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Feb/März 2018

 

Freitag, 23. März 2018:

Nur zu hören, dass heute die Einsichtnahme in die Abiturarbeiten möglich ist, oder es selbst mit den Stimmungen, die den Raum durchdringen, der ernsthaften Mimik und der Konzentration beim Lesen zu erleben, ist eine ganz andere Sache. Genau die fehlte mir aber beim ersten Abitur letztes Jahr, daher war ich pünktlich um neun Uhr an der Mensa, um diese Erfahrung durch Anschauung beim zweiten Abitur mizunehmen. Allerdings lag die Mensa noch im Dunkeln, offensichtlich hat sich niemand für diesen frühen Zeitpunkt eingetragen und das schülerseitige post-abituriäre Schlafen hatte bereits seinen Siegeszug angetreten. Lange konnte ich aber gar nicht warten, denn ich wollte nach Wachenheim, um der Verabschiedung der FSJ-lerin beizuwohnen. In bisher nicht gekanntem Verantwortungsgefühl, mit viel Engagement, schneller Auffassungsgabe und Geschick im Umgang mit den Kindern hat sie die Arbeit am Standort Wachenheim in diesem freiwilligen sozialen Jahr enorm bereichert. Nun hat sie einen Studienplatz erhalten…wahrlich ein Verlust.

Die Einsichtnahmen in die Abituraufgaben, die im Übrigen sowohl die schriftlichen (korrigierten) Arbeiten, als auch die Unterlagen aus den mündlichen Prüfungen einschließlich deren Protokolle umfassen kann, hielt noch an, so dass ich mein Hineinschnuppern in die Atmosphäre doch noch erhielt. Konzentriert lesende Schüler/-innen blätterten, manchmal kopfschüttelnd ihre Arbeiten durch, hie und da zogen sich Augenbrauen fragend zusammen, die Handys lagen vorne gesammelt auf dem Tisch (keiner sollte seine Arbeiten abfotografieren können) – ansonsten herrschte die Ruhe einer Universitätsbibliothek. Ein ganz besonderer Eindruck!

Eine Rückrufbitte bei der Tageszeitung fand sich dann anschließend in meinem Büro. Mir kam es durchaus seltsam vor, dass sich zur Abiturfeier niemand meldete, wo doch bisher im Vorfeld immer eine Redakteurin anrief oder sich per E-Mail meldete, die Zahlen rund um die Abschlussprüfungen und meine Rede haben wollte. Ebenfalls vereinbarten wir immer einen günstigen Zeitpunkt für den Fotografen. Nichts dergleichen in 2018. Nun die Auflösung: Nicht eine Krankheit bedingte das Fehlen, auch kein Personalmangel, auch keine Überbelastung, nein, man habe die Feier einfach vergessen, wofür man sich aufrichtig entschuldigte. Gut, Schülerzahlen, eine Liste der Preisträger und den Gedankengang meiner Rede konnte ich nachliefern, aber mit einem Foto der Preisträger und der Schülerrede konnte ich nicht dienen, denn alles sollte heute (!) noch in die Redaktion, der Artikel soll morgen erscheinen. Wie schade wäre es für die Absolvent/-innen, wenn gar keine Erwähnung stattfände. Den kleinen vergilbten Ausschnitt vom 12. Juni 1977 aus der „Stuttgarter Zeitung“ mit dem Titel „Das Abitur in der Tasche“ mit der Erwähnung meines Abiturs verwahre ich bis heute in meinem Schreibtisch. Als möglichen Blickfang für einen Aufmacher habe ich wenigstens ein Foto der Tiffany-Arbeit hingeschickt. Na, dann schauen wir mal…

Bereits gestern hatte ich (erstmals und schweren Herzens) das geplante Assembly für die Jahrgänge 7 bis 12 per Durchsage abgesagt. Als ich um 11.05 Uhr noch keine genauen Informationen über Inhalt und Organisation hatte, der Hausmeister nicht involviert war und die Hauptverantwortliche auch noch auf die Kulturfahrt nach Weimar abreiste, war mir die „Kiste“ zu heiß. So bereitet man kein Assembly für 400 Schüler/-innen vor, da müssen so viele Einzelheiten einfach „sitzen“, dass mit vagen Zusagen ohne Verantwortlichkeit eher ein Chaos zu erwarten ist. Nehmt es als Lernanlass, denn die Assemblys stellen durchaus ein Alleinstellungsmerkmal unserer Schule dar, auf das ich immer wieder angesprochen werde und von dem ich stets mit Stolz auf unsere Schülerschaft berichtete. Rein vom zeitlichen Ablauf des Tages gesehen, kam mir dieser Umstand dennoch entgegen und die Schreibtischarbeit erstreckte sich noch weit über den frühzeitigen Unterrichtsschluss am letzten Tag vor den Osterferien hinweg: Ich fand mein Auto, als ich den Heimweg antrat, einsam auf dem leeren Parkplatz vor, nicht einmal der Allah-hopp!-Parkplatz kam angesichts des schlechten Wetters seiner Bestimmung nahe und gähnte leer vor sich hin.

Hatte ich eben die Kulturfahrt erwähnt? Gegen 15 Uhr erhielt ich gestern bereits eine SMS, dass die Gruppe in Weimar gut angekommen sei. Heute erreichte mich ein Foto: IGS-Truppe vor dem bekannten Goethe-Schiller-Denkmal. Herrlich! Die Schüler/-innen seien einfach spitze und hätten zusätzlich zum gestrigen Besuch einer „Hamlet-Aufführung“ und der morgigen in „Candide“ selbständig organisiert, dass sie heute noch dem „Sommernachtstraum“ beiwohnen können – „Nur, weil es ihnen so Spaß macht!“ Herrliche Worte, die ich tief in mich hineinsauge. Überhaupt erfährt diese inzwischen dritte (?) Kulturfahrt während der Osterferien meine Hochachtung bei den betreuenden Lehrkräften, aber auch bei den Schüler/-innen!

Nun also sind die Osterferien angebrochen. Erholt euch alle gut, ladet den Akku für den Endspurt des Schuljahres gut auf, genießt eventuelle Reisen und kommt alle gesund wieder. Ich selbst werde tiefer in die Arbeit des neuen Deidesheimer Turmschreibers eintauchen – seine Frankfurter Poetik-Vorlesungen waren in einer „gebrauchten aber neuwertigen“ Taschenbuch-Ausgabe heute in der Post!

 

Mittwoch, 21. März 2018:

In früheren Zeiten bereitete mir eine kurze Nacht keine Mühe – aber das Älterwerden macht sich wohl auch hier bemerkbar. Fehlender Schlaf erstreckt sich unerbittlich über den nächsten Tag hinweg. Zu Studentenzeiten gingen wir durchaus nachts um zwei Uhr zum „Hades“, eine durchgehend geöffnete Kellerkneipe, welche auch zu diesen späten (oder frühen) Stunden noch mit „Spaghetti Bolognese“ aufwartete. Den fehlenden Schlaf haben wir damals irgendwie kompensiert, vielleicht auch dadurch, dass bei Studenten der Wecker nicht um sechs Uhr klingelte. Heute also die „Rache des Tages für die kurze Nacht“, den ich durchgehend nur im Schongang mit kleinen Augen erlebte. Gerade in der Lernzeit bei den Fünftklässlern, die sich auch noch in den Nachmittag hinein erstreckte, entwickelten die Augenlider eine seltsame Schwere. Dabei hörte ich bei jüngeren Kolleg/-innen, die auch noch die Afterparty besucht hatten, von noch weniger Schlaf…

Der erste Abiturjahrgang hatte uns zur Erinnerung eine bemalte Leinwand mit allen Unterschriften geschenkt, die seither den Flur der Verwaltung schmückt. Das Abitur-Logo des diesjährigen Jahrgangs kommt dagegen mit seinem schwarzen Hintergrund etwas düsterer daher und es fehlen, zum Erstaunen einiger Schüler/-innen, die Unterschriften. Sei’s drum, die Aufgabe der Erinnerung wird auch diese Leinwand meistern – nun sind es schon deren zwei. Ich vernehme den eindeutigen Ruf dieses Leinwand-Duos nach Fortführung (vgl. Einträge vom 31.März und 3. April 2017).

