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Jan 2018

 

Weihnachtsferien 2017/2018:

Es gilt einen größeren Abschnitt nachzutragen, ein Gedankengang, der mich die letzten Wochen über beschäftigte und der einen etwas breiteren Raum bedarf, um verständlich zu werden: In der Zeit seit November schaute ich mir erstmals zusammenhängend alle Teile der Heimat-Trilogie von Edgar Reitz an. Vor zwei Jahren hatte ich bereits die komplette DVD-Edition unter dem Weihnachtsbaum vorgefunden, aber erst durch die Fahrt an die IGS Morbach (siehe Eintrag vom 7. November 2017) war der notwendige Anstoß da, mich erneut und intensiver damit zu befassen und alle 30 Teile der über 52 Stunden dauernden Trilogie von Edgar Reitz anzuschauen. Das braucht natürlich seine Zeit. Mancher mag über den Zeitaufwand staunend schmunzeln, aber ich stieß erneut auf eine ganze Reihe von Analogien in der eigenen Biografie, die meine Motivation und Faszination für dieses einmalige und monumentale Filmwerk hoch hielten und den Zeiteinsatz erklären und rechtfertigen mögen. Schließlich konnte ich mich diesem filmischen Monument der Film- und Fernsehgeschichte erstmals „nach eigenem Zeit-Rhythmus“ widmen und war nicht auf die Sendetermine des Fernsehens angewiesen. Letztendlich führte dies dazu, dass sich, zusätzlich zu meinen Internet-Recherchen, der Titel einer Biografie auf meinem Wunschzettel für Weihnachten wiederfand: Thomas Koebner, Edgar Reitz, Chronist deutscher Sehnsucht, Eine Biografie, Stuttgart 2015), so dass ich nun einen Bogen schlagen kann, in welchem ich anfangs Entsprechungen zu den Figuren und Situationen des Heimat-Zyklus im eigenen Leben wiederfand, der sich weiter streckt über die Auseinandersetzung mit dem Begriff „Heimat“ als an wechselnden Plätzen aufgewachsener Jugendherbergseltern-Sohn und schließlich bei einem väterlich grundgelegten Menschenbild endet, das sich als Grundlage dafür, eine Schule zu leiten, entwickelt hat – ein durchaus gewagter, aber mich bereichernder Gedankengang.

