Schulleiters Tagebuch

Freitag, 12. März 2021


Tag 611 der Baustelle

Das war also das Abitur 2021 unter Coronabedingungen. Es verlief abgesehen davon aber in geregelten Bahnen, brachte hier Erfolge, dort nicht die nötige Punktzahl, hier Tränen der Anspannung und Enttäuschung, dort welche der Freude. So gesehen also völlig normale Prüfungen, wie ich sie seit Jahren, Moment mal, seit Jahrzehnten, kenne. Wenn da diese unsägliche Pandemie sich nicht auch hier hineinschleichen würde. Aber das habe ich ja bereits ausreichend geschildert. Lieber zu den reichhaltigen Inhalten, die ich in der Rolle des Prüfungsvorsitzenden heuer erleben durfte. Die Rolle des Fachprüfers konnte ich ja nirgends übernehmen, weil ich nicht im Unterricht der Oberstufe eingesetzt bin.

Ich startete mit zwei Prüfungen in Geschichte, Bismarcks Vertragspolitik und die Kubakrise als Ausgangspunkt für die spätere Entspannungspolitik. Letzteres spielte sich ja in meinem Leben ab, vage erinnere ich mich den einen oder anderen Punkt. Ich staunte einen Moment darüber, dass Ereignisse meines Lebens bereits Thema im Geschichtsunterricht sind. Aber klar, auch die Vereinigung der beiden deutschen Staaten ist für die heutige Schülergeneration wohl nicht näher als die Französische Revolution. Es schlossen sich zwei Mathematikprüfungen an, bei denen ich weitaus weniger verstand. Allerdings erinnerte ich mich an das letztjährige Abitur, denn ich wusste noch, dass die Fläche unter einem Graphen mit dem Integral ausgerechnet wird. Der Begriff der „Aufleitung“ (im Gegensatz zur „Ableitung“) war mir dagegen neu. Wie ich später erfuhr, ist er unter Mathematikern durchaus umstritten. Dann folgten (endlich) zwei Deutschprüfungen. Zunächst die Interpretation und Einordnung des Gedichtes „Jugendsehnen“ von Eichendorff. Die Formanalyse hätte ich vermutlich ohne Vorbereitung aus der Erinnerung einigermaßen hinbekommen: Form des Sonetts mit zwei Quartetten und zwei Terzetten, Reimschema, Metapher, Enjambement, fünfhebiger Jambus usw. Klar war mit dem Namen auch schon die Epoche der Romantik gegeben, nachgewiesen an dem Motiv der Natur als Bild innerer Seelenzustände, das Sehnsuchtsmotiv, der Mond, der blaue Strom – wunderbares Zuhören und Mitverfolgen-Können durch einen Deutschlehrer. Und dann ein „Leib und Magen-Thema“: Franz Kafka. Vaterbeziehung, Deutung anhand des Textes „Die Verwandlung“. Gregor Samsa erwacht als Ungeziefer in Form eines Käfers, der selbst von der Schwester „entfernt“ werden will. Jetzt, in reiferen Jahren eines alternden Menschen, frage ich mich aber immer wieder, ob Schülerinnen und Schüler diese Existenzfragen in ihrer Tiefe erfassen können. Klar, Vater-Sohn-Beziehungen, übermächtiger, einengender Vater, der keinen Raum lässt (herrlich anhand einer Karikatur verdeutlicht), das mögen junge Erwachsene durchaus erkennen und nachfühlen, auch in Gregor Samsa mögen sie sich einfühlen können. Aber ist die Literatur Kafkas in jungen Jahren erfassen, wo doch ganz andere Fragen im Vordergrund stehen? Wie auch immer, vermutlich wird ihnen auch die Romantik eher vom Kopf her deutbar erscheinen. Auf der anderen Seite: Wann sollen sie diesen Jahrhundertautor auch sonst kennen lernen?