 

Dienstag, 20.März 2018:

Dass dieser Dienstag ein spannender Tag werden würde, war mir natürlich klar – er sollte meine Erwartungen aber weit übertreffen! Zunächst machte ich mich morgens auf in die Stadthalle, wo der Abiturjahrgang letzte Vorbereitungen für die Abiturfeier traf. Ich war schlichtweg neugierig auf die Atmosphäre und hoffte, den einen oder anderen Eindruck des Programms zu erhaschen. Offiziell war ich dort, um die Technik während zur Rede des Schulleiters zu prüfen. Ich habe mich wirklich dazu entschlossen, keine Rede zu schreiben und dann abzulesen. Doch dazu später.

Die Halle war dezent, aber gekonnt geschmückt. Auf den Stehtischen waren immer vier Audiokassetten zu einem kleinen Quadrat zusammen geklebt (Neunziger Jahre), in der offenen Mitte, so hörte ich, sollen am Abend bunt leuchtende Strohhalme einen Blumenschmuck imitieren. Die bekannten Zauberwürfel „rubix cube“ waren in großen Modellen als Blickfang aufgestellt (Hatten die ihre Zeit wirklich in den Neunzigern?). Auf der Bühne waren Oberprimanerinnen dabei, große, in Silberfolie gestaltete Luftballon-Buchstaben zu drapieren, die vor dem schwarzen Hintergrund der Bühne glänzend den Anlass der Feier verkündeten: „ABI 18“. Ich hatte die Fotos, die meine Abiturrede veranschaulichen sollten, auf einem USB-Stick dabei, doch der „Obertechniker“ meinte, ihm wäre es lieber, ich brächte meinen eigenen Klapprechner mit, dann müsse er nur den Beamer „umstöpseln“ und außerdem wisse er nicht, ob der Laptop heute Abend über „Powerpoint“ verfüge – okay, deine Entscheidung.

 

Der Nachmittag ließ immerhin ein wenig Zeit zum Ruhen. Ich wollte rechtzeitig in der Halle sein (Parkplatz erhaschen, Technik ausprobieren, wachsende Spannung erleben, etcetera). Ansonsten harrte ich der Ehrengäste, deren Begrüßung natürlich dem Schulleiter obliegt. War mir aber gerade recht, denn, so hatten mir die Moderatoren des Abends „gesteckt“, nicht sie, sondern ich solle sie in meiner Rede offiziell begrüßen, ich wisse doch die Namen am besten. Welch feine Garderoben nahm ich wahr, lange Abendkleider, hochhackige Schuhe, geschminkte Gesichter, mal dezent, mal für mich übertrieben, dunkle Anzüge, in der Regel liefen Fliegen den Krawatten den Rang ab – alles löbliche Zutaten für eine wirkliche Feier. Den roten Teppich, über den die Reifegeprüften in Formation einlaufen sollten, hatte ich bereits morgens in Augenschein genommen – pünktlich ertönte die Musik und der Zug begann. Die ganze Stadthalle erhob sich klatschend zur Ehrenbezeugung, ich stand hinten (wegen der Technik) und die erste Gänsehaut kroch mir den Rücken hoch beim Anblick dieser langen Prozession von 51 Abiturientinnen und Abiturienten. Einen Sitzplatz erhielt ich vorerst nicht, da die Sitzreservierung für die Ehrengäste schiefgelaufen war, aber ich hatte eh die „Eröffnungsnummer“ zu bestreiten und musste gleich auf die Bühne. Auf was hatte ich mich da eingelassen? Eine Rede vor über 400 Menschen ohne Redemanuskript frei zu halten, erforderte meine volle Konzentration – aufgeregt war ich seltsamer Weise dennoch nicht, denn meine Überzeugung trägt: Was in freier Rede gesagt wird, ist in dem Moment in meinen Gedanken, was sich nicht über die Lippen drängt, ist in diesem Moment eben nicht da – das müsste zu großer Authentizität führen und die Zuhörer mehr ansprechen als ein noch so gut und betont abgelesener Text. Mag sein, dass die Formulierungen durch die schriftliche Niederschrift geschliffener wären, mir ist es wichtiger, glaub- und wahrhaft präsent zu sein. Außerdem habe ich mit mir darin gute Erfahrungen gemacht, größere „Hänger“ sind bei ähnlichen Aufgaben bisher ausgeblieben. Also: Rauf auf die Bühne! Für alle Leser/-innen seien meine Worte hier rekonstruiert. Dennoch: eine gehaltene Rede keine vorformulierte „Schreibe“ ist. Will heißen, dass die Wirklichkeit meiner Abiturrede nur an diesem Abend stattfand und nicht hier stehen kann. Zwar kann ich den Gedankengang jetzt noch niederschreiben, ohne den genauen Wortlaut exakt wiedergeben zu können, aber die Rede hat nur in den Minuten auf der Bühne stattgefunden und konnte auch nur da „erlebt“ werden mit aller Mimik, den Gesten und Betonungen. So oder zumindest so ähnlich drangen meine Überlegungen in den voll besetzten Saal. Nachdem die Ehrengäste (erster Beigeordneter des Landkreises, zwei Verbands- und Stadtbürgermeister, Präsident des Deidesheimer Lionsclubs und die Weinprinzessin der Verbandsgemeinde Deidesheim) begrüßt und meine Glückwünsche zum Abitur ausgesprochen waren, setzte ich in etwa so ein:

 

„Mit dem höchsten Bildungsabschluss, den das deutsche Schulwesen vergibt, habt ihr derzeit den höchsten Wissensstand eures bisherigen Lebens erreicht. Dem kann ich nun kaum etwas hinzufügen. Ich will euch aber dennoch von diesem Abend aus etwas mitgeben. Das kann und soll nichts aus irgendeinem Fach, es kann nur etwas Persönliches sein. Der Punkt, an dem ich einsetze ist dieser Schmetterling. Er schmückt seit über dreißig Jahren mein Arbeitszimmer. Er ist mit der Tiffany-Technik gestaltet, jenem Verfahren, mit welchem bunte Glasstücke durch verlötetes Kupferband zusammen gehalten werden.

Geschaffen hat ihn Farokh Basami, der einer Gruppe assyrischer Christen angehörte, die vor der islamischen Revolution unter Ayatollah Khomeni aus dem Iran fliehen musste und schließlich im Saarland landeten. Ich hatte seinerzeit einen Vertrag beim Caritas-Verband und sollte den Geflüchteten die deutsche Sprache nahebringen. Farokh war im Iran Oberarzt an einer Klinik in Isfahan und saß nun in einem runtergekommenen Hotel am Stadtrand von Saarbrücken fest, wartete darauf, dass sein Asylantrag beschieden wird und hatte ansonsten nichts zu tun. Um nicht verrückt zu werden, wendete er sich jener Tiffany-Kunst zu und schuf immer neue Gegenstände. Ich wollte ihn darin unterstützen und kaufte ihm für alle Geschenke, die ich seinerzeit vergeben wollte, eines seiner kleinen Kunstwerke ab. Irgendwann war der „Markt“ aber gesättigt. Also gingen wir von der selbstverantworteten Vorgehensweise in die Auftragsarbeit über. Gemeinsam erstellten wir eine Vorlage, die Farokh dann ausführen wollte. Auch sie ist seit 1987 Bestandteil aller meiner Wohnungen. Um deren Aussage soll es jetzt gehen.