Der Ausgangspunkt: Figuren und Situationen aus „Heimat 1 bis 3“, wobei ich sie hier nicht erschöpfend ausbreiten will, nur einige markante Bezüge sollen genannt sein. Auf die Erinnerungsmöglichkeiten zwischen der Katharina Simon aus Schabbach und meiner Großmutter väterlicherseits hatte ich bereits im November hingewiesen. Bei beiden Frauenfiguren ist die Küche der zentrale Ort des Lebens, dort spielt sich alles ab. Selbst als meine Großmutter später ein Wohnzimmer einrichtete, saßen wir bei Besuchen weiterhin in der Küche. Ein Telefon gab es, wie in der Serie, nur in der Dorfkneipe. Letztendlich hatte meine Großmutter aber nie richtig in sich aufnehmen können, dass man mit jemandem reden kann, der nicht im Raum ist, ebenso wenig wie die Schabbacher es verstanden, dass sie mit einem von Paul gebauten Radio in der Burgruine Baldenau weit entfernt gespielte Musik aus einem Lautsprecher hören konnten. Der geltungssüchtige Wiegand, der in Schabbach zunächst das erste Motorrad und dann das erste Auto besaß, sah in den aufkommenden Nationalsozialisten eine Möglichkeit, zusätzlich Ansehen zu erlangen. Nach dem Krieg wollte er im Dorf wieder die „große Rolle“ spielen. Mein Vater erzählte immer wieder aus seinem Dorf, dass diejenigen, die die Hakenkreuzfahne am höchsten trugen, nach dem Krieg wie selbstverständlich und mit dergleichen Inbrunst in der Fronleichnamsprozession mit den anderen Fahnen wieder vorne weg gingen. Die Figur des Einzelgängers Glasich, einem geduldeten aber integrierten Einzelgänger mit offenen Schwielen an den Händen, messe ich in meiner Erinnerung an Thiel. Wovon beide tatsächlich lebten, weiß ich nicht, aber Thiel bevölkert meine Kindheit und war derjenige, der uns, trotz lahmer Hand, aus Sperrholz eine große Kiste mit vielen Fächern für die unterschiedlich großen Legosteine zimmerte. Die Jugendherberge in Saarbrücken, die meine Eltern bis 1961 leiteten, lag neben der damaligen Musikhochschule. Der reale Max steht für Clarissa – beide waren, Cello studierend, Gast in einem fremden Haus. Es mag durchaus sein, dass sich weitere Studierende in der Jugendherberge einfanden wie in der Villa Cerphal in München. Der ewige Philosophie-Student Alex aus der zweiten Heimat heißt in meinem Leben Seuter. Ob er jemals ein Examen in Philosophie oder Mathematik abgelegt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Das Wort „Hunsrückhöhenstraße“ habe ich sehr früh kennen gelernt, es gehört zu den Erinnerungen meines Vaters. Mit seinem Großvater hat er als Dreizehnjähriger seinerzeit die Baustelle im Hunsrück von Züsch aus besucht. Immer wieder hat er erzählt, wie sehr er davon beeindruckt, verwundert und erschrocken war, dass die Arbeiter, die der „Organisation Todt“ angehörten oder Zwangsarbeiter waren, ihre Schubkarren unter laut gebrüllten Anweisungen im Laufschritt hatten bewegen mussten. Wie Paul Simon und das „Hermännche“ verließ mein Vater die empfundene „Enge der Provinz“ und übernahm, die „geistige Weltläufigkeit“ der Großstadt Stuttgart genießend, die dortige Jugendherberge, kümmerte. ich wenig um die „zurück gebliebene“ Verwandtschaft und machte aus der dortigen Herberge ein „offenes Haus“. Zeitweise lebten und arbeiteten (in Zeiten der Vollbeschäftigung) fünfzehn Nationen zusammen, Menschen aus mir fremden Welten wie Japan, Pakistan, der Mongolei und Marokko – wie Juan in der Zweiten Heimat, hatte es diese Menschen auf verschiedensten Wegen und individuelle unterschiedlichsten Gründen in die Stuttgarter Jugendherberge verschlagen, boten dort zeitweise ihre Hilfe an, blieben eine Zeitlang hängen und „bevölkerten exotisch“ meine Kindheit und Jugend. Ich erinnere mich an verschiedenste Menschen: etwa an den Berber Wahib, der mit seiner Frau Amina bei uns arbeitete und die gemeinsam ihre Tochter Bouchera zu dieser Zeit auf die Welt brachten. Aufgrund seines tiefscharfen Blickes kam er mir dennoch unheimlich vor, auch weil er sehr rigide seiner Frau gegenüber auftrat; an die alleinerziehende Mutter Fanny, die einen Sohn von einem italienischen Mann zur Welt gebracht hatte, später nochmals Zwillinge gebar, die sie gleich nach der Geburt zur Adoption freigab. Sie stieß zu uns, weil mein Vater über eine Frau aus der Pfarrei Kontakte zu einem „Heim für gefallene Mädchen“ hatte, einer Institution, die Apollonia in der ersten Staffel mit ihrem unehelichen Kind „gerettet“ und auch Klärchen in der zweiten Heimat vielleicht mit ihrer ungewollten Schwangerschaft vor der Abtreibung bewahrt hätte; an den Pakistani Jimmy, der eine bei uns arbeitende Schwäbin heiratete und sie später mit dem gemeinsamen Kind alleine ließ; an die Engländerin Christel, die bei uns den Japaner Joschi kennen lernte, der, wiederum als Musikstudent, ein Zimmer suchte und für diese Zwischenzeit in der Jugendherberge unterkam. Gemeinsam zogen sie später nach Japan, Christel hält bis heute noch Kontakt zu meiner Mitter; an die esoterisch angehauchte, hübsche Maria mit den herrlich langen Haaren, die gerne nackt im Regen tanzte; an die Japanerin Mimi, die den ebenfalls bei uns arbeitenden Belgier Joseph heiratete, und die es nicht übers Herz brachte, ihre gewaschene Unterwäsche zum Trocknen sichtbar auf die Leine zu hängen und diese daher schamhaft stets zusätzlich mit einem Handtuch bedeckte. Sie verließ aus Höflichkeit einen Raum immer nur rückwärts, damit sie niemandem den „Rücken zukehren“ musste; an den weiteren Japaner Sanae, der über eine hervorragende Fähigkeit zu zeichnen verfügte, und der mich auf Japanisch bis zehn zu zählen gelehrt hat; an den Mongolen, der in unserer „Großfamilie“ wegen seines Aussehens mit langen Zöpfen und dünnem, tiefschwarzen Spitzbart nur Dschingiskhan genannt wurde, und der mittels einer geheimen Kenntnis von Druckpunkten mit wenigen Massagegriffen am Hinterkopf und im Nacken meiner Mutter stets ihr Kopfweh wegmassieren konnte; an die Ägypterin Soheia mit den überlangen, gepflegten Fingernägeln, die eines Tages verschwunden war und einen Besuch des ägyptischen Geheimdienstes nach sich zog (Sie könnte für die Helga in der Zweiten Heimat stehen, die sich dort der RAF anschloss); an eine ganze Reihe von philippinischen jungen Männern, die „tagelang“ in der Eingangshalle Mah-Jongg spielten mit den vielen kleinen, elfenbeinfarbigen Spielsteinen, auf denen vielfältige, geheimnisvolle Symbole abgebildet waren. Das helle Klackern bei deren Zusammenstoßen habe ich heute noch im Ohr. Die waren zeitweise so etwas wie die Security des Hauses und wären für meinen Vater „durchs Feuer gegangen“; ich höre auch noch die unterschiedlichen Dialekte der bei uns arbeitenden Frauen, die beiden schwäbischen Varianten und das Sächsische. Immer, wenn Lucie aus der ersten Staffel redet, „erwacht“ eine dieser Frauen mit diesem Dialekt als Erinnerung in mir. Neben dieser „Vielvölkergemeinschaft“ gelang es meinem Vater, gemeinsam mit anderen liberal denkenden Köpfen zusätzlich eine geistige und theologische Öffnung, indem er sich und das Haus für das so genannte „Pastorale Forum“ öffnete, einem eher linkskatholisch orientierten Kreis, dem es unter anderem immerhin gelang, den damaligen Bundesminister Eppler für einen ökumenischen Gottesdienst mit anschließender Diskussion in die Stuttgarter Jugendherberge zu holen. Liturgisch gesehen, gingen diese Gottesdienste weit über die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils hinaus und boten die Kommunion selbstredend für alle Konfessionen in beider Gestalt an. Im selben unteren Tagesraum traf sich regelmäßig auch der „Stuttgarter Spielkreis“, eine eher konservative und ihre Riten und Bräuche aus ihrer Heimat retten wollende Gruppe Vertriebener aus dem Sudetenland. Beide Haltungen konnte mein Vater unter einen Hut bringen und in „seinem Haus“, durchaus wertschätzend, „Heimat“ geben. Meine Mutter hat all dieses „Treiben“ eher duldend unterstützt, vielleicht auch nur hingenommen, denn ich glaube, sie ist in dieser vielschichtigen Welt nie in dem gleichem Maße angekommen, wie mein Vater und so war sie auch der wesentliche Impuls, nach langen Jahren in die saarländische „Heimat“ nach Saarbrücken zurückzukehren.

