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Gedenken und Erinnern

"Nur wer seine Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten."
 
(Paul Watzlawick) 
 
 

Erstmals beteiligte sich die IGS Deidesheim/Wachenheim am Schulbesuchstag der Abgeordneten des Landtags Rheinland-Pfalz anlässlich des 9. Novembers. Unserer Schule wurden drei Abgeordnete empfohlen. Von zwei Abgeordneten erhielten wir eine sofortige Zusage. Ein Abgeordneter konnte aus terminlichen Gründen an der Gesprächsrunde nicht teilnehmen, versicherte aber sein ausdrückliches Bedauern.

Den thematischen Schwerpunkt dieses Treffens legte die IGS auf die Ereignisse des 9. Novembers 1938. An diesem Tag brannten überall in Deutschland zahlreiche Synagogen. Menschen jüdischer Religionszugehörigkeit erlebten diesen Tag als Trauma von Gewalt und Mißachtung der Menschenwürde.

Daran wollten wir erinnern, über Ursachen und Wirkung diskutieren und überlegen, wie solche Dinge im Kleinen entstehen und wie auf sie reagiert werden sollte. Für alle Teilnehmer war klar, dass dieser Tag - oft bezeichnet als "Schicksalstag der Deutschen" - auch ein Tag der Hoffnung ist, da der Mauerfall der innerdeutschen Grenze am 9. November 1989 ebenfalls diesen Gedenktag markiert, aber mit diesem Ereignis hatten wir uns an der IGS bereits in den letzten Jahren an zwei Thementagen intensiv auseinandergesetzt. So wählten wir bewusst die ehemalige jüdische Synagoge als Ort für den Gesprächskreis und luden auch einen Vertreter der jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz, den Bürgermeister der Stadt Deidesheim sowie Vertreter des Freundeskreises ehemalige Deidesheimer Synagoge ein.   

Eine Weiterführung des Themas erlebten die Schülerinnen und Schüler durch die Reinigung des jüdischen Friedhofs. Hier knüpften wir an die bereits dreijährige Tradition der RSplus an. Eine Unterstützung erhielten wir durch einen Mitarbeiter des Deidesheimer Bauhofes, der uns zahlreiche Gartengeräte, Handschuhe und Behälter für den Grünschnitt bereit stellte.       

 

Gesprächsrunde in der ehemaligen jüdischen Synagoge

 

 

An der Gesprächsrunde nahmen 18 Schülerinnen und Schüler der IGS und RSplus teil. Eröffnet wurde sie durch einleitende Worte des Schulleiters Georg Dumont. Die Abgeordneten Ruth Ratter und Dr. Norbert Mittrücker sprachen von der Verantwortung der Deutschen für ihre Geschichte und die Gestaltung der Zukunft in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft. 

 

Herr Stern, der Vorsitzende der jüdischen Kultusgemeinde Mannheim, und Herr Mayer als ehemaliger stellvertretender Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz berichteten in bewegenden Worten von dem Grauen der braunen Diktatur, dem erlittenen Unrecht, der Zäsur für die überwiegend assimilierten deutschen Juden in Deidesheim und Umgebung und forderten die Schülerinnen und Schüler auf, sich aktiv für die demokratischen Grundrechte des Deutschen Staates einzusetzen. Dabei sollten sich die Schüler selbstbewusst gegen jede Form der Intoleranz und Ausgrenzung innerhalb und außerhalb der Schule einsetzen. Tief berührt waren sie von der großen Anteilnahme aller Anwesenden am Schicksal des jüdischen Volkes und empfanden dieses Treffen als Ermutigung. Ein Zeichen der aktiven Versöhnung setzte auch der Bürgermeister Manfred Dörr. Seine klare Position gegen jede Form von rechter Gewalt und seine authentische Sprache fand bei allen Zuhörern großen Beifall.        

 

Herr Dr. Franz-Josef Ratter berichtete von der wechselvollen Geschichte des Deidesheimer Synagogenbaus. Der bedrohliche Verfall des Gebäudes konnte nur durch ein entschiedenes Handeln des Vereins und der Stadt Deidesheim abgewendet werden. Dass dieser Prozess seine Höhen und Tiefen hatte und häufig auf Unverständnis von Außenstehenden traf, zeigte eine weitere Brisanz des Themas.

