Schulleiters Tagebuch

Donnerstag, 14. Mai 2020


Tag 319 der Baustelle und Tag 11 der schrittweisen Schulöffnung

Seit Tagen beschäftigt mich unser Konto bei der Bank. Mit dem Wort „unser“ ist das Problem auch schon benannt: Eine Schule ist keine juristisch fassbare Person und kann daher kein Konto haben. Die übergeordneten Behörden (Schulträger und Land) können ebenfalls kein Konto befürworten, das nicht unter ihrem „Zugriff“ steht, Schulen dürften also nicht über Geld verfügen. Nun weiß ebenfalls jeder, dass diese beiden Eckpunkte nicht ausreichen. Wie sollten wir unsere jährlich über zwanzig Klassenfahrten mit hunderten von Überweisungen abwickeln, wie den Frankreichaustausch, wie die Bandklasse und all die anderen Kontobewegungen meistern, wenn wir kein Konto hätten? Rein theoretisch müsste das alles der Schulträger abwickeln. Der kann das aber bei den vielen Schulen logischerweise überhaupt nicht leisten. Ein Dilemma, das bereits von der Ministerin auf der letzten Landesdirektorenkonferenz angesprochen wurde. Sie hatte damals zugesagt, eine juristisch saubere Lösung finden. Zwischenzeitlich hat der Landesrechnungshof den Schulträger geprüft und genau das Bestehen dieser Schulkonten bemängelt. Ein Dilemma bisher ohne Ausweg. Natürlich habe ich dieses Konto vor Jahren bereits auf ein Treuhandkonto umgestellt, denn als Schulleiter bin ich natürlich eine juristisch fassbare Person. Daher fungiere ich als Kontoinhaber, mache durch das Treuhandkonto und den Schulnamen klar, dass es sich nicht um mein Geld handelt. Selbst wenn mir irgendetwas passieren würde, könnte dieses Geld nicht etwa in eine Erbmasse eingehen, logisch, es ist ja nicht mein Geld. Aber: Auch Schulnamen dürfen in der Kontenbezeichnung nicht auftauchen. Für mich bedeutete dies: Unterlagen zusammenstellen, Bankvollmachten nachweisen, Auszüge vorlegen usw. Zu Zeiten von Corona ein zusätzlicher Zeitfresser. Eine Lösung gibt es nach wie vor nicht wirklich, denn den Vorschlag, doch den Förderverein dazu einzusetzen halte ich für weltfremd. Ehrenamtlich arbeitenden Eltern kann ich doch nicht ein derart großes, rein schulisches Arbeitsfeld aufbürden. Eine vertretbare Regelung ist aber in Sicht, wird jetzt allerdings erstmal noch zusätzliche Zeit beanspruchen…

Morgens vor acht Uhr in der Hausmeisterloge zu stehen, Absprachen zu treffen, Neuigkeiten zu erfahren und dabei nebenbei mitzubekommen, wie die eintretenden Schülerinnen und Schüler geordnet und ohne Stress ihre Hände an den Ständern desinfizieren ist, ein beruhigender Tagesbeginn. Allerdings ist es nur einer der vier Eingänge. Wie sich das an den anderen drei, die wir in Coronazeiten aufgemacht haben, eingespielt hat, weiß ich daher nicht zu sagen, höre allerdings auch keine Klagen. Diese äußerte allerdings ein Vater, der anmahnte, bei seinem Sohn in der Klasse stimme der Mindestabstand nicht, dabei sei er durch eine Vorerkrankung mit einem Risiko behaftet. Was stellte sich heraus? Die Klasse oder einzelne Schülerinnen und Schüler oder wer auch immer, haben eigenmächtig die mit dem Gesundheitsamt abgestimmte Tischordnung nicht eingehalten und die Tische umgestellt. Da staune ich doch erheblich über so viel Unverstand! Auf der anderen Seite funktionieren angesichts der Menge der Menschen die Hygieneregeln eigentlich gut. Da sind mal zwei an die Schutzmasken zu erinnern, das rufe ich auch mal „Abstand halten“ aus dem Fenster, da lasse ich auch mal eine zusätzliche Durchsage durch die Lautsprecher sausen, aber ich empfinde das inzwischen als dazugehörig. Unter dem Strich kann ich nur festhalten: Es läuft!

Laufen muss ja auch das kommende Schuljahr, Corona hin, Corona her. Also starteten wir eine erste Runde, die sich mit der Unterrichtsverteilung für das kommende Jahr befasste. Wer hat einen Teilzeitantrag gestellt? Wie viele Stunden fallen durch Pensionierungen oder Versetzungen weg? Wer geht in ein Sabbatjahr, wer kommt daraus zurück? Gibt es zusätzliche Altersentlastungen und so fort. Dass dies nur ein allererster rechnerischer Überblick sein kann, liegt auf der Hand, aber was schon mal zusammengerechnet ist, steht. Außerdem wird dies Aufschlüsse darüber geben, welcher Fächerbedarf bei uns entsteht. Im Grunde Alltag in einer Schule und über allem hängt noch der Virus! Niemand wagt einen Ausblick auf das kommende Schuljahr zu geben. Wir tun da mal so, als wäre es ein normales Schuljahr.

Und wieder lerne ich täglich dazu. Rein sprachlich kann das ganze Bauvorhaben als sprachliche Insel, als fachsprachliches Ghetto oder als Ungeheuer gebärendes Terrain angesehen werden. Heute las ich in einem Protokoll der Planungsgruppe das Ungetüm: Unverbindliche Glasdickenvordimensionierung für das Dreifachwärmedämmisolierglas. Solche Wortungeheuer muss man erstmal zusammenstellen können! Ich würde noch hinzufügen: „Darf’s etwas mehr sein? Am Stück oder in Scheiben?“. Und eine Kollegin ergänzte: „Bitte zweimal zum Mitnehmen. Ohne Pommes, aber mit Salat!“


Die bisher erschienen Bücher sind erhältlich im: www.littera-verlag.de/Bücher
(Das Autorenhonorar kommt dem Förderverein der IGS zu Gute.)

Letztens 2 Soeben erschienen:
„Letztens 2 - ,
Erlebtes rund um die Schule“
2020

Tagebuch 5
„Schulleiters Tagebuch 5,
Warten auf den Bau“
2017 – 2019

Letztens 1 „Letztens –
Schulleiters Tagebuch ergänzende Kolumnen“

tagebuch_4_ "Schulleiters Tagebuch 4,
Der Weg zum Abitur
2014 - 2017"

Tagebuch 1-3"Deshalb IGS -
Positionen und Hintergründe zur Integrierten Gesamtschule mit Beiträgen aus Schulleiters Tagebuch 1 bis 3"

Tagebuch 3 "Schulleiters Tagebuch 3,
Die ersten Abschlüsse,
2012 - 2014"

Tagebuch 2 "Schulleiters Tagebuch 2,
Der Start in Deidesheim,
2010 - 2012"

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