All dies verkörpert für mich die zweite Staffel „Chronik einer Jugend“, welche mit den vielen Charakteren des Schwabinger Studentenkreises um Hermann die Jahre 1960 bis 1970 abdeckt. Mit dem Hunsrück haben diese 13 Filme wenig zu tun, sie begleiten Herrmann durch die Jahre des Studiums – Heimat ist hier nicht eine Gegend, in die man hineingeboren wird. Heimat, das sind hier die vielfältigen Beziehungen, in denen Herrmann während des Studiums eingebunden ist. Dennoch berühren mich diese dreizehn Folgen  tief im Inneren mit einer Reihe von Analogien, die ich aus der eigenen Biografie kenne. Genau, wie Herrmann Helga in ihrer Familie in Dülmen besucht und auf Unverständnis stößt, fuhren wir damals mit einer Gruppe von Kommilitonen nach Altenberge in Westfalen, drangen in eine völlig fremde Welt ein, erlebten die bürgerlich engen Eltern der Mitstudentin, wie diese wiederum eine „fremde“ weil sich anders entwickelnde Tochter erlebten. Die dichten, manchmal lyrischen Dialoge dieser zweiten Staffel stammen alle aus der Feder von Edgar Reitz, der damit zusätzlich ein künstlerisches Feld „erobert“.