Die Schülerinnen und Schüler hörten den Wortbeiträgen aufmerksam zu und beteiligten sich mit zahlreichen eigenen Beiträgen. Eine Verortung des Themas gelang durch Beispiele rechter Propaganda in der Musik und angebrachte Aufkleber mit rechten Parolen auf dem Schulhof. Interessant für die Gäste war die Ausbildung von Courage Scouts, die zahlreiche anwesende Schüler durchlaufen hatten sowie die Begegnung der Schüler mit dem Thema "Mobbing" im Schulalltag. Moderiert wurde die Gesprächsrunde von Dr. Frank Laska.

 

Reinigung des jüdischen Friedhofs

 

 

Das Wetter meinte es gut mit uns. Bei einem fast wolkenlosen Himmel, viel Sonnenschein und etwas frostigen Temperaturen verbrachten die Schülerinnen und Schüler die weitere Zeit mit der Säuberung des jüdischen Friedhofs. Da der letzte Grünschnitt exakt vor einem Jahr durchgeführt worden war, kam ihnen das Gelände "wildromantisch" vor. Um ein weiteres Überwuchern der Grabsteine durch Büsche und Sträucher zu vermeiden, setzten sie die klassische Heckenschere an. Hinzu kam das Säubern der Wege von Laub. 

 

Da es sich bei einem jüdischen Friedhof um einen "heiligen Ort" handelt, der bestimmten Regeln unterliegt, achteteten sie u. a. darauf, dass sie bis Mittag fertig waren (--> kein Besuch am Schabbat, der am Freitagnachmittag beginnt und bis Samstagabend andauert). Beim Reinigen der Wege versuchten sie, die Grabflächen nicht zu betreten, was schwierig war, da die Gräber nicht so deutlich wie auf christlichen oder kommunalen Friedhöfen umrandet sind.

 

Einen Einblick in die Geschichte des Friedhofs vermittelte den Schülerinnen und Schülern Herr Schnabel, der Vorsitzende des Vereins "Heimatfreunde Deidesheim und Umgebung". Er wies sie darauf hin, dass die jüdischen Begräbnisstätten im Rahmen der Assimilierung der jüdischen Bevölkerung in Form, Gestaltung und Material vielfach den bürgerlich-christlichen Gegebenheiten entsprachen. So sieht man dort Grabsteine mit zeitgenössischer neogotischer Ornamentik und Formensprache (siehe Bild 2), die neben der hebräischen Grabsteinbeschriftung eine zusätzlich deutsche Ergänzung auf der Rückseite der Grabsteine enthalten. Zusammen mit Herrn Dr. Laska suchten die Schülerinnen und Schüler nach Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Deidesheimer und Wachenheimer Friedhof (siehe Bild 3). 

 

Der Stadtgärtner Herr Förderer war den Schülern bei allen Dingen sehr behilflich. Gegen Mittag besuchte die Schülergruppe Herr Dörr und sorgte für eine gute Verpflegung mit belegten Brötchen. 

Die Gedenkveranstaltung zum 9. November sollte durch seine verschiedenen Ansätze der Begegnung von Geschichte und Kultur bei den beteiligten Schülerinnen und Schülern einen  Lernprozess anstoßen, bzw. weiter vertiefend fördern, der sie sensibel machen möchte für historische und politische Prozesse, die gekennzeichnet sind von Beständigkeit, aber auch Wandel sowie von Umbrüchen und Gewalt.

Heute leben keine jüdische Mitbürger mehr in Deidesheim und Umgebung, aber die Synagoge und der Friedhof sind steinerne Zeugnisse, die von ihnen künden und zugleich mahnen sie nicht zu vergessen. 

Eine Zusammenfassung der Gedenkveranstaltung stellt der am 9.11. ausgestrahlte SWR-Beitrag der "Landesschau aktuell Rheinland-Palz" dar.

Link zum SWR-Beitrag: Gedenkveranstaltung in Deidesheim (Link zur SWR Mediathek, Suche: Schulbesuchstag zum Gedenken)

 

 

Am 25.04.2013  hatten wir von 8.00 Uhr bis 13.00 Uhr die mobile Ausstellung "on.tour" des Jüd. Museums Berlin mit einigen Workshops an der IGS Deidesheim/Wachenheim am Standort Deidesheim.

Für alle die nicht an einem der Workshops teilnehmen konnten gibt es hier nun den ausführlichen Pressebericht, einen Radiomitschnitt und viele Fotos von der Aktion.

