl sie wieder ruht. Der Bagger steht in Ruheposition da, die Schaufel ist sachte auf der Erde „geparkt“, daneben ein Sattelschlepper, der offensichtlich den Bagger abholen soll? Bis nach der Schulleitungssitzung ist aber nichts geschehen.

Ansonsten ein erster Schultag mit tausend und eins Dingen, von der Post über die Begrüßung der neuen Elftklässler, die neue Kaffeemaschine, die in der Mensa für die Oberstufe zur Verfügung steht, erste Version des großen Elternbriefes und…und…sprich: Der Alltag ist wieder da.

Tag 40 der Baustelle:

Freitag vor Schulbeginn, das heißt bei uns seit Jahren: erste Dienstbesprechung und Wiedersehen mit allen Kolleginnen und Kollegen, heißt bei uns Begrüßung der Neuen mit kleinen Schultüten und heißt bei uns auch Singen des umgetexteten Schulliedes, wozu ich die Ukulele bereits gestern schon mal gestimmt habe. Personalsituation, Vorstellung des Stundenplans und des Terminkalenders, Abläufe und Verfahrensweisen nochmal einschärfen, Neurungen ab diesem Schuljahr und schließlich die hoheitlichen Aufgaben durch den Schulleiter als Staatsdiener: Beförderungen und Vereidigungen „im Namen des Landes Rheinland-Pfalz“ vornehmen. Eine Menge Holz also, das wir aber dennoch schneller als geplant bewältigen konnten. An kaum einem anderen Termin sind so viele, wenn auch doch nie alle, Lehrkräfte beisammen, so dass wir nach der Dienstbesprechung das neue Kollegiumsfoto und die Teamfotos auf den Chip bannten. Und dann vereinzelt sich das Kollegium sehr schnell, denn immer treffen sich erstmals die einzelnen Jahrgangsteams zu einer ersten Sitzung, so dass ich die wenigsten persönlich begrüßen konnte.

Tag 38 der Baustelle:

Ist es denn wirklich wahr? Ist das ein Traum, eine Vision? Oder gar nur Einbildung? Nein, es ist die Realität: Heute Morgen ging der gelieferte Bagger ans Werk – und wie! Es krachte, staubte, klopfte und das Gebäude vibrierte. Der Bagger stieß mit 170 bar und seinem typischen Hämmern immer wieder mit dem Abrissmeißel ins Mauerwerk der Stirnseite, erst brachen einzelne Steine heraus, dann krachten größere Gruppen in die Tiefe, am Ende gar ganze Mauerteile. In drei Etagen konnte man bald hineinblicken. Es sah etwa so aus, wie die Bilder aus dem Fernsehen nach Gasexplosionen oder Anschlägen: Woher bis vor kurzem noch Schülerleben herrschte, regierte nun trist der Abrissmeißel. Da blieb ein Waschbecken von unten sichtbar zunächst noch hängen, hier steht noch die Toilettenschüssel, da hinten die Wand haben Klassen seinerzeit selbst gemalert. Emotionslos tauschte aber der Bagger den Meißel gegen die Schaufel aus. Riesig kam sie mir vor und trotzdem schaffte es der Baggerführer das große Eisenteil, das gut und gerne beinahe ein halbes Klassenzimmer einnahm, geschickt gegen die hintere Wand zu drücken, so lange, immer wieder und immer fester, bis diese ihren Widerstand aufgab und einstürzte. Nur das tragende Betongerüst mit den Armierungseisen blieb stehen. Durch das lange und intensive Zuschauen wurde der Baggerfahrer auf mich aufmerksam. „Du Anwohner hier?“, fragte er mich mit einem deutlich ausländischen Akzent. „Nein, ich bin der Schulleiter.“, war meine Antwort. Darauf er: „Ah, so was wie Hausmeister?“. „Nein, so was wie Chef der Schule.“ „Oh, aber angezogen wie Urlaub.“, war seine Reaktion.

Tag 36 der Baustelle:

Gestern Abend kam ich spät von der Ostsee zurück, heute Morgen bereits Schulleitungssitzung. Wie lautet der Spruch eines nordamerikanischen Indianerstammes in solchen Fällen: Da muss die Seele erst nachkommen.

Bei der Einfahrt auf den Schulhof sah ich das erwartete Bild: Gebäude C2 steht noch! In großen Packen liegen auch noch die Steine parat, aus welchen einmal die Abtrennungswände an der Bruchkante gemauert werden. Noch ist aber der Schnitt durch das Mauerwerk gar nicht fertig!

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(Das Autorenhonorar kommt dem Förderverein der IGS zu Gute.)

Letztens 2 Soeben erschienen:
„Letztens 2 - ,
Erlebtes rund um die Schule“
2020

Tagebuch 5
„Schulleiters Tagebuch 5,
Warten auf den Bau“
2017 – 2019

Letztens 1 „Letztens –
Schulleiters Tagebuch ergänzende Kolumnen“

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Positionen und Hintergründe zur Integrierten Gesamtschule mit Beiträgen aus Schulleiters Tagebuch 1 bis 3"

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