Zum dritten Teil des Heimat-Zyklus, den ich im Rahmen der DVD-Edition erstmals vollständig gesehen habe, empfand ich weniger tiefgehenden Zugang. Er lebt aber durch die Fortschreibung der Hauptfiguren und der Zeitgeschichte bis zum Jahrtausendwechsel. Herrmann und Clarissa haben endlich zueinander gefunden, im renovierten „Günderode-Haus“ in der Nähe von Schabbach versuchen sie, beide bekannte und erfolgreiche Musiker geworden, endlich ein gemeinsames Leben mit all den Wirren des Älterwerdens.  

Was also meint der Begriff „Heimat“? Wie ist er bei mir gefüllt? Als Edgar Reitz Ende der Siebziger mit der Arbeit des ersten Zyklus begann, war der Begriff „Heimat“ noch tabuisiert. Missbraucht von den Nationalsozialisten, ins Kitschige gezerrt durch die damaligen Berg- und Heimatfilme, verloren gegangen durch eine sich neu orientierende Gesellschaft (unter anderem war dies die Entstehungszeit der Integrierten Gesamtschule!). Dadurch und von der Sehnsucht nach Geborgenheit und des Wiedergewinnens „der guten alten Zeit“ geprägt, auf jeden Fall aber nichts, mit dem man sich intellektuell auf der Höhe der Zeit auseinandersetzte. „Heimat“ war ein Begriff, der etwas Rückwärtsgewandtes, nach hinten Blickendes und unmodern Kitschiges in sich vereinigte, das es für eine neue Zeit zu „überwinden“ galt.

In einem Interview mit DIE ZEIT schildert Edgar Reitz, wie er mitten in dieser Unbestimmtheit des Begriffes…

 „[…] nachspüren [wollte], was an wirklicher Lebenserfahrung darin steckt […] Ich spüre eigentlich keine Verwurzelung mehr im Hunsrück. Mit 16, 17 Jahren hatte ich nur einen Gedanken: weg. Die Enge der Provinz zu verlassen, das war für mich der stärkste Antrieb. Aus der Provinz, wo ich mich in jeder Weise eingeschränkt, kontrolliert, beobachtet, unterdrückt fühlte. Nur weg, weg in die Freiheit! Jahre später stellte sich dann heraus, dass vieles, was man in sich trägt, doch weiterlebt. Etwa, wenn man den Dialekt hört oder wenn man aus dem Fenster den Waldrand sieht. Das sind untilgbare Kindheitsbilder. Da fühlt man doch so eine Art Liebe, ohne dass es zu einer richtigen Versöhnung kommt“ (www.Zeit.de/kultur/film/2017/edgar-rietz-heimat-begriff-ideologie).

 Wäre Heimat der Ort, in den man ungefragt hineingeboren wurde, müsste ich selbst mich nach wie vor als Saarländer fühlen. Die Wurzeln der Familie stecken dort seit einigen hundert Jahren. So empfinde ich mich aber nicht.