Ausgangspunkt ist ein Kreis, der von den bunten Glasstücken umrahmt wird. Der Kreis gilt als die vollkommenste zweidimensionale Figur. Sie hat keinen Anfang und kein Ende, kein Hinten und kein Vorne, der Kreis ist umfassend, umschließend, alle seine Punkte sind gleichweit von seiner Mitte entfernt. Allerdings ist weder die Welt, in der wir leben, noch sind wir selbst nur weiß. Wir leben in Dualismen von Licht und Schatten, Zeit und Ewigkeit, Leben und Tod. Auch wir selbst sind beherrscht von solchen gegensätzlichen Aspekten, wie schon Goethe das formulierte: „Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust“. In uns liegen Gut und Böse nebeneinander, Gefühle kämpfen mit dem Verstand, Aggressionen liegen mit mehr ausgleichenden Neigungen im Clinch, weibliche und männliche Anteile wetteifern miteinander. All das müssen wir – und müsst jetzt ihr im „richtigen Leben“ – möglichst harmonisch in eure Person integrieren. Nach meiner Erfahrung sind wir Menschen aber nicht entlang einer gerade Linie strukturiert, welche die eine Seite von der anderen trennt, so ist der Mensch nicht. Viel näher kommt uns die geschwungene Linie, gebildet mit zwei weiteren Kreisen. Harmonisch und unterschiedlich stark sind sie durch Rundung und Spitze ausgeprägt, ausgeglichen wechseln sich hell und dunkel ab, sind die Dualismen, ebenmäßig geschwungen, als „runde Sache“ in uns vereint.

Was ich bisher gesagt habe, dürfte nichts Neues für euch sein. Ich bin aber jetzt an dem Punkt angekommen, den ich euch heute Abend mitgeben will: Weder die weiße Fläche, noch die schwarze Fläche ist nur weiß bzw. nur schwarz. In jeder Figur gibt es den gegenteiligen Punkt. Wenn die weiße Fläche positiv besetzt ist, ist immer auch ein schwarzer Punkt enthalten, ausschließlich gut oder hell sind wir so wenig wie nur schwarz. Wenn die schwarze Fläche für etwas Schlechtes steht, dann gibt es auch darin einen weißen Punkt. Jeder hat ihn, er mag verstellt, verschüttet, verformt oder was auch immer sein: er ist vorhanden! Vielleicht muss man bei dem einen länger graben, bei einem anderen gar tief bohren, bis man ihn findet, aber er ist da! Mag die eine Seite eines Menschen noch so ausgeprägt sein, stets gesellt sich ein gegensätzlicher Punkt dazu – „Reinheit“ gibt etwas weder bei Schwarz noch Weiß. Auch wenn es mir immer wieder schwerfällt, daran festzuhalten: Diesen weißen Punkt im schwarzen Bereich gibt es auch bei Neonazis oder IS-Terroristen – vielleicht am verstecktesten von allen, aber er ist da. Genau wie der schwarze Punkt bei uns allen vorhanden ist. Ihn zu suchen, sich seiner bewusst zu bleiben, schützt uns davor, hochnäsig und überheblich durch die Welt zu wandeln. Er verhilft  uns vielleicht zu so etwas wie Demut, auch im Umgang mit unseren Mitmenschen. Nehmt das von heute Abend mit: Lasst nicht darin nach, bei euch selbst den schwarzen Punkt zu suchen, seid nicht überheblich zu anderen und seid nicht zu bequem, bei anderen den weißen Punkt zu suchen. Die Welt sähe vermutlich besser aus, wenn dies mehr beherzigt würde.

Geht also hinaus in die Welt, werdet zu harmonischen Persönlichkeiten, die es verstehen, möglichst viele Dimensionen in sich zu vereinigen und die heftigen Gegensätze in euch zu beruhigen. Die Erfüllung dieses Weges ist mein größter Wunsch, den ich euch heute mitgeben will. Die optische Umsetzung dieses Symbols des Yin und Yang steht für die Vereinigung aller Gegensätze ist bereits mehrere Jahrtausende alt und stammt aus der chinesischen Philosophie, ist also durchaus menschheitlich anzusehen. Dass dieses Signum heute noch „lebt“, ist sicherlich ein Zeichen dafür, dass es Wahrheit enthält. Macht es zum Maßstab, macht es zum Ziel eures Lebens!

In der Abiturzeitung las ich, dass viele von euch jetzt erstmal verreisen wollen. Ich halte es in der digital globalisierten Welt durchaus für möglich, dass ihr Farokh irgendwo begegnet. Richtet ihm dann viele Grüße aus und sagt ihm, dass seine Arbeit von vor über dreißig Jahren es bis in eure Abiturfeier geschafft hat. Er würde sich sicherlich darüber freuen und seine damals beschädigte Würde in diesem runtergekommenen Hotel bei Saarbrücken könnte wenigstens nachträglich wieder ein Stück hergestellt sein.“

 

Obwohl der Beamer gegen Ende der Rede ausfiel und das Foto meine Worte nicht mehr begleiten konnte, spürte ich eine stille Aufmerksamkeit. Eine mir bekannte  Regel aus der Predigerausbildung besagt, dass die Predigt schlecht ist, wenn sie „totgehustet“ wird. Wenn eine Predigt ankommt, die Zuhörer „trifft“, ist wird es kaum zu einem Hustenreiz kommen. Gemessen daran scheinen meine Worte offene und lauschende Ohren gefunden zu haben, denn ich blickte in ein sehr stilles und lauschendes Publikum. Eine ganze Reihe von zustimmenden und lobenden Rückmeldungen sollte dies im Verlauf des Abends untermauern. Sehr schön!

Was dann folgte, nannte ich später „eine der schönsten Abiturfeiern“, die ich mitgemacht habe. Was da alles an Humor, Können und Verschmitztheit auf die Bühne gebracht wurde, begeisterte mich immer wieder aufs Neue, vor allem deshalb, weil alles „Verhohnepiepeln“, dessen Platz genau eine solche Feier ist, von einer durchgehenden Wertschätzung geprägt war. Das trifft auch zu für die gekonnt inszenierten Lehrerparodien oder die Erinnerungen an die Oberstufenzeit, sei es im Sketch oder in einem gekonnt geschnittenen Film. Wie sehr meine „Aufnahmekanäle“ genutzt wurden, spürte ich auch darin, dass sich das mir bis dato unbekannte Abschlusslied „Ab in den Süden“ mit dem Bild der vielen fröhlichen und befreiten Gesichtern der tanzenden Abiturient/-innen und Abiturienten noch Tage danach in mir wach bleiben sollte. Nicht unerwähnt lassen möchte ich ein Bonmot: Der kleine Schulkanon wurde im Programm zu einem neuen Zenit emporgeführt. Als „running gag“ betrat immer wieder einer der Oberprimaner die Bühne, hatte eine Krawatte umgebunden, einen schwarzen Hut auf und sang, die Gitarre umgehängt: „Jeder kann was prima machen!“ Herrlich! Auch in der Schülerrede war von ihm die Rede mit dem Tenor: So oberflächlich ist das Lied gar nicht. Da stecken doch viele Bezüge zum Menschenbild und zur Schule drin. Einfach wunderbar!  

Irgendjemand muss das Licht ausmachen, so dass sich meine „After-Show-Party“ in einer schönen Viererrunde noch etwas länger in der Stadthalle erstreckte, die Absolventen waren längst in einen nahegelegenen Keller entschwunden, zum Teil mit gemütlicheren Kleidern, die hochhackigen Schuhe in der Hand tragend und bequemeres Schuhwerk an den Füßen. Noch lange besetzten Bilder und Emotionen meine Gedanken – nach solch einer ergreifenden Feier dauert das Einschlafen naturgemäß etwas länger und deren Intensität setzte sich bei mir dann auch noch in den Träumen fort.

 

Montag, 19. März 2018:

Okay, dann muss ich doch nach Wachenheim. Eigentlich wollte ich in Deidesheim beginnen, denn meine heutige Musikklasse begann mit dem Medientag. Ein externer Referent war eigens geholt worden, um den Kindern die Gefahren und den eigentlichen Nutzen der Mobiltelefone und „Netz-Geschichten“ zu erläutern. Allerdings fiel der Stufenleiter durch Krankheit aus, aber jemand aus der Schulleitung sollte schon anwesend sein zur Begrüßung und für „dies und das“ bei der Technik. Zusätzlich fielen eine weitere Lehrkraft und die Sekretärin aus – ein „verwaister“ Standort geht gar nicht. Natürlich benötigte der Referent das Notebook an anderer Stelle als vorgesehen und es musste ein längeres Netzkabel her, dazu eine Mehrfachsteckdose – eben der berühmte Teufel im Detail und die Bestätigung dafür, dass es gut war, dort zu sein. Nach einigen hektischen Minuten war aber alles geklärt, alle Klassen versorgt, der Referent begrüßt und es herrschte Ruhe auf den Gängen, weil alle in ihren Unterrichtsräumen arbeiteten. Getrost konnte ich jetzt den Standortwechsel in Betracht ziehen.

