Schulleiters Tagebuch

Dienstag, 06. Oktober 2020


Tag 449 der Baustelle

Ja, die Musikstunde, die ich heute in Wachenheim durchführte, gab es schon ein paar Mal in den letzten Jahren: die Kinder sollten, nachdem wir den Text von Das Rap-Huhn rhythmisch im Chor gesprochen hatten, in Gruppen präsentieren. Die Reihenfolge wurde mit dem Würfel von einer Schülerin ermittelt. Die Präsentation verlief in mit drei inhaltlichen Schritte: Vorstellen der Gruppe und Aussage über die Zusammenarbeit, das eigentlich Vorführen und das Einholen von drei positiven Rückmeldungen und drei Verbesserungsvorschläge aus der Klasse. Die Klasse übernahm während der Präsentation die Beobachtungsaufgaben: Wie verständlich ist der Text vorgetragen? Ist der Rhythmus des Raps eingehalten? Gibt es eine besondere Choreografie? Wie steht die Gruppe vorne? Und dann laufen die neunzig Minuten wie von selbst.

Immer wieder beeindruckt es mich, wie diese Kinder der fünften Klasse schon da vorne stehen, wie sie ihr Vorhaben „abspulen“, wie genau und fair die Klasse ihre Rückmeldungen gibt, so, als hätten sie eine Ausbildung im Eventmanagement hinter sich. Und dazu kommt der Spaß nicht zu kurz. Früh genug damit begonnen und die Unbeschwertheit des Kindseins genutzt, wird diese Erfahrung zur alltäglichen Erfahrung und verhindert Hemmungen, wenn sie zu Jugendlichen herangewachsen sind. Dann gehe ich nach der Stunde aus dem leeren Klassenraum und weiß: Ich habe den schönsten Beruf der Welt! Da die Temperaturen am frühen Morgen schon recht frisch sind, lösen wir die Frage der Lüftung in Corona-Zeiten durch eine Stoßlüftung alle zwanzig Minuten. Dafür habe ich aber keine Gehirnzellen frei. Also delegierte ich diese Aufgabe ebenfalls an einen Schüler, der sein Handy als Zeitgeber nutzen durfte. Selbstständig und ohne Aufwand stand der alle zwanzig Minuten auf, öffnete bestimmte Fenster zur Stoßlüftung für fünf Minuten und machte sie danach wieder zu. Auch hier erlebte ich, wie ich mich auf die Schülerinnen und Schüler verlassen kann, wie sie mitmachen, wenn sie eine verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen dürfen.

Am Nachmittag fand das Kolloquium der zweiten Bewerbung auf die Stelle der Stufenleitung statt. Was ich morgens in Klasse fünf erlebt habe, setzte sich hier im Kreis der Kolleginnen und Kollegen fort: Mit Spaß an gewohnte Aufgaben gehen, unproblematisches und – ja auch freudiges – Arbeiten miteinander. Gleich zwei solcher Erfahrungen an einem Tag, in denen ich mich am liebsten suhlen würde! Da konnte ich es auch gut verschmerzen, dass sechs Kilometer weiter der Schulträgerausschuss ohne mich tagen musste. Die Verabschiedung des Haushaltes und Informationen der Bauvorhaben hätten wenig neuen Gehalt für mich gebracht – kein Vergleich zu der wunderbaren Erfahrung hier in der Schule. Sollte ich mich mal in einem schwierigen Tag wiederfinden, wird die Erinnerung an heute helfen! 


Die bisher erschienen Bücher sind erhältlich im: www.littera-verlag.de/Bücher
(Das Autorenhonorar kommt dem Förderverein der IGS zu Gute.)

Letztens 2 Soeben erschienen:
„Letztens 2 - ,
Erlebtes rund um die Schule“
2020

Tagebuch 5
„Schulleiters Tagebuch 5,
Warten auf den Bau“
2017 – 2019

Letztens 1 „Letztens –
Schulleiters Tagebuch ergänzende Kolumnen“

tagebuch_4_ "Schulleiters Tagebuch 4,
Der Weg zum Abitur
2014 - 2017"

Tagebuch 1-3"Deshalb IGS -
Positionen und Hintergründe zur Integrierten Gesamtschule mit Beiträgen aus Schulleiters Tagebuch 1 bis 3"

Tagebuch 3 "Schulleiters Tagebuch 3,
Die ersten Abschlüsse,
2012 - 2014"

Tagebuch 2 "Schulleiters Tagebuch 2,
Der Start in Deidesheim,
2010 - 2012"

Tagebuch 1 "Schulleiters Tagebuch,
Der Start in Wachenheim,
2010 - 2012"