Ginge es darum, wo die Kinder- und Jugendjahre wichtige und abgespeicherte Erfahrungen vermittelt haben, wo man erste Beziehungen bewusst auf- und wahrnimmt, müsste ich mich als Schwabe fühlen. Im Alter von fünf Jahren zog ich mit den Eltern nach Stuttgart, erlebte dort die komplette Schulzeit und ja: damals fühlte ich mich mit voller Identität als Schwabe, dort lebte ich, dort war mein Lebensmittelpunkt, dort ist „mein Bewusstsein“ erwacht. Nie hatte ich einen Gedanken daran verloren oder in Erwägung gezogen, Schwaben einmal hinter mir zu lassen, alles Saarländische lebte nur in der Familie weiter – private Herkunftsheimat versus Lebensheimat?

Zum Studium verschlug es mich wieder ins Saarland, das mir fremd und unbekannt vorkam. Deutlich wird das unter anderem darin, dass ich in der Öffentlichkeit Mühe hatte, den schwäbischen Dialekt gegen den in der Familie ja stets gebrauchten saarländischen auszutauschen. Ganz selbstverständlich redete ich etwa in der Buchhandlung zunächst schwäbisch. Es kostete mich einige Überwindung, das bisher dem privaten Bereich vorbehaltene Saarländisch öffentlich zu verwenden. Durch das Studium und die intensiven neuen Kontakte ging mir wiederum der Schwabe verloren. Soziale Kontakte und Bindungen überlebten den Bruch nicht – wurde ich daher jetzt doch ein in die „Heimat“ zurückgekehrter Saarländer? Freilich durchströmt mich auch nach Jahrzehnten der Distanz ein wohliges, warmes Gefühl, wenn ich irgendwo die schwäbischen Nasale höre, kann auch gleich selbst wieder – inzwischen eher radebrechend - hineinpurzeln. Dennoch erschien mir die Stadt meiner Kindheits- und Jugendjahre bei einem späteren Besuch fremd, seltsam unwirtlich und irgendwie rückständig – mein Leben fand inzwischen mit neuen Inhalten und Weisen und anderen Menschen woanders statt. Auch bei heutigen Besuchen ins Saarland, wo ich doch die intensive Zeit des Studiums verbracht habe, komme ich als Fremder, erkenne etwa die Universität mit ihren Neu- und Anbauten kaum noch. Es ist eben nicht mehr der Ort, an dem ich einst studiert habe. Andere Studenten studieren bei anderen Professoren in anderen Gebäuden. Stets habe ich bei einer Rückkehr an einen Ort nicht mehr das gefunden, was mir in Erinnerung blieb und was ich wiederzufinden hoffte.

Und heute? Bin ich nun zum saarländisch-schwäbischen Pfälzer mutiert? Als ich 1992 meine erste Stelle an der IGS Ernst Bloch in Oggersheim antrat, die erste Ehe war gerade auseinander gegangen, musste ich allein einen weiteren Start in einer neuen „Fremde“ bewältigen. Damit begann meine am längsten währende Sesshaftigkeit. Beruf, Familie, Landschaft und Lebensart haben mich hier festwurzeln lassen. Geht etwa ein Urlaub zu Ende, fahre ich hierhin mit dem selbstverständlichen Gefühl: Ich komme heim. Neue Heimat? Wo ist die alte geblieben? Verblasst, verloren, erloschen? Im erwähnten Interview fasst Edgar Reitz diese Überlegungen und Wahrnehmungen in die prägnanten Worte: „Heimat ist ein Schlachtfeld der Gefühle“ (ebd.). Wohl wahr!