In Deidesheim machte ich mich dann daran, die versprochene Statistik um das Abitur herum zu erstellen. Folgende Daten haben sich daraus ergeben: 51 Schüler/-innen waren zur Abiturprüfung zugelassen, 29 davon hatten die IGS ab der fünften Klasse durchlaufen, 22 kamen in Klasse elf von extern dazu. Der Durchschnitt aller bestandenen Prüfungen liegt bei 2,6, den sechs nicht bestandenen Prüfungen stehen vier gegenüber, deren Schnitt sich mit der eins vor dem Komma auszeichnet. Von allen erfolgreichen Schulabgängern war bei 71% beim Wechsel von der vierten in die fünfte Klasse das Abitur nicht prognostiziert. Insgesamt also ein Ergebnis, das mit dem letztjährigen durchaus vergleichbar ist. Für die Schule wurde damit insgesamt erneut deutlich: Unsere Augenmerk besteht nicht darin, Spitzenleistungen hervorzubringen mit reihenweise „Einser-Abituren“. Unsere pädagogische und fachliche Arbeit liegt im Fördern und Heranführen von Schüler/-innen, die nicht geradlinig auf den höchsten Bildungsabschluss „programmiert“ sind, weil diese eben von Anfang an, also nach der Grundschule, den Weg zum Gymnasium einschlagen. Das Ergebnis sandte ich ebenfalls zur Information an die beiden Schulaufsichten und erhielt prompt die Antwort: „Der gesamten Schulgemeinde vielen Dank für die geleistete pädagogische Arbeit und herzlichen Glückwunsch zum Abiturergebnis."

 

Sonntag, 18. März 2018:

Natürlich lässt mich die Nachricht des neuen Turmschreibers nicht los und ich habe im Netz bereits verschiedene Rezensionen nachgelesen, stieß dabei auch auf einige Videos mit Gesprächen. Ganz langsam konnte ich mich von weitem bereits an Gedankengänge und Hintergründe dieses für mich neuen Autors annähern. Bevor ich da aber tiefer einsteige, will ich noch das Thema „Heimat“ bzw. Edgar Reitz tagebuchmäßig abschließen. Inzwischen genoss ich auch den quasi vierten Teil, den Kinofilm „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“, habe mir die DVD-Edition mit seinem Frühwerk besorgt und angeschaut, habe viel über den Autorenfilm erfahren und habe zwei weitere Bücher von und über Edgar Reitz gelesen. Weit über den Begriff „Heimat“ und den Filmroman hinaus, habe ich dabei eine Menge über das Filmhandwerk und –geschäft gelernt, von Lichteinstellungen, Kameraführungen und vom Alltag einer solch großen Filmproduktion. Für diese Notizen hier kamen mir dabei einige Parallelen in den Sinn – und um diese soll es jetzt abschließend gehen. 

Als erstes will ich den Zusammenhang zwischen dem On und dem Off beim Film (und wohl auch bei der Fotografie) anführen:

„Jeder, der ein Bild anschaut, wird spüren, dass der Ort, an dem sich etwa eine abgebildete Frau aufhält, nicht dort abbricht, wo das Bild abgeschnitten ist. Es gibt eine Welt außerhalb dieses Rahmens […] Jeder Mensch würde auch an ihrem Gesicht erkennen: da ist ein weiterer Mensch, auf den sie sich bezieht, sie ist nicht allein. Es gibt Raum um sie herum, aber dieser Raum ist im Moment nicht zu sehen […] Filmisches Erzählen handelt immer von diesem Spannungsfeld zwischen dem On und dem Off. Die Fantasie des Zuschauers wird natürlich aktiv sein, über den Bildrahmen hinaus zu ergänzen und zu empfinden, was da ist […] Diese Erkenntnis hieß für mich eines Tages: Nicht die Bilder, die wir präsentieren, sind der einzige und wichtigste Stoff, sondern das Off um die Bilder herum muss ich erfinden oder erzählen. […] Jedes Bild hat ein Off und dieses Off verspricht manchmal viel aufregender, emotional aufwühlender zu sein als das, was wir sehen“ (Thomas Koebner, Edgar Reitz erzählt, München 2008, S. 155f, Hervorhebungen i.O.).

„Seine Bilder [gemeint ist der Kameramann Gernot Roll, Anm.d.Verf.] haben immer wieder diese Faszination, dass sie eine Welt beschreiben, die sich nach allen Richtungen fortzusetzen scheint. Also Ausschnitte, die sich nicht absolut setzen wollen, die nicht kompositorisch den Rahmen der Kameraeinstellung füllen“ (Edgar Reitz, Drehort Heimat, Frankfurt am Main 2004, S. 91).

 „Das Unsichtbare, das die Kamera nicht abbildet, entzieht sich nicht dem Zugriff der Filmkunst. Man muss nur das Spiel mit dem Onund dem Off beherrschen. Die gezeigten Bilder müssen so stark sein, dass sie das Off miterzählen“ (ebda. S. 175).

Wenn ich in diese Textausschnitte von Edgar Reitz den Begriff Bild durch den Begriff Schüler/-in ersetzen würde und das On als die (wenigen?) Stunden in der Schule begreifen würde, dann wäre alles, was diesem Schüler/dieser Schülerin im Off widerfahren ist, das viel interessantere. Wir kennen unsere Kids nur innerhalb des (Bild-) Rahmens der Schule. Sie kommen alle mit einer Geschichte in die Schule, die lange vor der Schulzeit bereits begann. All das Erlebte bringen sie tagtäglich mit in ihrem persönlichen Ranzen, erlebte Freuden, widerfahrenes Leid, Angst- und Verlusterfahrungen ebenso wie Momente des Glücks. Das hat sie geformt und formt sie noch immer, weil sich eine Familien- oder Lebensgeschichte in der Regel nicht überlebt. Der ganze Packen muss sich dann der neuen Situation in der Schule anpassen, ohne dass die Angst überwunden, ohne dass Verlassenheitsängste, ohne dass erlittenes Leid be- oder gar verarbeitet sind – in der Filmsprache hieße das: Wir sehen nur den kleinen Ausschnitt in sechs Stunden des On, dass das meiste im Off geschehen ist und weiter in das On hineinwirkt, bleibt schwer im Bewusstsein zu halten. Auf keinen Fall dürfen wir dieses On des Schultages als absolut setzen. Immer und zu jeder Zeit ist das, was wir von den uns Anvertrauten kennen und erleben, nur ein (im zufälligen Rahmen der Kamera „Schule“) abgebildeter Teil. Menschen, Kinder zumal, sind ein großes Geheimnis, ihre Persönlichkeit ist einzigartig und kann nicht innerhalb einer insgesamt doch kurzen Zeitspanne der Schulzeit gewürdigt werden. Daher ist für mich jeder Wandertag ein Gewinn deshalb, weil wir Schüler/-innen einmal in einem neuen Kontext erleben dürfen. Oft sind wir erstaunt, wie anders wir sie (und sie wohl auch uns) kennen lernen, weil immer mal wieder Teile aus dem überdimensionalen Off aufblitzen, das in der Schule vermutlich nicht vorkommt, das aber in jedem Verhalten, in jeder Minute mit an der Schulbank sitzt und seine Wirkungen und Folgen in allem, was im Klassenzimmer und darüber hinaus geschieht, ausstreckt. Gemäß dem obigen Zitat, müsste die Schule (das On) so stark sein, dass es das Off mit abbildet, sprich: Wir müssen die Kindern so „stark“ begleiten, dass das Off mit erreicht wird. Ich würde gar so weit gehen, dass das Off nicht nur mit berücksichtigt werden soll. Im Grunde müssten wir, auch und gerade, dort durch Orientierung Halt vermitteln. Ein klein wenig dieses Offs können wir in den Schüler-Eltern-Lehrer-Gesprächen kennen lernen. Immer wieder hörte ich von erstaunten Tutoren, was da in den dreißig Minuten alles zum Verständnis ihrer Schüler/-innen zum Vorschein kam. Das verändert den Blick voneinander, beeinflusst das Umgehen miteinander und hat das Zeug zu einem ganzheitlicheren Verständnis von Schule. Und das gilt in gleichem Maße auch für die Lehrkräfte, was mich zu der zweiten Analogie führt. Über die große Zustimmung und Begeisterung über die Heimat-Serien in Italien schreibt Reitz:

„[…] ich habe gelernt, dass der Weg zum Verständnis anderer Menschen immer über das eigene Verständnis führt: Wenn ich mich selbst verstehe, werde ich verstanden“ (Thomas Koebner, Edgar Reitz erzählt, München 2008, S. 174, Hervorhebungen i.O.).    