Zweiter Tag der Prüfungen: nochmal Deutsch. Die in Mathematik geplante „Fallschirmprüfung“ als Sicherheitsprüfung zum Punktesammeln, wurde wegen bereits bestandenem Abitur abgesagt. Dieses Mal stammte das Gedicht aus dem Expressionismus von einem mir unbekannten Autor, der die Stadt Berlin als technisierter Moloch schildert, in welchem der Mensch nur noch als Masse vorkommt. Und schließlich noch: Büchners Woyzeck. Bereits im Studium war er für mich schwer verdauliche Literatur, erst in reiferen Jahren, politisch, gesellschaftlich und literarisch gereift, konnte ich ihm Positives abgewinnen und hob ihn langsam auf den Schild „einer der bedeutendsten Autoren deutscher Literatur“. Im Literaturunterricht der Oberstufe begegnete mir „der Woyzeck“ immer wieder. Schließlich ist Büchner wohl begründet der Namensgeber des bedeutendsten Literaturpreises in Deutschland. Als Sahnehäubchen obendrauf eine Prüfung in katholischer Religion. Klar, die kommt ohne Feuerbachs Religionskritik kaum aus. Neu als Gegenstand einer Prüfung war für mich die tiefenpsychologische Auslegung einer Wundergeschichte (Heilung des Taubstummen) nach Eugen Drewermann. Wie habe ich diesen Theologen seinerzeit verschlungen, durch seine dicken Bücher habe ich mich zunehmend begeistert gewälzt, etwa durch die tausenden von Seiten des dreibändigen Werkes „Strukturen des Bösen, Die jahwistische Urgeschichte in exegetischer, tiefenpsychologischer und philosophischer Sicht“ oder sein Grundlagenwerk „Tiefenpsychologie und Exegese“ – immer den Schreibblock daneben, denn ich habe die Bände fleißig exzerpiert. Ja, sogar meine eigene Examensarbeit stattete ich mit diesem Ansatz aus und bezog ihn seinerzeit auf die Novelle „Klein und Wagner“ von Hermann Hesse – ein schöner und rundender Abschluss also, der einen Bogen schlug von meiner Studienzeit in meine letzte Abiturprüfung hinein.

Zusammenfassend waren diese Abiturtage wieder ein herrlicher Höhepunkt für mich innerhalb des Schuljahrs, auch wenn ich außer den Prüfungen, an denen ich eingesetzt war, wenig mitbekommen habe. Neu an dem diesjährigen Abitur war auch, dass ich Kolleginnen und Kollegen begegnen durfte, die ich durch den Fernunterricht lange Zeit gar nicht gesehen hatte. Auch wichtig ist mir die abschließende Feststellung: Letztendlich hat Corona die Organisation des Abiturs wesentlich beeinflusst. Inhaltlich war das Abitur 2021 so gehaltvoll wie all die Jahre zuvor. Allen, die es in diesen Tagen abgelegt haben, gilt mein herzlicher Glückwunsch!


Die bisher erschienen Bücher sind erhältlich im: www.littera-verlag.de/Bücher
(Das Autorenhonorar kommt dem Förderverein der IGS zu Gute.)

Letztens 2 Soeben erschienen:
„Letztens 2 - ,
Erlebtes rund um die Schule“
2020

Tagebuch 5
„Schulleiters Tagebuch 5,
Warten auf den Bau“
2017 – 2019

Letztens 1 „Letztens –
Schulleiters Tagebuch ergänzende Kolumnen“

tagebuch_4_ "Schulleiters Tagebuch 4,
Der Weg zum Abitur
2014 - 2017"

Tagebuch 1-3"Deshalb IGS -
Positionen und Hintergründe zur Integrierten Gesamtschule mit Beiträgen aus Schulleiters Tagebuch 1 bis 3"

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Die ersten Abschlüsse,
2012 - 2014"

Tagebuch 2 "Schulleiters Tagebuch 2,
Der Start in Deidesheim,
2010 - 2012"

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Der Start in Wachenheim,
2010 - 2012"