Aufgrund dieser biografischen Erfahrungen fasse ich den Begriff für mich präziser in den Worten: Heimat ist dort, wo mein Leben stattfindet, das Leben mit allem, was dazugehört, hier und jetzt gerade, unabhängig von früheren geografischen Orten, von Zeiten und Beziehungen. Das Leben mit wirklich mit allem, was dazu gehört? Ich fürchte nein. In jedem Leben wird es auch Träume, Unzufriedenheiten und Leid, geben, individuelles in Form etwa von Liebesleid, familiär-situatives in Form von Enge oder Zwängen, oder gesellschaftliches, weil soziale oder auch staatliche Ungerechtigkeiten herrschen. Kein Leben kann alle Wünsche erfüllen, es bleibt immer ein Rest, der Gegenstand einer Sehnsucht bleibt, die wiederum, so vermute ich, in den Begriff Heimat hinein gespiegelt und als erfüllt angesehen wird. Ins Existenzielle hinein erweitert lässt sich darin der Ursprung jeder Religion finden, mit all den Erlösungs- und Paradiesvorstellungen. Eine feste Größe kann ich freilich nicht wegdenken: das Verwurzelt sein in der deutschen Sprache, der hiesigen Kultur und Geschichte. Ich empfand das etwa bei einem Australienaustausch. Mitleidig hörte ich von meinen Gasteltern, dass sie bereits in der dritten Generation auf diesem fernen Kontinent lebten, abstammend von irischen Einwanderern. Dennoch formulierten sie, dass sie sich vorkommen wie Bäume ohne Wurzeln, wie Lebewesen ohne Kontakt zu ihrer Herkunft und Vergangenheit.

Ein letzter Gedanke: Der Heimat-Zyklus zeichnet ein Jahrhundert mit einer schier unüberschaubaren Anzahl von Menschen, Beziehungen und Ereignissen nach, deren rote Linie das „Hermmännche“ aus Schabbach ist. Ein solches Monument zu kreieren, zu organisieren und fertigstellen zu können, setzt eine Vielzahl von Begabungen voraus, die alle Tätigkeiten immer an dem einen Ziel des Films ausrichten. Thomas Koebner, der Edgar Reitz über eine lange Zeit begleitet hat, merkt dazu an:

„Ferner betont Reitz in Gesprächen, in ebenfalls metaphorischer Absicht, dass er der Sohn eines Uhrmachers sei, selbst kundig in der Kombination feingliedriger Bestandteile, die am Ende ineinandergreifen müssen, damit die Zeit gemessen werden kann. Präzision als Ausdruck ästhetischer Kompetenz und die Verlockung, etliche Lebensläufe zu verfolgen, die kreuz und quer verlaufen und erst in ihrer Vielzahl – wenngleich notgedrungen noch schattenhaft, da nicht sub specie aeternitatis (unter dem Blickwinkel der Ewigkeit, Anm.G.D.) -  eine Ahnung des Gesamtbildes ergeben […]“ (Koebner, a.a.O. S. 23).

Dieser Gedanke aus einem Gespräch ließ mich lange nicht los: Heimlich und nebenbei, quasi absichtslos, schleicht sich etwas vom Vater Ausgelöstes in die eigene Person hinein und beflügelt das spätere (Berufs-)Leben. Bei den Erinnerungen an meine Stuttgarter Zeit, ausgelöst durch die zweite Heimat-Staffel, und einen Austausch mit meiner Mutter, wurde ich draufgestoßen: Mit welch weitem Herz muss ein Mensch gesegnet sein, um diese Schar unterschiedlichster Menschen zusammenhalten zu können? Ganz unabhängig von Herkunft, Vorgeschichte, geschweige denn Religion, Hautfarbe, Haltung oder politischer Gesinnung, mein Vater begegnete allen zu allererst als Mensch und vermochte die mannigfachsten Strömungen in „seinem Haus“ zu integrieren. Aus einem weiteren Gespräch sind von Edgar Reitz die Worte überliefert:

„Ich glaube an das Individuum, das Individuum als die eigentliche Vorstellung vom Menschen. Es bezeichnet das Unverwechselbare, das Einmalige, das Lebendige an einem Menschen. Es steht im Kontrast zu den Einflüssen, die den Menschen mit anderen gleichmachen. Die Individualität ist das Untypische, was an einer Person nicht berechenbar ist. Das, was uns ungleich macht, das ist das Menschliche an uns“ (Koebner, ebd. S. 19; Hervorhebung i.O.).