Wie wahr ist das auch für die Schule. Auf welche Weise wir unsere Schüler/-innen verstehen, auf welche Weise wir mit ihnen umgehen, ja ich behaupte sogar, auf welche Weise Unterricht stattfindet, all das hat seinen Ursprung im Inneren der Lehrkraft, es sind die eigenen Verstrickungen im Off auch der Lehrerbiografie, die den Alltag beeinflussen. Gerade dann, wenn es stressig wird, kommt es darauf an, wie sehr sich die Lehrkraft selbst versteht, wie sehr sie bei sich selbst angekommen ist, wie sie die eigenen Ecken, Kanten und Dunkelheiten kennt und sie zu integrieren weiß. In unzähligen Konflikten schien mir das der heikelste Punkt zu sein. Näher ausgeführt habe ich das auch in „Deshalb IGS“ (S. 153ff). Will heißen: Machen wir uns auf den (oft steinigen) Weg zu uns selbst, dann werden wir das Miteinander mit Kindern und Jugendlichen, gleichzeitig auch mit Erwachsenen verständnisvoller, konfliktfreier und damit humaner gestalten können. Und ein letztes will ich anmerken, weil mich auch dies in die Schule führt: der Begriff der Menschlichkeit: 

„Ich schaue den Leuten [aus dem Hunsrück, Anm.d.Verf.] ins Gesicht, ich finde ihr Verhalten zum Weglaufen, aber ihre Augen, ihre Redlichkeit, ihre Lieblichkeit sind zum Umarmen. Es wird mir immer klarer, dass ich von ihnen abstamme, und dass ich als Kind einer von ihnen war und meine Schwester eine von ihnen ist und mein Bruder, und dass jeder von ihnen auf eine Ähnliche Weise gleichzeitig zum Weglaufen ist und zum Umarmen. Diese Ambivalenz ist für mich der eigentliche Grund zum Erzählen. Wie soll man anders Menschlichkeit beschreiben? Wenn ich die Menschen wegen ihrer guten Eigenschaften als liebenswert darstelle, fange ich an zu selektieren. Aber eine Haltung, die selektiert, verwandelt sich ins Unmenschliche. Zum Begriff des Guten gehört der Begriff des Bösen und wir müssen uns zwischen zwei moralischen Urteilen entscheiden. Ob wir unsere Mütter und unsere Väter lieben, unsere Geschwister oder die Freunde, das ist keine Frage von Gut und Böse, sondern eine Frage der Menschlichkeit, und die verlangt einen sehr schwer beschreibbaren Respekt vor den Personen. Die Person ist etwas Unteilbares und Unerklärbares und offenbart eine Kontinuität in sich. Selbst das Baby, wenn es geboren wird, ist eine Person und zeigt bestimmte Wesensarten. Wenn man danach beurteilt, ob es sich ordentlich verhält oder nicht, wird man es nie menschlich behandeln […] Wenn man so vorgeht und den Ausgang der Handlung danach ausrichtet, dass die Guten gewinnen und die Schlechten untergehen, wie es der amerikanische Film permanent vorführt, verweigert man sich letztendlich der Erkenntnis des Menschlichen. Die Begriffe Gut und Böse sind ideologisch. Liebe aber kann nur gedeihen, wenn sie von jeglicher Ideologie frei gehalten wird“(Thomas Koebner, Edgar Reitz erzählt, München 2008, S. 145f, Hervorhebungen i.O.).    

Bereits beim ersten Lesen dieser Sätze meldete sich in mir die Frage: Wie gehen wir mit den menschlichen Ambivalenzen um? Schlagen wir uns nicht, urteilend oder  beurteilend, auf die eine oder andere Seite? Bringt dies unser Beruf mit sich? Wie oft beurteilen wir nicht nur Leistungen, sondern auch Verhalten? Unsere Schulform will ja gerade nicht selektieren, aber halten wir dies im Alltag durch? Wie oft spielen erzieherische Ideologien eine Rolle im Umgang mit Schüler/-innen? Lasst uns doch Schule menschlicher gestalten durch Begegnungen zwischen wahrhaftig agierenden Menschen. Darin werden die Kinder und Jugendlichen durch ihre wesentlich kürzere Zeit der Erfahrung immer einen Bonus bei mir haben. Nun nähere ich mich langsam einem Alter, bei dem das auch für jüngere Kolleg/-innen gelten muss. Dennoch mute ich ihnen, durch ein Studium hoffentlich in die Lage des Nachdenkens versetzt, ein Mehr an Reflexion der eigenen Person zu. „Fertig“ werden wir damit wohl nicht, es bleibt, so meine Erfahrung, eine lebenslange Aufgabe. Aber eine menschlichere Schule scheint mir diese Zeitspanne zu rechtfertigen.

Damit will ich das seit November mich umtreibende Thema „Heimat“ und seine Ausläufer zur Ruhe kommen lassen. Szenen, Bilder und Stimmungen aus den Filmen werden mir lebendig bleiben, weil sie sich auch immer wieder und immer noch in den Alltag schieben, Gedanken von Edgar Reitz werden mich weiter begleiten wie auch die Lust, das Wirken dieses einmaligen Autorenfilmers weiter zu verfolgen.     

 

Freitag, 16. März 2018:

Zu den Amtsgeschäften eines Schulleiters gehört unter anderem das Unterzeichnen der Abiturzeugnisse. Quasi Blatt für Blatt ging der gesamte Jahrgang über meinen Tisch, mit vielen Namen, die ich sehr wohl erinnerte, und mit vielen „Geschichtchen“, die mir zu einzelnen Schüler/-innen aus den Jahren und aus den Prüfungen meine Gedanken beherrschten. Auch die Urkunden für besondere Leistungen in einzelnen Fächern oder für einen besonderes Engagement für die Schule mussten ebenfalls noch signiert und die dazugehörigen Rechnungen nach Spendern sortiert und  zusammengestellt werden. Das Programm für die Abiturfeier durchlief den Kopierer und die „digitale Version“ des Schulkanons („Nachtigall, ick hör dir tapsen“) sollte ich noch an das Vorbereitungsteam übermitteln.  

Nach der vierten Stunde war dann für alle heute Schluss, diejenigen aus dem Kollegium, die wollten, gönnten sich, vom Personalrat vorbereitet, eine Weinwanderung durch die Lagen Deidesheims mit anschließendem gemeinsamen Essen. Auch das gehört zu einem lebendigen Kollegium dazu. Die Wanderung und die Weinverköstigung fanden dann allerdings, wetterbedingt, in der Schule statt, zu viel Feuchtigkeit von oben bedingten diese Umstellung.