--> Hier gehts zum ca. 2 minütigen Radiomitschnitt

 

 

Workshop in der Synagoge 

  

 

 

Workshop in der Schule

 

 --> Weitere Informationen zum Jüdischen Museum "on.tour" ? http://www.jmberlin.de/ksl/ontour/neue_ausstellung/ontour_waechst.php

 

 

Beteiligung der IGS an der Verlegung der Stolpersteine im Schuljahr 2011/12 

Auf dem jüdischen Friedhof fanden die Schülerinnen und Schüler den Grabstein von Herrn Mayer Morgenthau. Der Name Morgenthau erinnerte sie an die Verlegung der Stolpersteine in Deidesheim im Frühjahr 2012.

In Zusammenarbeit mit dem Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte der Freundeskreis ehemalige Deidesheimer Synagoge an allen nachweislichen Wohnhäusern jüdischer Familien Gedenksteine mit dem Hinweis auf die früheren Hausbewohner und deren Schicksal (oft kenntlich durch den Sterbeort "Gurs", "Auschwitz" ...).   

     

 

Eine Schülergruppe der IGS beteiligte sich an dieser Aktion, indem sie anhand verschiedenen Quellenmaterials die Geschichte der jüdischen Hausbewohner erforschte und diese bei der Verlegung der Stolpersteine vortrug.

 

 

weitere Informationen und Fotos unter dem Link: "Stolpersteine"

 

Ausarbeitung zu  Frida Morgenthau, Manfred Morgenthau, Hilde Jaffé (geb. Morgenthau) von Tamara Schäfer (Klasse 9b) in Zusammenarbeit mit dem Historischen Museum der Pfalz Speyer

Manfred Morgenthau und seine Schwester Hilde Morgenthau sind die Kinder von Frida Marum und Mayer Morgenthau.

Mayer Morgenthau war unter anderem bei der Gründung des Deidesheimer Schwimmvereins beteiligt.

Die Familie Morgenthau besaß bis 1937 das Deidesheimer Konfektionsgeschäft (auch als Kaufhaus bezeichnet) “Marum“ in der Hauptstraße 63.

1933 wurden vor dem Kaufhaus SA- und SS-Soldaten postiert, um mutige Deidesheimer Einwohner am Einkaufen zu hindern. In diesem Jahr konnten die Kinder Morgenthau nur mit einer Ausnahmegenehmigung – ihr Vater war Soldat im Ersten Weltkrieg gewesen - die Schule beenden. Durch die Machtergreifung der Nazis wurden sie von allen weiteren Schulveranstaltungen ausgeschlossen.

Am 01.10.1935 wanderte Manfred Morgenthau in die USA aus, weil er keine Zukunft für die Juden in Deidesheim sah. 1936 reiste Hilde Morgenthau nach Frankfurt, um kurz darauf mit einem Besuchervisum ihrem Bruder in die Vereinigten Staaten zu folgen. Sie kam jedoch bald wieder zu ihrer Mutter zurück, die zu diesem Zeitpunkt in Frankfurt lebte. Sie wird in ein KZ im Osten deportiert und verstirbt aufgrund der unmenschlichen Bedingungen am 01.07.1942.

Im Jahr 2006 traf Ministerpräsident Kurt Beck mit Manfred Morgenthau zusammen. Dies geschah auf Initiative und finanzieller Unterstützung des Freundeskreises ehemalige Synagoge Deidesheim.

Manfred Morgenthau konnte sich noch gut an die “Geisbockversteigerung“ und an die Weinlese erinnern. Er hatte den Wunsch nach Deutschland zurückzukehren, möchte aber nie wieder hier leben.

Er ist auf die Suchanzeige des “Freundeskreises“ aufmerksam geworden, als seine Schwester ihm mitteilte, dass Michael Hiller durch die deutsch-jüdische Zeitung “Der Aufbau“ nach den Beiden suchte.

Als Hilde Morgenthau und ihr Bruder in Frankfurt a. M. im Jahr 2006 landeten und von einem Mitglied des “Freundeskreises“ erwartet wurden, waren sie sehr erleichtert, dass sie jemand in Deutschland willkommen hieß.

„Vergessen kann ich das alles nicht, aber verzeihen… ja, das habe ich wohl schon getan.“ (Manfred Morgenthau, 2006)

In den letzten Schuljahren haben sich die Schülerinnen und Schüler der IGS wiederholt in Projekten und Unterrichtseinheiten mit der Zeit des Dritten Reiches auseinandergesetzt, so geschehen im Projekt "Helden".

 

weitere Informationen

zum Projekt "Helden"

unter: Frau Pfau