Worte, die meinen Vater charakterisieren können. Mit dieser zutiefst humanen Grundhaltung, die jeden ohne Vorbehalte annimmt, war ihm eine Offenheit zu eigen, die es ermöglichten, dass zum Teil Menschen aus fünfzehn Nationen gemeinsam am gleichen Tisch in einer Runde zu Mittag aßen, wo es keine Rolle spielte, wer der „Chef“ ist und wer andererseits „nur“ die Tagesräume kehrt, wer das damals noch übliche Tischgebet mitbeten konnte und wer nur schweigend oder unbeteiligt unter sich schaute – alle saßen als menschliche Individuen an einem Tisch und gehörten zu dieser Gemeinschaft dazu. Diese Eigenart habe ich, nicht bewusst, aber mit der „Vatermilch“ aufgesogen wie Edgar Reitz das Bild der zusammenwirkenden Einzelteile eines Uhrwerks. Ich entdecke hierin einen grundlegenden Ursprung, dass ich mir beruflich so manches (gängige?) Verhalten im Schulbetrieb nicht zu Eigen machen kann, dass ich immer wieder auf verschiedenen Ebenen eine beängstigende Enge im Umgang mit Menschen jeglichen Alters empfinde. Hin und wieder, aber durchgängig, stoße ich auf Verwunderung, wenn ich Schule anders „gestalten“ will als so manche/r (Schulleiter-)Kollege/in? Und die Integrierte Gesamtschule als Schule für alle Kinder verlängert diese Haltung in eine Schulform hinein, weswegen ich sie so leidenschaftlich verfechte. Im Gespräch mit Thomas Koebner schildert Edgar Reitz eine herrliche Haltung, die als Metapher meine Auffassung von pädagogischem Handeln beschreibt. Es geht um das Drehen an Originalschauplätzen und um Gegebenheiten, mit denen das Drehteam unerwartet konfrontiert wird:

„Man findet eine Wohnung und begegnet plötzlich unerwarteten sperrigen Dingen. Da gibt es Leute im Team, die sagen: Also hier können wir nicht drehen, die Mauer müsse weg, und hier kommen wir nicht durch. Ich halte dagegen: Lasst das doch stehen, damit spielen wir, da muss sich der Darsteller jedes Mal ducken, wenn er durchgeht, das ist das Besondere. Man kann selbst aus Ungereimtheiten etwas machen. Wenn ich zum Beispiel an Heimat denke: Dieser Balken in der Küche, mittendrin steht da ein Pfosten […] Ein Baum mitten im Zimmer. Sich an diesen Baum anzulehnen, heißt symbolisch, den Rücken an die Erde ‚anzuschließen‘, an die in den Stämmen aufsteigenden Lebenssäfte“ (Thomas Koebner, Edgar Reitz erzählt, München 2008, S. 202, Hervorhebungen i.O.).    

Auf die Arbeit in der Schule (sowohl bei Kindern, als auch bei Erwachsenen!) übertragen, heißt das so viel wie: Lasst uns nicht an den „Pfosten“ stören, lasst uns nicht die „Pfosten“ fokussieren, lasst sie uns in die Arbeit integrieren, fantasievoll mit ihnen umgehen oder sie um-gehen. Bedenklich wie beim Film wäre die Aussage: „Der muss weg, sonst können wir nicht arbeiten!“ „Pfosten“ im Verhalten, in der Kommunikation, im So-Sein sind einfach da und wurden eingezogen, um einmal etwas zu stützen, etwa um ein schützendes Dach zu tragen. Lebensmuster waren irgendwann einmal Überlebens-Muster, die können wir nicht einfach entfernen. Sehr wohl kann geduldiges und geschicktes pädagogisches Arbeiten sie überwinden helfen. Oder, wie Hartmut Hentig einmal formulierte: Die Stärken stärken, die Schwächen schwächen. “ Links und rechts von den „Pfosten“ ist immer viel Platz, den wir sinnvoll nutzen können und damit zufriedener werden. Mir fällt auch das Gleichnis vom Splitter und vom Balken im eigenen Auge ein (Matthäus 7). Oder stimmt an: „Jeder kann was prima machen, einer dies, der andre das“ – womit ich gedanklich endlich wieder an die IGS Deidesheim/Wachenheim zurückgekehrt bin. Ein neues Jahr hat inzwischen begonnen und ich wünsche allen, dass es ein erfolgreiches wird!