 

Donnerstag, 15. März 2018:

Verwundert fuhr ich heute Morgen die Schule an – kein Parkplatz abgesperrt, keine Besonderheiten zu sehen und nichts Auffälliges im Busch. Dabei wusste ich doch, dass heute der Abistreich stattfinden sollte. Dann erfuhr ich: Er startete erst nach der Pause in der dritten und vierten Stunde. Ein Bereich wurde im Lauf der ersten Stunde mit Baustellenbändern abgesperrt, die aus Wachenheim abgeholten Bühnenteile wurden zu einem Podest gestellt und die Sessel aus dem Aufenthaltscontainer am Rande aufgestellt. Mit den flotten Klängen zu „Cottoneyed Joe“ über die Sprechanlage wurde die Deidesheimer Schülerschaft noch vor dem Gong in den Hof gelockt, viele Arbeitsblätter (der Oberstufe?) flogen durch die Klassenzimmer und durch das Treppenhaus – offensichtlich ein erlösender Akt der Befreiung. Mit Namen der „Teletubbies“ wurden vier Lehrerteams gebildet und dann startete die Spielshow. Bei falschen Antworten wurden die Pädagogen unter Johlen der zuschauenden Pennäler mit Spritzpistolen nassgespritzt – gute Stimmung, schöne Spiele, keine ausfälligen Bemerkungen gegen Lehrkräfte, eine schöne Atmosphäre. Ein zuverlässiger Abiturjahrgang verlässt die Schule: Der gesamte „Spielraum“ war zur fünften Stunde gereinigt und aufgeräumt. Klasse!

Schnell, schnell – ich benötigte noch Zeit für den Gliederungsplan, der heute bis 12 Uhr hochgeladen werden musste.

Am Abend tagte der Schulelternbeirat. Er hatte den neuen Bauamtsleiter des Kreises geladen, der zum Stand des Neubaus die neuesten Informationen mitteilen sollte. Zwar ist immer noch nicht klar, wann der Bau beginnt, aber deutlich wurde, dass sich im Hintergrund vieles tut. Aktuell warte man auf den beantragten Termin im Ministerium, denn eine schnelle Lösung könne nur politisch gefunden werden. Die Terminanfrage sei bereits vor zwei Wochen gestellt worden, man warte nun täglich auf Antwort. Die (An-)Spannung in der Elternschaft steigt, denn es geht um vergleichbare Bildungschancen. Auch in der Abiturzeitung las ich an mehreren Stellen bei der Frage nach dem größten Rätsel der Schulzeit: „Wann kommt der Neubau?“.

 

Mittwoch, 14. März 2018:

Die allmorgendliche Lektüre der Tageszeitung hielt eine schöne Überraschung bereit: Es wird wieder einen Deidesheimer Turmschreiber geben. Der Stiftungsrat hat Andreas Maier ausgewählt, immerhin ein Autor eines angesehenen Verlages, der bereits eine Reihe anderer Preise verliehen bekommen hat. Nach der letzten Preisträgerin im Jahr 2009 „…wieder ein deutlich anderes Kaliber“ (DIE RHEINPFALZ, Nr.62 vom 14.März 2018). Meine Absicht (vgl. dazu die Einträge Anfang Mai 2017), den Turmschreiber mit der Schule zu verknüpfen, begann ich gleich mit zwei Aktivitäten: Zum einen bestellte ich mir selbst drei Bücher von Andreas Maier, um ihn besser oder überhaupt kennen zu lernen, zum anderen informierte ich die Fachkonferenzleiterin Deutsch darüber und stieß auf offene Ohren. Das kann ja ein reizvolles Projekt werden!

Apropos Projekt: Ein weiteres wurde mir heute vorgestellt. Über private Kontakte einer Familie zu einem Arzt, der sich in Äthiopien engagiert, hörte ich heute von einem rührigen Schüler unserer Schule, dass dort eine Schule errichtet werden soll. Für die Schüler/-innen in diesem „Armenhaus Europas“ sollen Ranzen und Utensilien gesammelt werden, die dann direkt an Ort und Stelle zu den Bedürftigen gebracht werden sollen und damit ohne „Reibungsverluste“ ihr Ziel erreichen werden. Wie machen wir das bekannt? Wie wollen/können wir das organisieren? Wie ist die Zeitschiene? Was sind die ersten Schritte? Wäre das traumhaft: Ein Schüler bringt sich ein und es entsteht ein größeres Hilfsprojekt – auch das ist Schule!

 

Montag, 12. März 2018:

Wir mussten unsere Choreografie zu dem Forster-Lied mal endlich auf einer größeren Fläche proben. Die Enge des Klassenzimmers lässt die Schritte und Abstände, die wir im Sommer auf der Bühne haben werden, nur bedingt erahnen. Also gingen wir heute in die Gymnastikhalle, „steckten“ ungefähr die Bühne ab und legten los. Da ist in einigen Stunden mit der Klasse etwas Schönes entstanden, auf das die Schüler/-innen stolz sein können und Freude in der Erinnerung behalten werden. Immer noch kommen Veränderungsvorschläge oder ergänzende Bewegungen hinzu – „fertig“ sind wir also immer noch nicht. Aber ich frage mich, was der Fokus sein soll: eine Aufführung von „Laien“ oder Perfektion.

Das Abitur nachbereitende Gespräche fanden heute statt. Zum einen für die Schule: Wie ist es gelaufen? Wo tauchten weitere Verbesserungsvorschläge auf? Woran lag es, dass wieder einige nicht bestanden haben? Können wir da nachjustieren? Auch ein erstes Elterngespräch war dabei. Nehme ich die Erfahrungen „meiner“ Prüfungen hinzu, könnte vielleicht mehr Training mit Hinweisen zur Gestaltung gut tun. Dem einen oder anderen Prüfling könnte damit Druck und Angst verringert werden, bei anderen wiederum die Ernsthaftigkeit stärker betont werden, immerhin geht es um den höchsten Schulabschluss des Bildungssystems, der auf Leistungen beruht. Da kann oder muss man schon mal aktiv „aus seiner Ecke“ herauskommen!

Zwischendrin, aber hoch konzentriert, stand immer noch die Bearbeitung des nächsten Gliederungsplanes an. Wieder sind Neuerungen zu beachten und viele Zahlen zu berechnen, zu prognostizieren, gegenzurechnen und einzutragen. Am Donnerstag muss er hochgeladen werden. Immerhin habe ich den Örtlichen Personalrat bereits frühzeitig eingebunden, so dass hier schon mal eine Verbesserung zu konstatieren ist.

 

Freitag, 09. März 2018:

Eigentlich sollte ich heute einer Reihe weiterer Prüfungen vorsitzen, doch am zweiten Prüfungstag liegen immer „Fallschirmprüfungen“, die zur Sicherheit zum Punktesammeln angemeldet werden. Durch gute Prüfungen hatten einige Abiturient/-innen ihre Prüfung bereits durch die notwendigen Leistungen vom Vortag in der Tasche und haben die Zusatzprüfungen abgemeldet – oder (die schlechtere Variante) hatten keine Möglichkeit mehr, die Prüfung zu bestehen. Daher reduzierte sich auch mein heutiger Einsatz, so dass ich zwei Prüfungen in katholischer Religion vorsitzen durfte (mit mir bekannten Themen wie „Eschatologie“ und „Gutes Handeln unter dem Anspruch des Christseins“ mit Namen wie Epikur, Kant, Leibnitz, Kushner). Neben der gestrigen Deutschprüfung natürlich bekanntes Terrain für mich, sowohl von Studienerinnerungen her als auch durch Unterrichtspraxis an meiner ehemaligen Schule.

Richtig gespannt war ich auf die erstemündliche Abiturprüfung bei uns an der Schule  im Fach Darstellendes Spiel. Hatte ich vor vier Jahren das Vergnügen den Prüfungsvorsitz zur Erlangung der Lehrerlaubnis zu übernehmen (vgl. dazu den Eintrag vom 14. Februar 2014), konnte ich heute nun die damaligen Themen in der Praxis erleben. Erarbeitung eines Inszenierungskonzeptes für einen Szenenausschnitt von Goethes „Faust“ im Stil der Theorie Stanislawskis und Erarbeiten einer Bühnengestaltung als Präsentation mittels Overheadfolien, Vorbereitung einer „physischen Handlung“ zur Rolle Gretchens (Juhu, nochmal der „Faust“) mit Präsentation und noch eine herrliche Aufgabe: Erläuterung von Szenenfotos aus realen Inszenierungen von Shakespeares „Hamlet“ hinsichtlich des Begriffes „Regietheater“ und Analyse des „theatralen Codes“ im Hinblick auf eine Inszenierungsidee. Auch bei dieser Prüfung reichte die erzielte Punktzahl nach der dritten Zusatzprüfung aus, um das Abitur letztendlich zu bestehen – ein versöhnliches Ende. Wer auch immer Zweifel an der „Oberstufentauglichkeit“ des Faches Darstellendes Spiel hegte – er oder sie wurde heute bravourös eines Besseren belehrt. Wie reichhaltig war diese Prüfung doch gestaltet, welch tiefgreifende Inhalte in allen Anforderungsbereichen waren nicht darin enthalten! Faszinierend. Parallel zu dieser Prüfung lief das diesjährige Abitur bei einer weiteren Geschichtsprüfung mit der vollen Punktzahl fünfzehn als Ergebnis über die Ziellinie, erste Sahne!

Wir können also festhalten: An der IGS Deidesheim/Wachenheim wurde nun zum zweiten Mal erfolgreich eine Abiturprüfung durchgeführt, auch wenn nicht alle Prüflinge den Abschluss geschafft haben. Alles hat erneut zur vollsten Zufriedenheit funktioniert, einiges besser als beim ersten Durchgang im vergangenen Jahr. Für eine statistische Auswertung ist es noch zu früh, da mir die notwendigen Zahlen fehlen. Ich werde sie mit einer zusätzlichen Deutung nachreichen.

 

Donnerstag, 08. März 2018:

Das zweite Abitur unserer Schulgeschichte begann heute am Weltfrauentag. Kaum einer hat es bemerkt. Ist dieser Tag in der aktuellen Gedankenwelt verblasst? Mein Start ins „Abitur zwei“ begann gleich morgens um 8 Uhr mit einer kniffligen Situation: Ein Schüler hatte beim schriftlichen Abitur nicht die notwendigen Punkte erzielt. Er hatte jetzt die Möglichkeit, durch eine mündliche Nachprüfung im Leistungskurs Geschichte die fehlenden Punkte aufzuholen - sprich: er musste eine alles entscheidende Prüfung ablegen. Erzielt er die notwendige Punktzahl, kann er weitermachen, wenn nicht, wäre der Start ins mündliche Abitur gleich auch das Ende des gesamten Schulabschlusses.

Die alte „Predigt“ hört nicht auf, aktuell zu sein: in mündlichen Prüfungen muss man sprühen, muss man Leidenschaft zumindest glaubhaft vorführen, „Zähne auseinander“ und reden, reden, reden. Leider war dies in meinen zwanzig ersten Abiturminuten 2018 nicht der Fall. Bei einem Quellentext, der die Auseinandersetzung des Staates mit der RAF im  Jahr 1977 im so genannten „heißen Herbst“ thematisierte, ereilte mich eine seltsame Erkenntnis: Was ich noch selbst miterlebt habe, ist bereits Gegenstand einer Geschichtsprüfung! Aber auch in diesem zweiten Themenbereich tauchten keine Wortkaskaden auf, spürten wir keinen Biss am Thema und eine eigenständige Aktivität war kaum zu bemerken. Wenn erstmal Nachfragen von Seiten der Prüferin notwendig sind, weil nach wenigen Minuten das Reden versiegt – auch das eine wichtige Grundregel für mündliche Prüfungen – dann ist die Sache schnell enggeführt und das Rudern nimmt zwangsläufig zu. Das Punktesammeln hat also hier nicht funktioniert, gleich die erste Prüfung in den Sand gesetzt, das zweite Abitur an der IGS startete für alle an dieser Prüfung Beteiligten mit einem „Nicht bestanden“! Etwas besser wurde es bei zwei weiteren Geschichtsprüfungen, die allerdings auch im Grundkursbereich angesiedelt waren. Dennoch hätten auch diese meines grundsätzlichen Rates bedurft, den ich immer wieder „meinen“ ehemaligen Abiturienten mitgab: Wenn die Prüfung bei zwei Themen auf 20 Minuten konzipiert ist, beginne mit deinem starken und richte dich darauf ein, zunächst einmal möglichst zehn Minuten zum Thema zu reden. Wenn du nach drei Minuten fertig bist, läuft schon etwas schief, der Prüfer muss übernehmen und du hast die Prüfung nicht mehr in der Hand. Nicht viel anders in den darauf folgenden Mathematikprüfungen. Beim Thema „Analysis“ ging es wieder um den Zulauf zu einem Staubecken, bei welchem der Graph vorgegeben war. Eine herrliche Erkenntnis: Ich konnte aufgrund der letztjährigen Prüfung die halbe Aufgabe selbst lösen. Welche Freude! Die notwendigen Punkte wurden erreicht, aber auch drei dieser Prüfungen litten unter dem Redemangel der Prüflinge. Bis zur vierten – und die war dann einsame Spitze! Auch hier ging es um Bestehen oder Nicht-Bestehen des gesamten Abiturs. Da präsentierte sich wortgewaltig, selbstbewusst und mit Folien und Unterlagen souverän agierend, eine Schülerin, die im Stoff zu Hause war, die Fachbegriffe verwendete, die Lösungen parat hatte. Wenn dann mal eine Pause entstand, in der die Prüferin „nachlegte“, kam sofort die richtige Fortführung – ein Glanzstück an Prüfung! Ich hätte sie im Nachhinein gerne auf Video gebannt, um sie allen künftigen Prüflingen als beispielhaft vorzuführen. Genau, wie hier wieder einmal vorgeführt, bestreitet man eine mündliche Prüfung! Auch oder erst recht dann, wenn man – wie es hier der Fall war – ansonsten gar keine „Einser-Schülerin“ ist. Und welch ein Glück: Es war nicht die einzige Prüfung, die an diesem ersten Tag die Note „sehr gut“ einbrachte, ich hörte von weiteren Vierzehn- Punkte-Prüfungen“!

Am Nachmittag hatte ich dann tatsächlich etwas Luft, um noch als Zuhörer einer Prüfung im Leistungskurs Deutsch beizuwohnen. Endlich kam ich zu Goethes „Faust“, ebenfalls zu Büchners „Woyzeck“ – zwei herrliche Themen, die ich quasi aufsaugte und die einen für mich schönen Abschluss des ersten Tages darstellten.

 

Dienstag, 06. März 2018:

Der wichtigste Punkt heute war zweifellos die Dienstbesprechung zum zweiten Abitur. Die erwähnte Ruhe und größere Gelassenheit, von der ich bereits schrieb, erstreckte sich bis heute in die Mensa und war zum Greifen spürbar. Fast alle waren im letzten Jahr an der ersten Abiturprüfung irgendwie beteiligt und alle hatten diesen „Brocken“ gemeinsam gestemmt. Vermutlich breitete diese Erfahrung sich zu einer Gewissheit aus: Wir wissen, was auf uns zu kommt und haben es bereits einmal bewältigt. Ich nahm es faszinierend in mich auf, wie ein Kollegium als Ganzes lernen und reifen kann! So hatten viele Einzelheiten, die wir heute hörten, eher den Status der Auffrischung, nicht so sehr den der Neuigkeit. Wenige Feinheiten wurden im Ablauf aus den letztjährigen Erfahrungen verändert, lediglich kleine Häkchen gerade gebogen. So in etwa stelle ich mir die Atmosphäre bei einer Fußballmannschaft vor einem wichtigen Spiel in der der Kabine vor. Freudige Anspannung auf das kommende Spiel. Ich ging mit der Gewissheit aus der Mensa Richtung Büro: Das wird gut laufen, ein wohliges Gefühl. Es werden noch Ecken und Kanten kommen, die wir bewältigen müssen. So haben wir etwa bisher bekannte Krankheiten von Prüfer/-innen schon eingearbeitet, für andere Eventualitäten bereits einen Plan B in der Tasche. Also, das wird gut werden! Anders als meine Stimme (oder nur die noch belegten Stimmbänder?), die sich der Beanspruchung auch heute noch nicht gewachsen zeigten. Daher genoss ich das frühere Ende. Es tagten im Anschluss noch einige Arbeitsgruppen, denen ich aber nicht angehöre. So schlug ich den Weg nach Hause ein.

 

Montag, 05 März 2018:

Zum lädierten Knie gesellte sich eine Infektion der Atemwege, was den Arzt veranlasste, mir eine Woche Bett- bzw. Couchruhe zu verordnen. Zusätzlich gut fürs Knie, auch gut für die Nase, aber schlecht für die Schule. Dennoch verlief alles im „grünen Bereich“, gut funktionierende Teamarbeit kann in solchen Situationen Vieles auffangen. Eine sehr schöne Rückmeldung erhielt ich per Mail, denn natürlich war ich ja nicht „aus der Welt“:

„…Du fehlst hier - gar nicht wegen irgendwelchen sachlichen Dingen, die laufen inzwischen auch ohne dich, da musst du dir gar keine Sorgen machen. Aber die Atmosphäre ist anders, deine Stimme und deine Stimmung fehlen - komm einfach bald wieder gesund zu uns!“

Das tat ich dann auch heute und startete gleich mit zwei Musikstunden in Wachenheim. Die Choreographie zu Forsters „Sowieso“ ist inzwischen fast fertig. Erstmals versuchten wir den zweiten Teil mit den von mir bestellten aufblasbaren Instrumenten, die inzwischen bei mir angekommen waren: vier Gitarren, acht Saxophone und sechs Clownstrompeten. Sieht schon ganz gut aus. Natürlich müssen wir weiter an Einzelheiten feilen, auf Genauigkeit und synchrone Bewegungen achten. Machte aber echt Freude, wenn auch die Stimme als Wiedereinstieg bereits nach den beiden ersten Stunden angespannt krächzte. In Deidesheim erwarteten mich die Nachträge der Krankheitswoche, vor allem eine reichlich angefüllte Unterschriftsmappe, die es zunächst durch zu ackern galt und die einige Folgearbeiten nach sich zog. In der nachmittäglichen Schulleitungsrunde, sie war auch nach meiner Rückkehr nicht vollständig besetzt, meldete die Stimme dann doch langsam den „roten Bereich“ an – war für einen ersten Tag auch recht stramm.

 

Donnerstag, 22. Februar 2018:

Das meiste, was ich gestern bei einem Unterrichtsbesuch erlebte, kam mir nicht nur Spanisch vor, ich erlebte tatsächlich die erste Spanischstunde meines Lebens. Natürlich fehlten mir jegliche Vokabeln, so dass ich mir vorkam wie seinerzeit auf dem Flughafen in Tokio auf dem Weg nach Australien: Mimik, Gestik und Artikulation musste ich wahrnehmen und ohne Sprachverständnis interpretieren. Zum Glück hatte ich den Unterrichtsverlauf schriftlich vor mir, so dass ich immerhin mitverfolgen konnte, was gerade gearbeitet werden soll. Mich erstaunte dabei vor allem, was die Schüler/-innen in dem halben Jahr im freiwilligen Wahlfach alles schon gelernt haben! Kompliment!

Am Abend eine weitere Begegnung der anderen Art: Kniescheibe trifft Kellertreppe in ungünstiger Konstellation beim Raustragen der Wertstoffsäcke. Ein heftiger Schmerz durchzog das Bein bis hoch ins Gehirn. Der heutige Besuch beim Orthopäden beruhigte zumindest etwas: Nichts gebrochen, nichts gerissen, nichts geknickt. Kein Wunder – oder gerade doch? - wenn die Kniescheibe für ein nicht unbeträchtliches Gewicht als Puffer zu den Steinstufen herhalten muss. „Das scheint nur eine starke Prellung zu sein!“ Belastbar ist das Knie gerade nicht, so dass ich die Treppen im Haus nur „einbeinig“ hoch- und runtergehen kann, das eine Bein eben gestreckt nachziehend. Die Schule besäße zu diesem Zweck zwar einen Aufzug, aber ich soll das Knie erstmal zwei Tage zu Hause hochgelegt schonen. Da muss die Schule jetzt auf anderen Beinen stehen.

 

Dienstag, 20. Februar 2018:

Mit einer zweiten Musikklasse will ich den Cup-Song für die Begrüßungsfeier „neu auflegen“ und anders gestalten. Gestern Abend im Bett vor dem Einschlafen suchte mich plötzlich eine Idee heim. Die muss nun Form annehmen: Die Becher machen dann nicht in einer Gruppe an einem großen Tisch die Runde, sondern (in der Halle verteilt?) an einzelnen Tischen setzen nach und nach Gruppen ein. Mal sehen, ob das was wird. Heute jedenfalls startete ich (noch sehr holprig) damit, die Bewegungen einzustudieren. Da steckt noch Arbeit drin! Aber klar: Ich habe mehrere Jahre Vorsprung.

Am Nachmittag dann die Zeugniskonferenz in Jahrgang 13 mit den Abiturergebnissen. Ohne vorwegzugreifen: Mehr Prüflinge als im letzten Jahr sind bereits jetzt durch, einige brauchen noch wenige Punkte, bei anderen sieht es bereits mau aus, da ist unklar, ob sie die notwendigen (hohen) Punktzahlen erreichen werden oder ob sie gleich gar nicht antreten und sich mit dem schulischen Teil der Fachhochschulreife „begnügen“. Das werden nochmal spannende Prüfungen! Anschließend ein sehr angenehmes Vorstellungsgespräch. Was wäre das ein Gewinn für unsere Schule, wenn hier eine Versetzung (über Landesgrenzen hinweg!) klappen würde. Daumen drücken und morgen bereits versuchen, Wege zu ebnen.

 

Montag, 19. Februar 2018:

Seit dem letzten Stundenplanwechsel und dessen Revision beginnt die Woche für mich in Wachenheim mit zwei Musikstunden. Die Choreografie zu „Sowieso“ nimmt immer mehr Formen an. Heute haben wir zur Verfeinerung eine erste Sequenz auf Video aufgenommen. Und siehe da: Jede Ungenauigkeit steht unverrückbar vor Augen. An einer Stelle, an der die vier Mädchen hochspringen, habe ich beim ersten Anschauen zu Hause ein Standbild angehalten. Man sieht genau, dass ein Mädchen noch am Boden steht, eines hochspringt, das dritte schon oben ist und das vierte ist sich noch unschlüssig, was jetzt als Bewegung folgt. Damit will ich nächsten Montag starten, nicht als Kritik, sondern als Ansporn.

In Deidesheim dann ein Gespräch nach dem anderen. Noch immer ist die Zeit der Widersprüche nicht um, die Aufnahme in die Oberstufe ist noch nicht in trockenen Tüchern, hier ein Konfliktfall, dort zwei Telefonate, die Datei mit Aufgaben für die Nachschrift im Englisch-Abitur runterladen und bearbeiten und jede Menge Unterschriften unter Reisekostenabrechnungen, PES-Verträge und Eingangsschreiben. Da ist dann mal schnell der Vormittag um und die Zeit bis zur Schulleitungsrunde zerronnen.

 

Donnerstag, 15. Februar 2018:

Mir kommt es immer wieder wie ein Wunder vor, wenn eine Schwangerschaft zu neuem Leben führt – ein Vorgang, der natürlicher- oder besser übernatürlicher Weise wohl kaum ausreichend zu würdigen ist. Wer mag schon ermessen, was dabei alles eine Rolle spielt, wie viele Faktoren gelingend ineinandergreifen müssen. In einem Fall im Kollegium laufen einige Faktoren quer (Alles erdenklich Gute!), so dass wir für das mündliche Abitur umplanen müssen. Das ist so kurz vor den Prüfungen nicht unproblematisch, niemand wünscht sich das und doch müssen wir da durch. Neue Prüfer heißt unter anderem: Die Prüflinge sehen sich Prüfer/-innen gegenüber, die sie aus dem Unterricht nicht kennen und daher auch kaum einschätzen können. Immerhin haben wir genügend Fachkolleg/-innen, um alle Prüfungen auch neu besetzen zu können. Und: Es ist ja noch ein wenig Zeit, damit sich Prüfende und Geprüfte noch kennen lernen können. Jetzt gilt es, weitere Informationen abzustimmen: Welche Schwerpunktthemen